David Jesse ist 17 Jahre alt und Weltmeister
Die beiden Kontrahenten in den weißen, Bademänteln ähnelnden Gis verbeugen sich dreimal: vor dem Publikum, vor dem Mattenrichter und voreinander. Untermalt vom Kampfgeschrei auf den anderen Matten in der Grundschulturnhalle Otterbach, einem Dorf in der Nähe von Kaiserslautern, knien sie sich in die Mitte des blauen Rechtecks, den rechten Fuß aufgestellt, das linke Knie auf dem Boden, die rechte Hand an der des Gegners.
Handys richten sich auf die beiden, die Gespräche auf den Zuschauerrängen verstummen. David Jesse klatscht mit seinem Gegner ab. Der Mattenrichter senkt die Hand, der Kampf beginnt.
Der 1,80 Meter große David ist 17 Jahre alt, hat blonde Haare, blaue Augen und markante Gesichtszüge. Und er ist dreifacher deutscher Meister im Jiu-Jitsu, einmal deutscher Vizemeister und zweifacher Weltmeister in den Kategorien "Team" und "Random Attack". "Jiu-Jitsu ist waffenlose Selbstverteidigung, gegen einen bewaffneten oder unbewaffneten Gegner. Das Prinzip ist Siegen durch Nachgeben, und wie beim Judo benutzt man die Angriffsenergie des Gegners, um ihn zu Fall zu bringen", erklärt er. Eine weitere Parallele zu Judo ("sanfter Weg") ist der Name: Jiu-Jitsu bedeutet "sanfte Kunst". Es wurde in Japan aus der Kampfkunst der Samurai entwickelt.
Wie zwei wilde Tiere umkreisen sich die Kämpfer, immer mit mindestens einem Knie auf dem Boden. Beim Bodenkampf geht es darum, den Gegner in höchstens zwei Minuten zu fixieren. Gelegentlich zuckt eine Hand in Richtung des Jackenaufschlags des Gegners. Dann packt David zuerst den linken, dann auch den rechten Ärmel des Kontrahenten. Der wiederum schafft es, Davids linken Ärmel zu greifen, und er versucht, seine andere Hand an dessen Kragen zu bekommen. Plötzlich schießt seine Hand vor, ergreift Davids Bein und zieht es nach vorne weg. David fällt rückwärts auf die Matte. Sofort ist sein Gegner über ihm.
"Das Wichtigste beim Jiu-Jitsu ist der Respekt: vor dem Gegner, dem Partner, dem Trainer, dem Mattenrichter, den Punktrichtern. Fairness und Disziplin kommen noch dazu", erklärt David. Was ihm fast noch wichtiger ist: Das Erlernte sei keinesfalls dazu gedacht, in Schlägereien die Oberhand zu gewinnen. "Wir lernen nur Selbstverteidigungstaktiken. Und damit wir wissen, wann wir sie einsetzen dürfen, besprechen wir auch die Paragraphen 32 bis 35 des Strafgesetzbuches, die das Prinzip der Notwehr regeln."
David schlingt seine Beine um den Bauch des Kontrahenten und quetscht ihn zusammen. Gleichzeitig zieht er ihm den Kragen des Gis über den Hals und würgt ihn dadurch. Der Gegner schafft es ebenfalls, David am Kragen zu packen, der an seinem Bauch hängt. Er versucht ihn abzuschütteln, indem er sich aufrichtet. David klammert sich nur noch fester an ihn, sodass er erschöpft wieder auf Hände und Knie geht. Erneut versucht der Gegner, sich von David zu trennen, der ihn noch immer mit dem Kragen des Gis würgt.
Bei Jiu-Jitsu geht es primär um Selbstverteidigung und mentales Wachstum. David ist skeptisch, ob Jiu-Jitsu einmal olympisch wird. "Das passt einfach nicht zur Ethik unseres Sports." Ähnlich pragmatisch ist der Grund, weswegen er mit Jiu-Jitsu angefangen hat. "Es ging mir nur darum, mich im Notfall wehren zu können. Aber irgendwann hat es angefangen, Spaß zu machen."
Daraus wurde eine erfolgreiche Wettkampfkarriere mit zwei Goldmedaillen bei den Weltmeisterschaften 2022 in Ostende, die er bei der von seinem Verein, dem Zen-Bogyo- Do Otterbach, ausgerichteten Meisterschaft 2024 erneut erringen konnte. Dazu kam Silber im Bodenkampf. Bei den deutschen Meisterschaften schaffte David bei seinem Debüt 2018 in Erftstadt direkt Gold im Team, das er nach einer pandemiebedingten Pause bei den Meisterschaften 2024 bestätigte. Außerdem errang er Gold im Bodenkampf und in Random Attack sowie Silber in der Kategorie Pairs. Trotz allem: Eine gewisse Anspannung bleibt. "Der Bodenkampf ist an sich schon anstrengend, der Körper steht die ganze Zeit unter Spannung. Und je weniger Wettkampferfahrung du hast, desto größer ist auch die Aufregung. Bei Random Attack, der Vorführung von Abwehrtechniken gegen unbekannte Angriffe, ist das ähnlich." Nur die Kategorien Pairs (Vorführung von Abwehr- und Angriffstechniken mit einem Partner), Team (Kampfchoreographie mit mehr als zwei Personen) und Kata (möglichst perfekte Vorführung fester, aneinandergereihter Einzeltechniken als Paar) kann er gelassener angehen - "weil man weiß, was kommt". Den "richtigen Kampf", wie man ihn etwa aus dem Judo kennt, der im Stand beginnt und nach einem Niederwurf am Boden weitergeht, gibt es im Jiu-Jitsu nur bei internationalen Wettbewerben, als "Continuous Fighting" und "Sparring".
David trainiert bis zu sieben Mal in der Woche. Vor jeder einstündigen Einheit gibt es einen viertelstündigen Kraft-Ausdauer-Teil. Die restliche Zeit gilt dem Üben von Techniken. "Unser Krafttraining ist quasi auch unser Aufwärmen." Darüber hinaus schafft der Schüler es, einmal in der Woche Tanzunterricht zu nehmen, sich selbst als Trainer zu engagieren und sich mit Freunden zu treffen. "Schule ist für mich kein Problem."
Ein letztes Mal bäumt sich Davids Gegner auf, inzwischen merklich rot im Gesicht. Dabei gibt er sich für einen Moment eine Blöße, die David nutzt, um den Arm um seinen Hals zu legen und ihn zusätzlich zu würgen. Noch immer drückt er seinem Gegner mit den Beinen die Luft aus dem Bauch. Ein letztes kraftloses Aufrichten, in der vagen Hoffnung, David doch noch abzuschütteln, dann klopft er einmal, zweimal, dreimal an dessen Seite. Das Signal, dass man aufgibt. David löst den Schraubstock seiner Beine. Durch diesen Kampf ist er deutscher Meister 2024 im Bodenkampf in der Kategorie "Jugendliche, männlich, schwer".
Natürlich hat David Ziele. So hat er in der Kategorie Pairs noch nie Gold gewonnen. Sein Fokus liegt auf seinen nächsten Chancen: der deutschen Meisterschaft 2026 und der Weltmeisterschaft 2028. "Ich will wieder Weltmeister werden."