Immer schön auf der Matte bleiben

Tina Trstenjak ist die erfolgreichste Judoka Sloweniens

Im Osten Sloweniens fließt die Savinja durch ein flaches Hügelland, durch Wiesen mit Bauernhöfen und Heuharfen und bunte Dörfer. Doch wenn man nahe Celje durch die kleine Gemeinde Lopata fährt, steht an der Landstraße plötzlich ein roter Doppeldeckerbus, ein Original aus London. Er steht neben dem Judozentrum von Marjan Fabjan, dem erfolgreichsten in ganz Slowenien. Mit den Judoka Urska Zolnir Jugovar, Petra Nareks, Lucija Polavder, Rok Draksic, Tina Trstenjak und Anamari Klementina Velensek wurde es weltbekannt.

 

"Ohne Marjan Fabjan gäbe es kein Judo in Slowenien", sagt Tina Trstenjak. Mit ihm als Trainer wurde die 34 Jahre alte, 162 Zentimeter große Frau aus Celje 2016 gleichzeitig Europameisterin, Weltmeisterin und Olympiasiegerin. Bei diesen Großveranstaltungen hat sie 13 Einzelmedaillen gewonnen und ist die erfolgreichste Judoka Sloweniens. "Marjan Fabjan ist streng und achtet auf Disziplin. Aber innerlich ist er ein sanfter Riese", sagt sie beim Treffen auf der Judomatte in Fabjans Zentrum. Der 1958 geborene bullige und grimmig wirkende Mann war in drei Ländern nationaler Meister, viermal in Jugoslawien, zweimal in Österreich und einmal in Slowenien, bevor er in Celje als Trainer anfing und mit seinen Schützlingen sechs olympische Medaillen gewann. "Insgesamt wahrscheinlich 70 internationale Titel", wie Trstenjak vermutet. Alles habe begonnen, als Fabjan 1990 die Judoabteilung "TVD Partizan 19. September - Ostrozno" gründete, ohne festen Trainingsraum. "Marjan wollte aber schon immer sein eigenes Dojo haben." So heißt der Trainingsraum auf Japanisch. 1992 wurde dann der "Budokan Fabjan" als Dojo in Lopata gebaut, wo Fabjan geboren wurde. "Es ist eigentlich ein Tempel für Weltklassejudokas", meint Trstenjak. Mit dem Umzug in den Budokan Fabjan sei dann auch der Name des Vereins zu Judo Klub Sankaku geändert worden, was auf Japanisch Dreieck bedeute und für die kleinen Ortschaften in der Region Celje stehe, in denen Fabjan als Judotrainer angefangen hat: Grize, Kristan Vrh und Galicija.

 

Dabei hat "Fabjan eigentlich Goldschmied gelernt", sagt Trstenjak. "Doch als Judotrainer ist er zu einem Goldschmied für junge Menschen geworden." "Obwohl du, wie die anderen, gar kein Talent hattest", bemerkt Fabjan im Vorübergehen lachend. "Ich hätte nie gedacht, dass du mal Erfolg haben würdest!" Judo sei harte Arbeit und eine Lebenseinstellung. "Dabei muss man die jungen Menschen begleiten und anleiten."

 

2004 ging die Erfolgsgeschichte richtig los, als Urska Zolnir aus Fabjans Team mit Bronze die erste slowenische Olympiamedaille im Judo gewann. Seither bringt Fabjan immer etwas von den Veranstaltungsorten mit. Damit richtete er 2004 in seinem Judozentrum ein Sportmuseum ein. 2008 folgten aus Peking zwei Terrakottakrieger, die vor dem Eingang zu seinem Büro stehen. Und so kam auch der rote Doppeldecker, Baujahr 1963, nach Lopata. "Denn bei den Olympischen Spielen in London gewann Zolnir nicht nur die erste Goldmedaille im Judo für Slowenien, sondern die erste Goldmedaille für eine Frau aus Slowenien überhaupt", berichtet Fabjan stolz. "Da habe ich auch gleich noch einen Flipper-Automaten mitgebracht." Bei den Spielen in London begann auch Trstenjaks Karriere. "Ich erlebte den Sieg von Urska in meiner Gewichtsklasse bis 63 Kilogramm. Bei der Siegerehrung war mir klar: Auf das Treppchen will ich auch. Und zwar bis ganz oben." Von Anfang an hatte sie Fabjan mit ihrer enormen Willenskraft beeindruckt. "Tina hat einen ruhigen, ausgeglichenen Charakter und weiß genau, was sie will. Und darauf fokussiert sie dann zu hundert Prozent", sagt er.

 

Als Kind habe sie immer nur Sport im Kopf gehabt. "Meine Mutter hatte eine Regel: Ich konnte mir jede Sportart aussuchen, aber ich musste sie ein Schuljahr lang ausüben. Auch wenn ich den Sport, den ich gewählt hatte, nicht mochte." Mit acht Jahren habe sie mit Judo angefangen, das habe Ordnung und Disziplin in ihr Leben gebracht. Die neun Jahre ältere Urska sei dabei sehr wichtig gewesen. Man lerne Judo, indem man es betreibe. "Und ich war Urskas Sparringspartnerin in London, als ich noch nicht auf ihrem Niveau gewesen bin. Sie war die beste Lehrerin, die ich haben konnte." Die Schule selbst habe sie in dieser Zeit nicht interessiert.

 

"Judo fand ich härter und herausfordernder als Schule; ich hatte keine Ahnung, wozu Schule gut sein sollte. Jeden Morgen stand ich um fünf Uhr auf, ab sechs trainierte ich für ein bis zwei Stunden, ging zur Schule, trainierte abends ab 19 Uhr nochmals für zwei weitere Stunden. Nur manchmal war ein Sonntag frei." Obwohl sie keine Diät habe halten müssen, um ihr Kampfgewicht zu halten, sei ihre gesamte Karriere eine Zeit von großer Disziplin und Verzicht gewesen. "Ich bin Perfektionistin. Und ich wollte die Beste sein." Mit dem Erfolg sei dann auch der Druck immer größer geworden, von der Öffentlichkeit, den Medien, dem Trainer. "Auch von meinen Eltern", sagt sie. "Ich habe das gespürt. Erst nachdem ich die olympische Goldmedaille in Rio gewonnen hatte, sagten sie, dass sie gar nicht wollten, dass ich Judo trainiere und sie mir keinen Judogi kaufen wollten. Ich hätte sogar vor dem Ende eines Schuljahres mit dem Training aufhören dürfen. Aber später hat es ihnen sicher gefallen, dass ich beim Judo geblieben bin." Dabei hat sie sich auch nicht von Misserfolgen ablenken lassen. "Ich weiß nicht warum, aber in Deutschland hatte ich meine schlechtesten Resultate. Und gegen die Japanerin Miku Tashiro habe ich in elf Begegnungen elfmal verloren", meint sie lachend. Bei all ihrem Erfolg ist Trstenjak auf der Matte geblieben. "Ich mag es nicht, im Mittelpunkt zu stehen, und ich habe kein Problem damit, dass mich die Leute manchmal nicht erkennen", sagt die zierlich wirkende, dezent geschminkte junge Frau. Fabjan arbeitet heute mit einer neuen Generation von Judoka, denn Trstenjak ist vom aktiven Sport zurückgetreten. "Das Kapitel ist abgeschlossen", sagt sie, "ein für alle Mal. Sport betreibe ich nur noch, um physisch und mental fit zu bleiben." Jetzt habe sie Zeit für sich selbst, für Bücher, Reisen, Freunde. Sie wünsche sich eine Familie und ein möglichst ruhiges, entspanntes Leben. "Aber alles, was ich heute bin, bin ich durch Judo geworden." Sie unterrichtet an der Akademie der International Judo Federation (IJF) und arbeitet für die IJF bei Wettkämpfen als Kampfrichterbetreuerin.

 

Zum Interview hat sie ihren Kimono angezogen und ihre beiden Olympiamedaillen mitgebracht: Gold und Silber. Beide hat sie im Finale gegen die Französin Clarisse Agbegnenou gewonnen. Fotos ihres gemeinsamen Jubels gingen um die Welt. "Ich denke, unsere beiden olympischen Finals in Rio und Tokio haben deutlich gemacht, dass Judo vor allem eine Philosophie ist - ein Sport, der auf Fairness und Respekt aufbaut. Aber Judo ist mehr als nur ein Sport; es ist eine Lebenseinstellung. Es lehrt Disziplin, Widerstandsfähigkeit und Demut und formt nicht nur Champions auf der Matte, sondern auch starke und respektvolle Menschen darüber hinaus."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 07.07.2025, S. 26 - Zoja Stancar, Anja Oblak. Discimus Lab, Videm pri Ptuju/Trzec

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