Halb so Wild?!

19 Jahre alte Zwillinge werden zu Schützen


St. Moritz ist bekannt für Luxus und Wintersport. Doch abseits der teuren Boutiquen und Pisten werden tief verwurzelte Traditionen weitergeführt. Die 19 Jahre alten Zwillinge Corina und Tara Nani haben eine besondere Leidenschaft: die Jagd. Neben ihrem BWL-Studium in St. Gallen und Hobbys wie Skifahren und Cresta-Fahren verbringen die beiden viel Zeit in der Natur. "Das Jagen hat einen ganz besonderen Platz in unseren Herzen und begleitet uns seit unserer frühesten Kindheit", erzählt Tara. "Unsere Mutter nahm uns bereits im Kinderwagen mit auf die Jagd", sagt Corina lachend. Sie hatten nie Angst, weder vor Tieren noch vor Waffen. Das Jagen hat eine lange Familientradition, die durch das Leben in den Bergen geprägt wurde. Ihre Großmutter war eine der ersten Jägerinnen im Kanton Graubünden, ihre Mutter eine der besten Schützinnen, die Zwillinge sind die jüngsten Jägerinnen des Kantons.


Corina meint, dass immer mehr Frauen Gefallen an der Jagd finden. "Vor zwei Jahren waren bei unserer Theorieprüfung mehr als die Hälfte der Prüfungsabsolventen Frauen." Die eidgenössischen Jagdstatistiken, vom Bundesamt für Umwelt, stützen ihre Aussage. Zwischen 2014 und 2022 stieg die Zahl in der Schweiz von rund 350 auf 1065 Jägerinnen.


Corina betont, dass die Jagd in der Schweiz äußerst anspruchsvoll sei und ein umfassendes Wissen, Ausdauer, Fleiß, eine tiefe Verbundenheit zur Natur sowie körperliche Fitness und ein starkes Selbstbewusstsein erfordere. Neben der Theorie erfordert die Prüfung viele Stunden aktiver Pflege und Bewirtschaftung der Wälder, die als Hegestunden bezeichnet werden. Tara erwähnt, dass Frauen in dieser männlich geprägten Umgebung oft mit Vorurteilen konfrontiert sind und häufig spöttische Bemerkungen ertragen müssen wie: "Schon cool, dass Frauen jagen, aber wie können sie nur ein erlegtes Tier den Berg hinuntertragen?" Zusätzlich werden junge Frauen zur Zielscheibe der Kritik von Jagdgegnern. Corina erwähnt stolz, dass Tara regelmäßig die männlichen Schützen mit ihrer Treffsicherheit zum Staunen bringe.


Die Zwillinge treten auch den Jagdgegnern entschieden gegenüber: "Die Jagd ist für uns viel mehr als nur eine Freizeitaktivität. Sie ist eine wichtige und unerlässliche Maßnahme zur Erhaltung von Flora und Fauna. Die Regulierung des Tierbestands ist notwendig, um die Verbreitung von Krankheiten unter den Tieren zu verhindern und die Natur vor Schäden zu bewahren, etwa wenn Tiere junge Bäume durch das Abfressen von Zweigen gefährden." Vieles sei genau reguliert: "Zum Beispiel wer, wo und wie viel jagen darf. Wer sich nicht

daran hält, zahlt hohe Bußen." So gibt es geschützte Tiere, wie Wolf und Adler, aber auch Gebiete, in denen man nicht jagen darf. Die Jagdzeiten sind ebenfalls klar festgelegt sowie die Zeitfenster für die verschiedenen Jagdformen wie Hoch- und Niederjagd, Sonderjagd und Passjagd. "Wir betreiben vor allem die Hochjagd, bei der wir die Hänge hochsteigen und über Felsen kraxeln, Mensch gegen Berg, Mensch gegen Tier, vielleicht die ehrlichste Form der Jagd", sagt Tara.


Und Corina erzählt: "Letzten Herbst machten wir uns noch vor Sonnenaufgang auf die Jagd. Plötzlich entdeckten wir einen prachtvollen Rehbock. Da die Entfernung zu groß war und er im Dickicht verschwand, entschieden wir uns zu warten. Aus Minuten wurden Stunden.

Mehrmals übermannte uns die Müdigkeit, so schliefen wir abwechslungsweise immer wieder ein. Nach sieben Stunden kam der Rehbock aus seinem Versteck, und ich erlegte ihn mit einem gezielten Schuss. Er musste nicht leiden. Die freudigen Emotionen überwältigten mich, es war mein erstes Tier. Ich war unglaublich stolz und rief meine Eltern an." Anschließend erfolgt die Ausweidung. Die Innereien werden entfernt und den anderen Wildtieren zur Verfügung gestellt. Corina betont, dass sie und Tara ein aufrichtiges Wertschätzen der Tiere praktizieren, weshalb sie die erlegten Tiere für den Eigenverzehr nutzen und nicht verkaufen.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 10. Februar 2025, Nr. 34, S. 26 - Chiara Borsari, Kantonsschule Uetikon am See

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