Inklusion ist nicht isoliert zu betrachten

In Timisoara gibt es eine Einrichtung für Kinder und Jugendliche mit Behinderung.

Mittags ist ganz Timisoara in Bewegung. Autos rasen über den Boulevard. Die Bürgersteige sind so hoch, dass sie schon für Fahrräder eine Gefahr darstellen, für einen Rollstuhl sind sie nicht zu schaffen. Schlaglöcher auf Schritt und Tritt. Wie soll ein Blinder oder ein Rollstuhlfahrer eine solche Kreuzung überqueren? "Leider ist die Inklusion von Menschen mit Behinderung in Rumänien noch keine Realität. Barrierefreiheit im Alltag, Teilhabe von behinderten Kindern am Schulunterricht, Integration Behinderter in den Arbeitsmarkt. Wohin man blickt, gibt es schwere Defizite in Rumänien", heißt es in dem Bericht "Inklusion weltweit" der Konrad-Adenauer-Stiftung aus dem Jahr 2023. Schwierig ist auch der Weg zur Einrichtung "Constantin Pufan", die sich die Bildung und Integration geistig und körperlich behinderter Kinder und Jugendlicher zum Ziel gesetzt hat. Entstanden ist sie 1998 aus einer privaten Initiative, zwei Jahre später wurde sie ein staatliches Therapie- und Schulzentrum.

 

Das Gebäude ist ein gewaltiger Häuserblock. In kommunistischen Zeiten erbaut ist er nicht mehr so grau wie früher. Die Fassade und das Innere wurden vor Kurzem renoviert und sind jetzt grün. Die selbstgemalten Bilder von Kindern bringen Leben in die Mauern. Lebendigkeit versprüht auch die Physiotherapeutin Raluca Nedelea. Die brünette 44-Jährige arbeitet seit mehr als 20 Jahren mit behinderten Kindern. Sonnenlicht fällt durch die großen Fenster, die einen Blick auf den Sportplatz der benachbarten Regelschule erlauben. Die Kinder des Zentrums benutzen den Platz auch, aber zu anderen Zeiten.

 

Im Raum befinden sich bunte Hindernisse, durch die die Kleinen gehen können. In der Mitte stehen ein Elektrofahrrad und eine Laufbahn, links hängen quadratische Spiegel, auf dem Boden liegen Matratzen. Da die Räume knapp sind, ist alles multifunktional eingerichtet. Die Kinder üben zu zweit, zu dritt und manchmal zu viert, je nach Alter. Die Therapeutin, die auch an der Universität unterrichtet, wird bisweilen von ihren Studenten unterstützt, die hier ihr Praktikum machen. "Manchmal bin ich auch allein und muss mit allen gleichzeitig arbeiten und mit jedem Einzelnen das machen, was er gerade braucht." Einfühlungsvermögen, Geduld und Verständnis seien notwendig. "Das schafft erst die Atmosphäre, in der das Kind weiterkommen kann. Und der Therapeut muss sich immer wieder anpassen können." In einer Gruppe sind meistens zwischen fünf und sieben Kinder. Das Zentrum funktioniert praktisch wie eine Schule. "Kinder, die aufgrund ihrer Diagnose nicht in Regelschulen integriert werden können, besuchen die Schule 'Constantin Pufin'. Diejenigen, die in die Regelschule integriert sind, besuchen nur die Therapien. Letztlich entscheiden die Eltern das, nach Gesprächen mit den Therapeuten", erklärt Nedelea. Der Unterricht ähnelt dem der Regelschule. Zusätzlich werden nachmittags kompensatorische Therapien angeboten. "Die Kinder nehmen an Logopädie, Ergotherapie, Physiotherapie, Sinnestherapie und Hörtraining teil", erklärt Gabriela Popa, die stellvertretende Direktorin des Zentrums. "Hier sind Lehrer darauf spezialisiert, Kinder mit Behinderungen zu fördern und ihnen zu helfen, sich in die Gesellschaft zu integrieren."

 

Cristina Costea, Direktorin des Diakoniewerks Rumänien in Hermannstadt, meint: "Der Anspruch auf Integration auf sozialer, beruflicher, pädagogischer und kultureller Ebene ist gesetzlich festgelegt. Normalerweise sollte es in allen Schulen Förderlehrer geben, die ein Kind mit sonderpädagogischem Förderbedarf unterstützen, damit es mithalten kann. Aber die Wirklichkeit sieht anders aus." Davon berichtet auch Marius Sabau von der Caritas in Timisoara. "Es gibt kaum begleitende Assistenten. Das Gesetz sagt zwar, dass jedes Kind in einer regulären Schule lernen darf. Aber die regulären Schulen sind noch nicht der geeignete Ort für diese Kinder. Es kommen die leichten Fälle, und es kommen Kinder mit schwereren Einschränkungen. Alles trifft in einer Klasse zusammen. Die Lehrer sind darauf nicht vorbereitet." Er sieht beide Seiten. "So wie die Schulen im Moment funktionieren, bringt das Kind den normalen Schulalltag durcheinander. Es kann gar nicht anders als stören. Dann sind die Eltern und die anderen Kinder unzufrieden, und das Kind wird unglücklich. Es ist für alle frustrierend." Für ihn liegt die Lösung woanders: "Der Staat muss mehr machen. Also nicht nur sagen, dass sie in einer normalen Schule lernen dürfen, sondern er muss dann auch die nötigen Strukturen schaffen. Aber das kostet viel Geld, und ich glaube, das ist das größte Problem. Keine qualifizierten Leute und kein Geld."

 

Es geht auch um Erleichterungen im Alltag. Und dafür braucht man ein Zertifikat. Doch der Weg zu diesen Zertifikaten ist beschwerlich. Costea kennt das. "Ein Attest für eine Behinderung ist ein längerer Prozess. Zuerst geht man zum Arzt, der schreibt dann Briefe darüber, welche Probleme es gibt. All die Unterlagen werden beim Bürgermeisteramt eingereicht und mit Dokumenten einer Kommission vorgelegt, die entscheidet, in welchen Grad die Behinderung fällt." Viele Eltern bemühen sich um Zertifikate. Nicht alle haben es geschafft.

 

Soeben hat die Therapiestunde begonnen. Drei Kinder sind heute dabei, zwei Mädchen, 15 und zwölf Jahre alt, und ein fünfjähriger Junge. Zwei von ihnen haben sowohl motorische als auch psychische Probleme. "Wir haben einen angepassten Lehrplan. Die traditionellen Fächer wie Rumänisch, Mathematik, Naturwissenschaften werden so unterrichtet, wie es für die einzelnen Schüler am besten ist", erläutert Laura-Ionela Balangean, die Direktorin der Schule. Da es ein staatliches Zentrum ist, müssen die Eltern hier nichts bezahlen.

 

Nedelea erklärt: "Die Nachfrage ist groß, mehr, als wir Plätze haben. Wir versuchen die Plätze nach den Bedürfnissen zu verteilen." Eine andere Lehrerin, Angela Mate, die Dozentin für Psychopädagogik und Dolmetscherin in der Gebärdensprache ist, ergänzt: "Mit geeigneten Therapien und besonderem Unterricht können die Kinder bemerkenswerte Fähigkeiten entwickeln und bestimmte Einschränkungen kompensieren. Sie lernen eben anders, durch Bilder oder Diagramme oder auch durch Bewegung und Berührung. Im eigenen Tempo." Das erfordere Geduld. "Die Kinder reagieren empfindlicher auf Veränderungen." Auch Nedelea weiß das. Sie will aber keinen Rückzug in geschützte Bereiche, kein Überbehüten. Denn gerade das Nichtsichtbarsein von behinderten Menschen sei Teil des Problems. "Es ist wichtig, aus der Schule rauszukommen. Menschen müssen sich begegnen, die mit und die ohne Einschränkungen. Dann lernt man sich zu verstehen und man begreift auch, dass wir im Grunde gleich sind, trotz aller Verschiedenheiten." Nedelea glaubt, dass sich in der rumänischen Gesellschaft in den letzten Jahren viel getan hat. "Es gibt noch viel zu tun, aber ich glaube, die Richtung stimmt."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 05.05.2025, S. 26 - Sebastian Ciuhandu, Nikolaus-Lenau-Lyzeum, Timisoara

zurück