Der 17-jährige Lars Weber hat ein ungewöhnliches Hobby: Trainspotting.
Es ist auf jeden Fall nicht so was wie Fußball, wo dann eben die halbe Freundesgruppe das spielt", sagt Lars Weber aus Hohen Neuendorf, nördlich von Berlin. Sein Hobby: Trainspotting, was so viel bedeutet wie die gezielte Beobachtung von Zügen. "Aber ich sage lieber, dass ich Züge fotografiere. Das hört sich ein bisschen weniger kindisch an." Dass der schlaksige Elftklässler sich für Züge interessiert, ist kein Wunder. "Ich habe mein ganzes Leben schon an einer Eisenbahnstrecke, der Berliner Nordbahn, gewohnt. Und irgendwann hat mich das dann auch interessiert, was da für Züge vorbeifahren. Kinder finden das natürlich ebenfalls megacool, wenn so große Maschinen vorbeirauschen, und mich hat es dann immer mehr interessiert, was genau das für Züge sind." Besonders beeindruckt ist der Brillenträger von der Vielfalt der Schienenwelt. "Als ich anfing, hätte ich nie gedacht, dass es so viele verschiedene Züge gibt. Es ist unglaublich: Güterzüge, verschiedene Arten von Personenzügen, die vielen Baureihen und so viel mehr."
2021 hat der blonde Zug-Fan dann das erste Mal einen Zug fotografiert. "Dann habe ich mir gedacht, ich lade das einfach mal auf Instagram hoch. Ein paar Leute haben es geliked, und dann habe ich gemerkt, dass es anscheinend Leute interessiert, und beschloss, ich könnte das ja eigentlich auch weitermachen."
Ihm gehe es aber nicht nur um das Bild, sondern um den ganzen Prozess. Das beginne mit der Planung: In Deutschland gebe es Websites, wie etwa Strecken.info der Deutschen Bahn, die Fotografen mit Informationen über Zugstrecken und Fahrzeiten sowie Störungen und Baustellen versorgen. "Ich möchte schon ganz gerne das meiste aus dem Tag rausholen. Deswegen plane ich das dann relativ gut einmal durch." Doch selbst die beste Planung bringe nichts, wenn die Züge anders fahren als erwartet. "Güterzüge sind bei Trainspottern besonders beliebt, weil sie oft unvorhersehbar fahren. Manchmal wartet man stundenlang, nur damit der Güterzug, den man eigentlich fotografieren will, im Bahnhof vor einem abgestellt wird, oder es kommen mehrere kurz hintereinander, obwohl das eigentlich nicht geplant ist." Güterzüge seien wie seltene Sammelkarten.
Trainspotting sei ein Hobby, das Ausdauer und Leidenschaft verlange. Lars' Touren sind oft anstrengend und vor allem langwierig. "Wenn ich morgens um acht den ersten Zug aufnehmen will, muss ich teilweise um zwei oder vier Uhr aufstehen." Für ihn kein Problem. "Schlafrhythmus ist bei mir ein Fremdwort." Die Anfahrten, egal ob mit dem Zug oder auf dem Rad bis beispielsweise nach Magdeburg oder ins Elbtal, seien lang, und die Wartezeit an den Gleisen betrage oft Stunden, da die beliebten Güterzüge oft nur mit großem zeitlichen Abstand an einem vorbeirauschen würden. Doch für Lars zählt das Erlebnis. "Es ist nicht nur das Warten, sondern das Ganze drum herum - die Anfahrt, die Spannung, ob der Zug kommt, und am Ende halt auch die Aufnahme." Ein anderer Anreiz sei das Reisen zu neuen Orten. "In Deutschland gibt es bestimmte Strecken, die besonders viel Verkehr haben, wie das Elbtal oder die Strecke zwischen Magdeburg und Braunschweig." Diese Orte böten nicht nur eine hohe Zugdichte, sondern oft auch landschaftlich beeindruckende Kulissen, was den Fotografen sehr gelegen kommt.
Seine Reisen beschränkt der 17-Jährige nicht nur auf Deutschland. Während seines Auslandsjahres in Neuseeland hat er fleißig fotografiert, auch wenn dort die Bedingungen ganz anders waren. "Da gibt es nicht nur insgesamt viel weniger Züge, sondern auch keine spezialisierten Webseiten, die mir die Planung erleichtern konnten. Ich habe mir dann selber mit Google Street View gute Stellen rausgesucht und musste mit Bussen und auch mal 50 oder 60 Kilometer mit dem Fahrrad fahren." Die neuseeländischen Zugunternehmen haben ihm auf Anfrage ihre Fahrpläne zukommen lassen. "Also habe ich oft meinen Tag mit den vier Zügen verbracht, die auf der Hauptstrecke der Südinsel rauf- und runterfahren."
Der soziale Aspekt sei für ihn ein großes Plus. "Man trifft immer wieder neue Leute. Es gibt Chat-Gruppen, meistens Männer oder halt Jungs, wo man sich einfach nur unterhält oder Touren gemeinsam plant." Es sei schön, Freunde zu haben, die die Leidenschaft für Züge teilen, "weil meine 'normalen' Freunde verständlicherweise wenig Lust haben, diese Touren mit mir zu unternehmen". Seine Mutter unterstütze sein Hobby zwar, "aber am Anfang war es für sie halt ein bisschen schwer, mich einfach alleine irgendwo hinfahren zu lassen. Das ist jetzt kein Thema mehr. Viel schwieriger ist es manchmal mit der Zeit, weil sie freut sich auch nicht immer so sehr, wenn ich um 2.30 Uhr aufstehe." Geld verdienen wolle er mit den inzwischen rund 3000 Bildern nicht. "Es ist auch grundsätzlich relativ schwierig, als freier Fotograf viel Geld zu verdienen. Außerdem habe ich dann keinen Druck und kann mir nicht selber den Spaß verderben."