In Berlin-Friedrichshain gibt es seit 16 Jahren ein Sticker-Museum. Die Klebebildchen lassen seinen Gründer Oliver Baudach nicht los.
Auf dem Weg zum Museum sieht man sie überall: an Laternen, Mülleimern, aber auch in der S-Bahn, mit der man kam: Sticker. In Berlin Friedrichshain gibt es ein kleines Omnizentrum dieser Kunst. Zwischen einem Steuerbüro und Beleuchtungsgeschäft steht unscheinbar das Hatch Stickermuseum. Bunt gefüllte Bilderrahmen begrüßen den Besucher. In zwei kleinen Räumen sind rund 2000 Exponate zu bestaunen, jeder Rahmen ergibt ein eigenes Wimmelbild aus Aufklebern. Insgesamt umfasst die Sammlung 30.000 Sticker, im Museum sind die Highlights zu sehen.
Der Gründer des Museums, Oliver Baudach, ist leger gekleidet, in T-Shirt, mit Cap und Skaterschuhen. Er ist in Barcelona geboren als Sohn eines Spaniers und einer Pfälzerin. Von ihm erhält man die Eintrittskarte, selbstverständlich in Stickerform. Sein Museum steht in keinem Touristenführer und öffnet nur samstags von 12 bis 14 Uhr. Es gilt als Geheimtipp. Jeden Monat fänden zwischen 50 und 100 Besucher den Weg zu ihm. Weltweit gilt es als das einzige seiner Art. Baudach betreibt dazu einen Shop, Blog und andere Dinge. Einst besaß er ein Skate-Geschäft und war Marketingmanager der Streetwear-Marke Vans. Seit 16 Jahren bildet das Museum seinen Lebensmittelpunkt, die Sammlung ist sein "Heiligtum". "Ich sammle seit Anfang der 80er-Jahre Sticker. 2007 war ich von meinem Marketingjob ausgebrannt und bin ausgestiegen, ohne wirklich zu wissen, wie es weitergehen soll. Glücklicherweise kamen zu dieser Zeit die richtigen Zeichen in mein Leben: das Skateboard-Sticker-Buch und die ersten Sticker Awards aus Dresden. Da begann die Idee in meinem Kopf zu kreisen."
Baudachs Sammlung setzt sich aus gespendeten und erworbenen Stickern zusammen. Bei seiner Suche ist er akribisch: "Ich habe immer noch den Jagdinstinkt in mir, der mich in allen möglichen Shops, Ausstellungen und Events nach Stickern fragen oder suchen lässt." Darüber hinaus kontaktiere er Künstler, deren Motive er in Berlin oder in den sozialen Medien entdeckt. Zahlreiche Druckereien produzieren die Aufkleber. Die Auftraggeber sind vielfältig: "Künstler, Parteien, Institutionen und auch Firmen, die Interesse haben, ihre Kunst, Botschaft oder Werbung günstig, effizient und hoffentlich kreativ unter die Leute zu bringen." Seine Begeisterung fand er früh. "Als Kind habe ich, wie die meisten Kids, alle möglichen Panini-Stickeralben gefüllt und später alle Shops abgegrast und nach Stickern gefragt. Diese habe ich an alles um mich herum geklebt."
Im April 2008 wurde sein Traum Realität, trotz schwieriger Vorarbeiten. "Es war ein absoluter Albtraum. Bekannte hielten mich für verrückt, und alle Banken haben mich nur ablehnend belächelt." Mit etwas Starthilfe aus dem privaten Umfeld klappte es dann doch. Bekannte Bekleidungsfirmen steuerten nach einiger Zeit auch etwas bei. "Da ich ja das erste und einzige Museum in dieser Form bin, hat sich das Projekt schnell bei Künstlern und Brands herumgesprochen. Wenn Marken wie Carhartt und Vans eine Sache unterstützen, nehmen das andere Marken schon ernst und steigen dann auch ein." Auch vonseiten namhafter Sticker-Künstler erfolgte großer Zuspruch. "Davon profitiere ich bis heute." Er nennt den Künstler Flying Förtress, der zu den "Graffiti-Urgesteinen Deutschlands" zähle. Sehr bekannt seien seine Teddy Troopers. Daneben existieren viele kleinere Stickerkünstler. "Es gibt die einen, die alles von Hand auf Stickerpapier, Folie oder Poststicker malen und siebdrucken." Andere würden ihre Motive mit Grafikprogrammen gestalten und dann in einer Druckerei herstellen lassen. Davon lasse sich jedoch nicht leben: "Dazu sind die Margen beim Stickerverkauf zu gering, und die Gruppe von dauerhaften Stickerkäufern ist zu klein." Baudach sagt von sich: "Ich bin zeichnerisch leider dermaßen untalentiert und technisch dermaßen uninteressiert, dass ich selbst nichts druckreif hinbekommen würde." Ab und zu habe er eine ganz gute Idee für ein Motiv, aber die Umsetzung hänge immer von seinen Künstlerfreunden ab.
In seinem Onlineshop vertreibt er Sticker von Marken und Künstlern. Die Preise reichen von 10 Cent bis 180 Euro. Darunter finden sich auch Unikate. In seinem Museum läuft Hip-Hop der 90er im Hintergrund, gepaart mit Reggae. Die Wände sind nicht verputzt. Die Bandbreite an Exponaten ist groß. Surreale Grafiken wie ein Herz als Granate kleben neben einer Fotomontage von Walter Ulbricht samt Joint in der Hand, dazu der Untertitel: "Niemand hat die Absicht, eine Tüte zu bauen." In einem anderen Rahmen stehen L und V nicht für die Luxusmarke Louis Vuitton, sondern für "Love Vandalism". An anderer Stelle wird der Schriftzug des Schokoriegels Snickers zu "Stickers". Es sind diese "oftmals extrem kreativen, lustigen, provokativen Designs", die den 53-Jährigen so faszinieren. Einen Lieblingssticker habe er nicht. Besonders stolz sei er jedoch auf handgemachte Motive sowie die Sticker bekannter Künstler wie Flying Förtress oder Obey, der Künstlername des Amerikaners Shepard Fairey, der 2008 das "Hope"-Plakat für den Wahlkampf von Barack Obama entwarf. Einige Exponate seien besonders selten. Für ein vierteiliges Sticker-Set hat er mehr als ein Jahrzehnt lang gesucht. "Die ältesten Sticker sind Skateboard-Sticker von Mitte der 70er-Jahre. Diese habe ich von einem Kontakt aus den USA verkauft bekommen." Der erste Sticker der Sammlung stammt von der Skateboard-Marke Skull Skates.
Baudachs Sticker sind immer wieder auch in gesonderten Ausstellungen zu sehen, selbst im Ausland, einige von ihm selbst organisiert. Von Anfang an habe er das Allermeiste mit Unterstützung von Catherine Tedford, Künstlername Stickerkitty, realisieren können, die selbst über 18.000 Sticker verfügt. Er verlangt für den Besuch seiner Sammlung keinen Eintritt. "Mir war es von Anfang an wichtig, Kultur und Kunst umsonst anzubieten, damit sich wirklich jeder das Museum anschauen kann." Einnahmen generiert er durch Spenden und Stickerverkäufe vor Ort. Der Onlineshop sei die beständigere Basis für das Überleben. "Die Einnahmen reichen mal mehr, mal weniger, um die Kosten zu decken. Ich habe schon immer einen Zweitjob gehabt und auf Flohmärkten Teile meiner Plattensammlung und andere Raritäten verkauft, wenn es mal finanziell schlimmer um mich oder das Museum stand." Es sei ihm nie gelungen, eine Art Kulturförderung zu bekommen. "Einmal, als ich bei Berlin.de in die Museumsliste wollte und auch das nicht geklappt hat, wurde ich beim Anruf und wiederholter Bitte um Erklärung angemault, ich wäre kulturell irrelevant."
Dieser Ansicht kann sein Museum gut standhalten. "Wenn man als Inspiration für einen künstlerischen Weg genannt wird oder Menschen durch das Museum zu einem schärferen Blick auf den Straßen dieser Welt bewegt werden, ist das schon ein großes Wow." Baudach zufolge sollte man dabei aber "niemals einen Sticker irgendwo abmachen" oder "sich über denjenigen hinwegsetzen, der ihn da haben wollte, wo er ist". Sticker hätten etwas Charmantes und positiv Bescheidenes, was sie nicht so aufdringlich mache wie große Graffitis. "Man muss ein feineres Auge haben, um sie zu entdecken." Mitarbeiter habe er nicht. "Ich arbeite, offen gesagt, sehr gerne allein, da ich ja mit meiner Sammlung arbeite, also dem Heiligsten, was ich habe. Ich bin mir zu unsicher bei dem Gedanken, jemand von außen an meine Schätze zu lassen."