Jeder Film hinterlässt tiefe Schnitte

Vom Leben und Arbeiten einer Filmstudentin an der Zürcher Hochschule der Künste

Abgesehen vom steten Tippen auf der bunten Tastatur herrscht Stille. Nur selten dringt ein Geräusch aus den Lautsprechern, die sich oberhalb der drei nebeneinander aufgereihten Bildschirme befinden. Sie zeigen Dateien, die Timeline und Filmsequenzen. Simona Volpe sitzt mit angewinkeltem Bein auf einem Bürostuhl im Schnittraum der Zürcher Hochschule der Künste. Über der Lehne hängt ihre braune Lederjacke. Gerade arbeitet die 25-jährige Filmstudentin am Schnitt. Oft ist sie auch als Regisseurin, Editorin, Sounddesignerin oder Drehbuchautorin tätig. Ihr dunkelrot gefärbtes Haar fällt über ein weißes Tanktop, das sie zu einer schwarzen Stoffhose trägt. "Ich sitze gerne stundenlang im Schnittraum und feile an meinen Filmen. Für mich hat das etwas Meditatives." Ihre blaugrauen Augen unter den langen Stirnfransen sind fest auf den rechten Bildschirm gerichtet, während ihre mit silbernen Ringen verzierten Finger über die Tastatur gleiten. "Jede Entscheidung, die ich treffe, hat Einfluss auf das Ergebnis. Dennoch kann ich nicht alles beeinflussen, weil ich stark vom Zufall abhängig bin. Vieles kann schiefgehen. Und man hat nur bis zu einem gewissen Punkt die Kontrolle." Jeder Schritt sei emotional fordernd. Die eigenen Gefühle seien immer Teil des Films. "Wenn man nicht in der richtigen Verfassung ist, wirkt sich das auf den Film aus." Freizeit habe sie kaum. Die Tage vor dem Dreh und auch der Schnitt seien extrem anstrengend. "Einmal habe ich sogar eine Nacht an der Hochschule verbracht, um ein Projekt rechtzeitig fertigzustellen."


Viele Filmstudenten empfinden psychischen Druck. Sie müssen sich nicht nur gegen starke Konkurrenz behaupten, sondern auch ein Netzwerk aufbauen, in der Branche Fuß fassen und finanziell über die Runden kommen. "Viele Filmschaffende haben mir deshalb abgeraten, Film zu studieren. Jetzt weiß ich, warum." Obwohl sie schon als Kind lieber Geschichten für andere erfunden habe, als selbst zu spielen, sei ein Filmstudium für sie lange nicht infrage gekommen. "Ich wollte immer einen akademischen Beruf ergreifen." Erst als sie das erste Jahr ihres Psychologiestudiums wiederholen musste und merkte, dass ihr das theoretische Lernen ohne praktischen Bezug schwerfiel, begann sie, ihren Weg infrage zu stellen. In Zürich lernte sie Filmschaffende kennen. "Ich sah, dass alle ihren Lebensunterhalt verdienen und sich sogar eine Wohnung leisten konnten. Meine Eltern unterstützen meine Entscheidung."


Zu Beginn ihres Studiums habe sie eine ziemlich überhebliche Einstellung gehabt. "Ich war stolz darauf, eine der ausgewählten Filmstudierenden an dieser renommierten Hochschule zu sein, und glaubte, ein besonderes Talent zu haben. Schließlich wird hier jedes Semester nur ein Duzend von mehreren Hundert Bewerbenden aufgenommen." Um den Studienplatz zu ergattern, musste sie ein kurzes Video drehen, eine Kurzgeschichte schreiben, eine Fotoserie schießen und ein Bewerbungsgespräch führen. Doch schon bald musste sie erkennen, dass Talent allein nicht ausreicht. "Ein guter Film ist das Ergebnis vieler komplexer Faktoren." Zufall und Glück spielen eine wesentliche Rolle - man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, mit den passenden Menschen. Das Filmemachen bleibe unberechenbar. "Einmal schlug das Wetter um, und es fing an zu regnen. Ein anderes Mal wollte ein Bauer seine Blumenwiese abmähen, die wir mühsam als Kulisse ausgesucht hatten." Solche Wendungen prägten ihren Blick. "Je länger ich im Film arbeite, desto weniger würde ich behaupten, dass allein Talent den Erfolg ausmacht."


Für sie sei das Filmstudium viel psychologischer als das Psychologiestudium. "Wenn man einen Film schaut, sind die Bedürfnisse und Motivationen einer Figur oft für die Zuschauenden klar erkennbar." Doch Menschen seien viel komplexer. "Bewegungen und Mimik können viel mehr ausdrücken." Ein leises Surren der Computer, die in den Ruhemodus wechseln, erfüllt den Raum. "Kennst du den Nationalpark in Nebrodi?", fragt Volpe plötzlich. "Darüber würde ich gerne mal einen Film drehen." In dieser idyllischen, grünen Landschaft leben viele Bauernfamilien, die von der italienischen Mafia unterdrückt und bedroht werden. "Ich finde den Kontrast faszinierend, diese trügerische Idylle." In ihren bisherigen sechs Kurzfilmen, alle etwa 15 Minuten lang, beschäftigt sie sich häufig mit dem Thema des weiblichen Körpers und den Erinnerungen, die er bewahrt: Welche Geschichten und Erfahrungen speichert er, welche Spuren trägt er sichtbar und unsichtbar mit sich herum? Ein Beispiel zeigt ihr Dokumentarfilm "Stuta La Luucia" über ihre Großeltern. Darin wird das unermüdliche Schaffen ihrer Großmutter deutlich. "Während der Dreharbeiten ist sie ständig in Bewegung; ihre flinken Hände und die leicht gebückte Haltung beim Kochen erzählen von einem Leben voller harter Arbeit in der süditalienischen Region Basilikata. Sie spricht von den Männern im Dorf, die angeblich hart schuften, während die Frauen zu Hause bleiben. Doch sie ist die Einzige, die nie stillsteht. Die Männer um sie herum sitzen einfach nur da." In ihrer Arbeit setze sie sich für die Bedürfnisse und Erlebnisse von Frauen ein, "damit deren Geschichten gehört und gesehen werden". Dabei erkunde sie immer wieder die Grenze zwischen Dokumentar- und Spielfilm, die oft kleiner sei, als man denke. "Zu Beginn drehte ich Dokumentarfilme. Doch die Erwartung der Zuschauenden, dass alles in einer Doku 'echt' sein muss, störte mich. Sobald man eine Kamera aufstellt, ist es nicht mehr die Realität. Man hat bereits einen Ausschnitt ausgewählt, und was rechts und links davon passiert, bleibt unsichtbar."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28.04.2025, S. 30 - Marì Rüegg, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

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