Der Schweizer Sänger Dagobert hat seine Musik weiterentwickelt. Auf Ruhm legt er wenig Wert
Dagobert nimmt schon nach wenigen Sekunden ab. Der Schweizer Musiker, der mit richtigem Namen Lukas Jäger heißt, steht im Stau auf der A 1 vor Köln und klingt entspannt. Dinge wie Staus scheinen an ihm abzuperlen. Er war gerade auf Tour in Deutschland für sein neues, selbst produziertes Album "Dagobert und die wahre Musik vom südlichen Blütenland". "Ich habe einfach irgendwann entschieden, dass ich alles allein mache", erzählt er. Es sei die Freiheit und Selbstbestimmung, die Dagobert, der mit Elektro-Schlager bekannt wurde, vor das Geld und den Ruhm stellt. Und das, obwohl er am Anfang seiner Karriere, im Jahr 2013, die Kritiker begeisterte und ihm ein Ausbruch aus der Geheimtippliga verheißen wurde.
Um diesen Status der Unabhängigkeit zu erreichen, habe der ehemalige Feuilletonliebling, der als "Schnulzensänger aus den Bergen" gefeiert wurde, damals noch in Berlin lebend, dem Musikbusiness abgeschworen: kein Label, kein Vertrag, kein Management. Kompromisslos habe er alle Dinge abgeschaltet, die ihn anfangs zwar bekannt machten, aber auch ausgebremst hätten. "Jetzt kann ich machen, was ich will." Er erzählt mit einer inneren Sicherheit, wie er seinen Weg gefunden hat.
Dagoberts öffentliche Resonanz ist durch diesen Alleingang stark gesunken, aber das störe ihn nicht, denn dafür habe sich der hochgewachsene 42-Jährige, der seine gewachsten schwarzen Haare immer nach hinten gekämmt trägt, in seiner Kreativität frei entfalten können. "Diese Entscheidung kurbelte meine Produktivität enorm an. Seither feile ich nicht mehr zwei Jahre an einem Album herum, bis es perfekt ist." Bedeutender sei, dass er mit jedem Album ein Zeitdokument über seine Gefühle erschaffen könne. "Hoffentlich ergibt sich irgendwann ein wertiges Gesamtwerk, in dem man vieles entdecken kann." An seiner tiefen Stimme spürt man, dass er von einer unbefriedigten Sehnsucht getrieben ist. Solange es ihm möglich sei, so weiterzumachen wie jetzt, mache er nur Musik. "Wenn das nicht funktionieren sollte, muss ich mir etwas anderes überlegen."
Für sein neues Album habe er im Spätherbst 2023 für zwei Monate sein Chalet im Berner Oberland verlassen und sei zum ersten Mal im Leben aus Europa weggereist, mit 41 Jahren. Er habe diese Zeit in Cañas, einem Dorf in Panama, verbracht, im Dschungel. Sein Produzent bestand darauf, das Album irgendwo aufzunehmen, wo das Klima zu den Songs passt. "Was ich dort fand, war mehr als nur ein Ort für Aufnahmen, es war ein Lebensgefühl. Ein Alltag, in dem Menschen trotz ihrer Armut eine Gelassenheit ausstrahlten, die mich tief berührte." Er habe erkannt, dass diese Menschen ganz andere Werte leben, die auch ihm wichtig seien. Im Lied "Im Menschenstall" singt Dagobert: "Ich war schon immer blank / Manche halten das für krank / Doch wenn ich's mir überleg / Es ist der allerbeste Weg."
Während seines Panama-Aufenthalts - zwei Freunde, die gerade mit ihm im Auto sitzen, waren dabei - habe sich sein neues Album nach und nach herausgeformt. Nun sind auf dem Album Klänge zu hören, die neu sind für Dagobert. Aber wer ihn und seine Musik kennt, weiß, dass das Sichändern seiner Musik nichts Neues ist.
Dagobert fährt gerade im Schritttempo an einer Baustelle vorbei, die für den Stau verantwortlich war. Allerdings sitzt er nicht hinter dem Steuer, denn er hat keinen Führerschein. "Wenn neue Musik produziert werden soll, finde ich auch immer jemanden, der mit mir zusammenarbeitet. Ich mache das schon am liebsten mit Freunden", sagt er so laut, dass seine beiden Begleiter es mitbekommen und laut lachen.
Wenn ein Album fertiggestellt ist, hört es für Dagobert auf, denn von anbiedernder Promotion und Marketing halte er nichts. Es gehe ihm um die Musik, nicht darum, ob sie jemandem gefalle. Auch sein letztes Album sei ohne jegliche Werbung erschienen, auch keine Artikel in den Medien. Er wolle auch nicht durch Social Media seinen Radius vergrößern. "Ich hasse dieses Game. Ich spekuliere nicht darauf, dass etwas per Zufall viral geht." Dagobert sagt das ganz ohne Emotionen, auch wenn er von der Hand in den Mund lebt. Zwar ist seine Musik auf Plattformen wie Spotify verfügbar, doch die Einnahmen daraus reichen bei Weitem nicht aus, um davon leben zu können. Für Dagobert seien es eher die Konzerte, die den Großteil seiner bescheidenen Einnahmen ausmachen. Allerdings sei auch das kein verlässliches Einkommen, denn meist spiele er in kleineren Locations, oft vor einem Nischenpublikum. "Ich bin wirklich arm wie eine Kirchenmaus."
Trotz seiner Skepsis kommerziellen Kollaborationen gegenüber seien immer wieder Zusammenarbeiten entstanden. So etwa mit Mille Petrozza, dem Frontmann der Thrash-Metal-Band Kreator, oder mit dem deutschen Rapper Casper. Mehrfach habe er sich zu Kooperationen überreden lassen, aber meistens sei er enttäuscht worden. Auch da gehe es nur um beidseitige Reichweitenerhöhung. "Ich bin einfach der letzte Mensch, wenn es um wirtschaftliches Denken geht, das habe ich nicht." Im Lied "Im Menschenstall" heißt es: "Mit Ehre und Ruhm hab ich nichts zu tun."
Die Musik bleibt Dagoberts Mission. "Auf alles, was anderen Menschen wichtig ist, bin ich eigentlich null bedacht." Kein sicheres Einkommen, keine Stabilität, sogar sein Zuhause werde vielleicht bald zu einem Yogatempel umgebaut. Dann müsse er weiterschauen. Nur die Musik und seine Gefühle leiteten ihn. Er brauche daneben nicht noch ein Leben, das sicher sei. "Wenn ich Schwierigkeiten begegne, verwandle ich sie einfach in Inspirationen."
Früher sang Dagobert persönlicher, heute wirkt seine Musik manchmal fast distanziert. Er beschreibt seine Welt zunehmend so, als wäre er nur ein Beobachter. "Warum das genau so passiert, kann ich nicht erklären." Er fühle sich beim Schreiben mehr wie ein Medium, gar nicht wie er selbst. Das sei mit den Jahren immer mehr geschehen. Der Stau auf der A 1 hat sich aufgelöst, die Fahrt geht weiter.