Eine überbuchte Pension auf Mallorca im Jahr 1967 war der Anfang einer ungewöhnlichen Romanze.
Cala Ratjada, ein idyllisches Städtchen an der Nordostküste Mallorcas, war schon in den 60er Jahren mit seinen Sandstränden, Buchten und dem türkisfarbenen Meer ein beliebtes Reiseziel. Entlang der Strandpromenade finden sich Restaurants, Cafés und Geschäfte. 1967 lernten sich hier zwei Menschen kennen, zufällig.
Als Dieter Riedel mit seinem Freund im Bus auf dem Weg zu seiner Unterkunft saß, schilderte ihnen der Reiseleiter das Problem: Die Pension war überbucht. "Wir haben uns direkt bereit erklärt, ein Nebenhaus mit einem anderen Touristenduo zu teilen, zumindest das Bad. Unsere Bedingung war, uns das Nebenhaus mit zwei Damen zu teilen."
Zur selben Zeit wurden Ursula Fischer und ihre Schwester über die ungünstige Lage informiert. "Wir waren gar nicht begeistert. Plötzlich müssen wir ein Bad mit zwei fremden Männern teilen? Aber wir waren ja in Cala Ratjada, um viel zu sehen, und nicht, um Zeit im Haus zu verbringen, so ließen wir uns darauf ein."
"Zwangsläufig haben wir uns immer wieder getroffen und uns freundlich unterhalten. Warum auch immer haben wir dann quasi zu viert Urlaub gemacht. Ich und Dieter haben uns besonders gut verstanden, weshalb wir auch zu zweit loszogen." Sie sind öfter essen gegangen, die ersten Funken sprangen über. "Mir war direkt klar, dass ich ihr gefallen werde. Ich meine, warum denn auch nicht?!", scherzt Dieter und ergänzt die Ausführungen seiner Frau mit lustigen Kommentaren. Als die damals 20-jährige Ursula dann zurück in ihre Schweizer Heimat und der 21-jährige Dieter ins Schwabenland geflogen waren, hielten sie Kontakt. "Der Urlaub war zwar vorbei, aber unsere gemeinsame Reise noch lange nicht", lacht die heute 76-Jährige. Aufgewachsen ist sie in der Kleinstadt Sursee im Kanton Luzern. Sie hat kinnlange Haare und eine blaue, runde Brille. Ursula und Dieter wohnen in einem Teilort von Schorndorf bei Stuttgart. Das große Wohnzimmer ist gemütlich, mit Bildern und Skulpturen aus vielen Ländern, die von Reisen erzählen, weißem Couch und altem Kamin.
"Drei Jahre nachdem unsere Blicke sich zum ersten Mal getroffen hatten und nach vielen gegenseitigen Besuchen, beschlossen wir im Jahr 1970 zusammenzuziehen. Für uns beide war direkt klar, dass Ursel nach Deutschland zieht, da ich mit meiner Ausbildung im Schwabenland gebunden war", erzählt Dieter. Er hat weiße, kurze Haare. "Ich selbst würde mich mit Brad Pitt vergleichen", sagt er augenzwinkernd. Obwohl Ursulas Umzug nach Deutschland reibungslos verlief, hatte ihre alleinerziehende Mutter starke Einwände. "Meine Mutter hatte den aus ihrer Sicht 'protzigen jungen Deutschen' bereits kennengelernt." Dieter hatte damals schon ein schickes Auto, da sein Vater als Mechanikermeister eine Tankstelle mit Werkstatt besaß. "Ein Deutscher? Ist sie denn noch bei Sinnen?", sei der Mutter wohl durch den Kopf gegangen. "Außerdem war in den Augen vieler nach dem Weltkrieg ja so oder so jeder Deutsche ein Nazi", sagt sie und schüttelt den Kopf. Keinen Schweizer hatte sich die Tochter also ausgesucht und dazu noch einen Nichtkatholischen. Wegen dieser Vorurteile war es wohl einfacher, dass Ursula nach Deutschland gezogen ist, als umgekehrt. Sie wird von Freunden und Geschwistern unterstützt und stürzt sich ins Abenteuer. "Was macht man nicht alles aus Liebe?", sagt sie.
"Das Einleben in Deutschland war kein großer Kulturschock, bis auf die Gehaltsabrechnung mit den Beiträgen für die Krankenkasse oder dem Abzug der Steuern. Das war für mich eine große Herausforderung, weil die Krankenversicherung in der Schweiz privat organisiert ist. Zudem variiert die Höhe der Steuern in der Schweiz je nach Kanton und Gemeinde, während in Deutschland ein einheitliches Steuersystem gilt." Arztbesuche waren anfangs auch eine Herausforderung. Aber sie hatte ja Unterstützung. "Nachdem ich ein Inserat in die Zeitung gesetzt hatte, weil ich nach einer Stelle gesucht habe, hatte sich auch hier ein Problem ergeben: Ich sollte Vorschläge zum Gehalt machen. Da ich kaum Vorstellungen von der damaligen D-Mark hatte, ließ ich mir 2000 D-Mark brutto auf die Hand geben."
Oft war das Paar in der Tankstelle von Dieters Vater. Dort sprach oder sogar sang Ursula in ihrem Dialekt. "Entertainment ohne Fernseher", sagt Dieter lachend. "Ich hatte schon einen gewissen schwäbischen Wortschatz, hatte ich gedacht, da ich in Luzern als Telefonistin gearbeitet und so ab und an schwäbischen Gesprächen gelauscht hatte." Weitere Eigenarten beim Start im Schwäbischen waren die "Kaffee und Kuchen"-Zeiten, die in der Schweiz direkt nach dem Essen stattfinden, aber in Deutschland nachmittags. Und der Kartoffelsalat ist ihr im Gedächtnis geblieben. "Bei uns wird er in Scheiben geschnitten, total einfach, das bekommt jeder Idiot hin. Im Gegensatz dazu ist die Zubereitung des deutschen Kartoffelsalats schwer, eine Kunst! Wie lange ich da dransaß, bis der gut geschmeckt hat." Ursula wurde mit guten Sitten und sehr streng am Tisch erzogen. In der Familie ihres Mannes ging es rustikaler zu. "Als ich die Familie zum ersten Mal essen gesehen hab, also, ich hab mich wirklich gefragt, wo ich hier gelandet bin." Heute lachen beide darüber. 1971 fand die Hochzeit statt. Sie haben zwei Kinder und zwei Enkel. "Ich habe meine Entscheidung nie bereut." Manchmal fliegen sie auch heute noch nach Mallorca.