Gone with the Wind

Das Projekt "Radeln ohne Alter" hält Senioren auf Rikschas in Bewegung. Motto: "Jeder hat das Recht auf Wind in den Haaren." Auch in Braunschweig.

Ein kühles Lüftchen weht den Duft von feuchtem Laub in das strahlende Gesicht von Elisabeth Schneider. Blätter rascheln. Die Seniorin sitzt in einer Rikscha, die gemächlich durch den Braunschweiger Bürgerpark rollt. Sie erzählt der Fahrerin Katja Niedzwezky von ihrem Berufsleben, das sie als Arbeiterin in einer Blechwarenfabrik im Norden von Braunschweig und als Angestellte beim Verlag Westermann verbracht hat. "Andere Fahrgäste teilen mir mit, wie Braunschweig vor der Bombennacht 1944 ausgesehen hat. Das sind dann manchmal Gänsehaut-Momente, weil sie mir beschreiben, welche Häuser da standen, wo sie gewohnt haben. Insofern sehe ich Braunschweig noch mal mit anderen Augen", erzählt Niedzwezky, während sie mit der roten Rikscha und Schneider auf der Sitzbank um die Ecke biegt.

 

Vor allem für Menschen aus Seniorenheimen sind die Rikscha-Touren eine Möglichkeit, Zeit an der frischen Luft zu genießen. "Jede Tour, die ich mache, ist immer wieder was Neues. Man sieht viel oder erfährt Neues über Ecken von Braunschweig, wo man sonst nie hinkommt", berichtet die ehemalige Kinderpflegerin.

 

Das Konzept von "Radeln ohne Alter" kam dem damals 47-jährigen Sozialarbeiter Ole Kassow 2012 in Kopenhagen in den Sinn, als er einen älteren Herrn mit einem Rollator auf einer Parkbank sitzen sah und später herausfand, dass dieser in der Vergangenheit oft mit dem Fahrrad unterwegs war. 2015 begeisterte das Projekt den leidenschaftlichen Radfahrer Calle Overweg aus Berlin, der das Konzept durch Medienberichte bekannt machte. Seitdem hat sich "Radeln ohne Alter" in Deutschland Schritt für Schritt entwickelt.

 

Was die 95-jährige Elisabeth Schneider, Bewohnerin des Seniorenzentrums St. Elisabeth-Heim, während der Fahrt jedoch nicht sehen kann, sind die bunt verfärbten Bäume, das rote und gelbe Laub auf den Wegen und das gedämpfte Licht der Herbstsonne, das auf der Wasseroberfläche der Oker glitzert. Denn sie hat ihr Augenlicht vor einem halben Jahr fast vollständig verloren. Allerdings kann sie dank der ausführlichen Beschreibungen von Niedzwezky die bezaubernde Natur mit ein wenig Phantasie in Erinnerung rufen.

 

Mittlerweile ist "Radeln ohne Alter" an mehr als 150 Standorten in Deutschland und in mehr als 50 Ländern vertreten und auch unter dem Namen "Cycling Without Age" bekannt. Der Kerngedanke zielt darauf ab, Menschen, die nicht mehr weit laufen können, kostenlose Rikscha-Fahrten anzubieten, damit sie mobil bleiben, am gesellschaftlichen Leben teilhaben und vor Einsamkeit geschützt werden. In Braunschweig besitzt das Projekt 21 Rikschas, 15 davon stehen jeweils an einem der zwölf Seniorenheime, wobei sich einige eine Rikscha teilen. Jedes Heim hat einen Kapitän, der für die Organisation des Teams vor Ort zuständig ist. Von 207 Ehrenamtlichen fahren ungefähr 180 jede Woche oder zumindest jede zweite Woche.

 

Als der Wind ihre Haare leicht aufwirbelt, muss die engagierte Radlerin an den Leitspruch von "Radeln ohne Alter" denken. "Es gibt ja dieses Motto, das Recht auf Wind in den Haaren. Das bedeutet, unterwegs zu sein, was zu riechen, zu spüren, zu sehen, zusammen auch manchmal einfach Quatsch zu machen oder sich über andere Sachen zu unterhalten", erzählt Niedzwezky, die kräftig in die Pedale tritt.

 

In der Corona-Zeit wurde eine Mitarbeiterin der Bürgerstiftung durch eine TV-Sendung, die "Cycling Without Age" vorstellte, inspiriert. "Da viele in der Bürgerstiftung von dem Konzept begeistert waren und meinten, dass es zu Braunschweig passt, begann die Suche nach Ehrenamtlichen", sagt Niedzwezky. Obwohl der Start im Herbst 2020 aufgrund strenger Hygieneauflagen holprig war, erklärten sich viele Sponsoren bereit, die Rikschas zu finanzieren. "Es gab damals große Verwunderung, wie einfach es war, die Sponsoren für diese Rikschas, die sechs- bis siebentausend Euro kosten, zu finden. Die Bürgerstiftung stieß bei den Unternehmen in der Stadt auf offene Türen."

 

Als sie durch eine Allee fahren, berichtet die Pilotin von den vielen Tauben, die vom Wegesrand davonflattern, und von den Gebäuden, an denen sie vorbeifahren. Schneider lehnt sich entspannt zurück und lauscht. Die rote Rikscha ist mit einem Elektromotor, einem praktischen Haltebügel und einem Sicherheitsgurt ausgestattet. Sie wurde von der dänischen Firma Christiania Bikes entwickelt. Das Projekt in Deutschland verwendet jedoch ausschließlich Rikschas der niederländischen Unternehmen vanRaam und Bakfiets. Auf der Sitzbank können zwei Personen Platz nehmen. Das Gefährt besitzt drei Räder, vorne zwei kleinere und hinten ein größeres, die für Antrieb und Stabilität sorgen. Es gibt viele Modelle, die sich in Größe und Aussehen unterscheiden. Die Bakfiets-Rikscha ist 102 Zentimeter breit, 200 Zentimeter lang und ohne das Verdeck, das die Passagiere vor Regen und Sonne schützt, 130 Zentimeter hoch. Eine Feststellbremse ist essenziell, um sicher zu parken und ein Wegrollen beim Ein- und Aussteigen zu verhindern. Unter und hinter der Sitzbank kann Zubehör aufbewahrt werden. Eine ausziehbare Fußstütze ermöglicht ein leichteres Einsteigen.

 

Ehrenamtliche, wie die 60-Jährige, durch die das Projekt erst ermöglicht wird, sind oft Menschen in Altersteilzeit, im Vorruhestand oder Rentner, die Zeit haben und dann merken, sie wollen etwas zurückgeben und anderen helfen. Doch auch Berufstätige, Studenten und Schüler engagieren sich. "Es ist ein Ehrenamt, das auch total Spaß macht", sagt Niedzwezky mit einem strahlenden Lächeln. Seit 2021 radelt sie in Braunschweig, sonst arbeitet sie als freie Autorin im Natur- und Umweltjournalismus. "Es ist so toll, die Reaktionen von den Menschen, die man als Fahrgäste hat, zu erleben. Einige kenne ich jetzt schon seit vier Jahren, manche sind in der Zeit gestorben, aber wir machen unseren Fahrgästen die letzten Lebensjahre schöner. Und die mir auch, weil sie mir unterwegs so viel erzählen." Da seien manchmal kleine Lebensweisheiten dabei. "Außerdem ist es einfach schön, mit einer anderen Generation zu tun zu haben." Von der Hektik, die um sie herum auf der Straße herrscht, lässt sie sich nicht aus der Ruhe bringen. "Du musst auf den Verkehr achten, auf alles um dich herum. Du musst die Technik der Rikscha meistern. Und du sollst dich nach Möglichkeit auch mit deinen Fahrgästen unterhalten."

 

Zurzeit schafft die Bürgerstiftung drei weitere Rikschas an und setzt neue Projekte um, wie etwa die Rollstuhl-Rikscha oder das Einsetzen einer Rikscha am 42 Hektar großen Braunschweiger Hauptfriedhof. Ein geplantes Konzept, das schon in Großbritannien Fuß gefasst hat, nennt sich "Radeln auf Rezept". Dabei können Ärzte ihren Patienten sportliche Aktivitäten wie beispielsweise Radfahren auf Rezept verschreiben, wenn sie der Meinung sind, diese bräuchten mehr soziale Kontakte oder mehr Bewegung an der frischen Luft. "Mehr öffentliche Anerkennung vom Ehrenamt in der Gesellschaft wäre natürlich manchmal schön", wünscht sich Niedzwezky. "Das wird häufig so selbstverständlich genommen. Es ist ja schon, dass man seine Zeit stiftet."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 08.12.2025, Nr. 285, S. 26 - Antonia Popp, Wilhelm-Gymnasium, Braunschweig

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