Bei der Suzuki-Methode wird ein Instrument durch Nachahmen erlernt. So wie in einer Musikschule in Porto.
Aus der Musikschule A Pauta in Porto dringen Violinenklänge. Gespannt betreten die Drei- bis Zehnjährigen den hellen Raum, alle mit kleinen Geigen in der Hand. "Man soll schon von einem jungen Alter an das Instrument fühlen, respektieren, schätzen und beim Spielen Glück empfinden", sagt Joana Seybert Jesus, die Gründerin der Schule. Nach ihrem Studium in Portugal reiste sie in die USA, wo sie ihre Ausbildung in der Suzuki-Methode bei der Musikpädagogin Betty Haag-Kuhnke erhielt. Parallel vervollkommnete sie sich künstlerisch beim Violinisten Gerardo Ribeiro. Ihr eigener musikalischer Werdegang begann erst mit 13. Das habe ihr geholfen, die Schwierigkeiten junger Schüler besser zu verstehen und ihre eigene Lehrmethode zu entwickeln. Nach der Rückkehr aus den USA eröffnete sie 1997 mit ihrem Mann, José Paulo Jesus, ebenfalls Violinist, die "A Pauta - Academia de Música de Método Suzuki" für Geige und Cello. Die Eltern der rund 100 Schüler sind dort von Beginn an in den Unterricht einbezogen. Seybert Jesus, Joana genannt, ist von zarter Statur, hat braune Augen und Haare und ein modisch buntes Outfit. Freundlich begrüßt sie die 15 Kinder. Der Ensembleunterricht beginnt, indem sich alle Schüler und die Lehrerin voreinander verbeugen. Der Klavierbegleiter spielt die ersten Töne eines einfachen Liedes.
Die Suzuki-Methode wurde nach dem Zweiten Weltkrieg vom japanischen Violinenpädagogen Shinichi Suzuki entwickelt. Er glaubte daran, dass Musik die Welt zu einem besseren Ort machen kann. Seine Idee war, Kinder früh an die Musik heranzuführen, so wie sie ihre Muttersprache lernen, durch Nachahmung und Wiederholung. Er nutzte deutsche Volkslieder wie "Hänschen klein", inspiriert durch seine Frau, die Deutsche war. Je fortgeschrittener die Schüler, desto schwieriger die Stücke. Doch die Älteren spielen weiterhin die leichteren Lieder mit den Kleinen zusammen.
Alle Kinder, die Großen hinten, die Kleinen vorn, schauen auf die Leiterin. "Die Schüler bilden eine Gemeinschaft", berichtet ein Vater. Ist jemand unkonzentriert oder treibt Unsinn, weist die Lehrerin darauf hin. Sie bleibt still, alle warten, und der Begleiter muss die Einleitung erneut spielen, bis jedes Kind die Leiterin in Körper- und Bogenhaltung nachahmt. "Im Gegensatz zu traditionellen Methoden, wo Schüler viele Stunden allein üben, ist es die große Freude in A Pauta, ab dem ersten Moment die Musik mit anderen zu teilen." Das trage immens zur Entwicklung des Kindes bei. Es würde nicht nur ein Gespür für die Bühne entwickeln, sondern auch seine Schüchternheit überwinden.
Mit einer Geste gibt die Lehrerin den Einsatz. Alle Anfänger erzeugen einen Ton. Sie spielen die Stücke nach Gehör. Joana entwickelte eine eigene Methode, um den Kindern die ersten Lieder beizubringen. Dabei werden Bänder auf das Instrument und den Bogen geklebt, und, anders als bei Suzuki, wird nicht alles nach Gehör gespielt. Joana erfand eine einfache Notation. Die Kinder singen den Fingersatz beim Spielen, um die Noten leichter auswendig zu lernen. So lernen Anfänger Schritt für Schritt Volkslieder, jedes mit bestimmten Eigenschaften, wie der linken Hand oder der Bogenhaltung sowie der Interpretation und Phrasierung. "Die Kinder befreien sich so von der Partitur und entwickeln ein inneres Gehör." Joana weiß, dass die Suzuki-Methode auch Kritiker hat. Manche bemängeln, dass das starke Gewicht auf Hören und Nachahmen zu einer Vernachlässigung des Notenlesens und zu einer schlechten Technik führen könne. Deswegen führt sie das Notenlesen früher ein. "Suzuki war ein ausgezeichneter Pädagoge, heißt es immer, aber technisch war er kein guter Geiger." Die Grundlage ihrer Schule sei eine Kombination der Pädagogik Suzukis mit einer ausgezeichneten Technikschulung.
Die Eltern sitzen ebenfalls im Raum. "Sie sind die Assistenten der Lehrer", sagt Joana. Sie helfen ihrem Kind beim Lernen und haben die visuelle Orientierung im Heft mit der vereinfachten Schreibweise. Obwohl sie meist selbst kein Instrument spielen, lernen sie zu korrigieren. Es sei unmöglich, dass ein 30 Monate altes Kind allein übt. "Wir befragen die Eltern, um herauszufinden, ob sie das nötige Engagement für die Suzuki-Methode aufbringen können und wollen."
"Ruheposition, Füße zusammen! Lasst uns ein kleines Spiel spielen, um euer Gedächtnis zu testen." Joana zeigt auf eine Person, die eine Note des Fingersatzes vom neuen Lied singen muss. Wer als Nächstes drankommt, macht weiter. Wer einen Fehler macht, muss sich setzen. "A!", sagt ein Kind. "A!", macht ein anderes weiter. "E! ", schreit noch einer begeistert. "Zwei!", sagt der Vierte. "Falsch! Jetzt musst du dich hinsetzen", erklärt Joana und zeigt auf einen Vater. "Eins!" Der Mann freut sich, dass er es weiß.
Eine mögliche Uniformität der Leistungen bei der Suzuki-Methode sieht Joana ebenfalls kritisch. Da dort alle dieselben Stücke in ähnlicher Weise einstudieren, werde individueller Ausdruck weniger gefördert. "Die Gruppe ist ein Komplement. Ich unterrichte nicht, um in einer Gruppe zu spielen. Ich bringe ihnen bei, individuell gut zu spielen." Um den individuellen Ausdruck zu stärken, bereitet sie die jungen Geiger einzeln auf Konzerte und Wettbewerbe vor, damit sie "die Tendenz, nur in Gruppen zu arbeiten, ausgleichen können".
Dem Vorurteil, dass die durch die Suzuki-Methode ausgebildeten Schüler wie synchron geigende Soldaten erscheinen, widerspricht Joana. Man müsse auch die Kultur berücksichtigen. Im Westen gebe es eine große Emphase auf der Entwicklung der Persönlichkeit, doch man sollte sich auch in eine Gruppe integrieren können, in ein Orchester oder einen Chor. Viele namhafte Solisten wie etwa Arabella Steinbacher, Hilary Hahn oder Julia Fischer haben Unterricht nach der Suzuki-Methode erhalten.
Der einstündige Unterricht endet, und alle verbeugen sich wieder. "Musik ist extrem wichtig, solange sie gut unterrichtet wird", sagt Joana. Die Lehrkräfte können dem Schüler viel beibringen: Konzentration, Respekt vor anderen, Disziplin, Konsequenz, Durchhaltevermögen und die Bereitschaft, Widerstände zu überwinden. "Zu sagen, ich kann es nicht, ist bei uns 'verboten'. Wir können alles erreichen, solange wir uns anstrengen."