Jugendliche stürzen gern mal ab

In einer Kletterhalle im zürcherischen Uster wird geschwitzt. Manche lassen sich auch einfach fallen.

Und dann kommt der Fall. Die Wand rauscht verschwommen an den Augen vorbei, die Luft pfeift in den Ohren, und der Magen rutscht hoch bis in den Hals. Wie bei einer Achterbahnfahrt, bei der es unerwartet nach unten geht. Die Zeit vergeht in Zeitlupe. Die Stimmen ertönen verzerrt, zwar verständlich, doch vom Gehirn nicht verarbeitbar. Langsam wird der Sturz abgebremst, das Seil dehnt sich leicht - und die Welt beginnt sich wieder normal zu drehen.

 

Ein tiefer Atemzug. Die Luft der Kletterhalle "Griffig" im zürcherischen Uster ist angenehm kühl. Und es duftet nach Kletterhalle: Fuß, Schweiß und Magnesium. Nicht direkt ein Gestank, allerdings auch nicht der Geruch, mit dem man seine Wohnung einsprühen würde.

 

Hohe Kletterwände geraten ins Blickfeld. Von der Decke hängen Volumen, große hohle Elemente aus Holz, die zusätzlich an die Wand angebracht werden können, an denen schon fast kopfüber geklettert wird. Zusätzlich stehen vor der Halle zwei große Boulderblöcke, von einem Baum überragt, der Schatten spendet. Eine Bar und ein paar Liegestühle stehen auf einer kleinen Erhöhung, von der aus man den Kletterern zuschauen kann. Bei schönem Wetter hört man den benachbarten Skatepark. Bei schlechtem Wetter trauen sich nur wenige nach draußen, obwohl das Dach vor der Witterung schützt. Bei Regen ist es außergewöhnlich still, nur das Prasseln des Regens, der dumpfe Atem des Kletterers und gelegentlich motivierende Zwischenrufe des Sicherers sind zu hören.

 

"Kletterer sind Hippies, die das Adrenalin suchen", meint Laura Schäfli, eine 34-jährige Informatikerin mit dunkelbraunen Haaren, die in hellbraunen Spitzen enden. Das rote Shirt bildet einen Kontrast zu den stahlblauen Augen. "Die Menschen sind freundlich, vielleicht ein bisschen speziell, aber sehr unterstützend." Den Anfängern würden fleißig Ratschläge erteilt, und auch unter den Erfahrenen Tipps ausgetauscht. Die Kletter-Community sei für ihre Offenheit und Inklusivität bekannt. Von 18-jährigen "Gymrats", 50-jährigen Professoren bis hin zu alternativen Pädagogen sei alles dabei. "Außerdem hat die Gemeinschaft eine unerwartete Unbeschwertheit, wenn man bedenkt, dass Klettern ganz schön gefährlich sein kann."

 

Die Menschen sehen alle ein bisschen zerzaust aus und tragen einen eigenen, ausgefallenen Kleidungsstil mit Hosen und Shirts in allen Farben und Formen. Ihre Hände sind besonders auffällig - aufgeschürft, getapt und weiß vom Magnesiumpulver. Es bewirkt, dass Kletterer keine schwitzigen Hände bekommen und sich so besser festhalten können. Tim Bächtold, ein 21-jähriger Physikstudent mit sommerblonden Haaren und gelben Joggern, liegt heute gelassen auf den roten Matten und meint zu einer Kollegin, die gerade an einem Boulder verzweifelt: "Mach es einfach mit einem Lächeln." Dafür wird er mit tödlichen Blicken gestraft.

 

Griffe schmücken die Wände in der Halle: Es gibt große, flache mit wenig Textur, kleine, eckige und solche, die sich wie grobkörniger Sand unter den Fingern anfühlen. Die Wände sind hoch, in unterschiedlichen Neigungen, teils sogar überhängend. Manch einem wird schwindlig davon. Die Kletterwelt besitzt auch ihren eigenen Wortschatz. So werden Leisten, kleine Griffe, die nur mit den Fingerspitzen gehalten werden, "gecrimpt". Dort wird wiederum unterschieden, wie aufgestellt die Finger sind. Natürlich besitzen auch die unterschiedlichen Knoten Namen. Der meistgenutzte heißt Doppelachter. Er sieht aus wie eine doppelte Acht und wird zum Einbinden ins Kletterseil verwendet.

 

Matthia und Nikola Krügler diskutieren gerade, warum sie klettern. Sie sind Zwillinge, 20 Jahre alt, und sehen praktisch gleich aus mit ihren braunen Haaren und den tiefblauen Augen. Sogar ihr Lachen ist dasselbe, nur an der Mundpartie sind sie zu unterscheiden. "Ich glaube die Wand ist ein bisschen wie das Leben. Jede Entscheidung zählt. Manchmal erscheinen Griffe sicher, sind es aber doch nicht. Manchmal sieht ein Griff unscheinbar aus, trägt dich jedoch. Von Zeit zu Zeit muss man etwas wagen und vertrauen", sagt Nikola, der wie sein Bruder in der Lastwagenwerkstatt seines Vaters arbeitet. Matthia fügt hinzu: "An der Wand wird alles gefühlt, Angst, Zuversicht und auch Ungeduld. Verstecken geht nicht. So kann man üben, damit umzugehen und sich selbst kennenlernen."

 

Vom kleinen Café mit den ausgesessenen Sofas wird mit vollem Mund auf die Kletterer gezeigt. Lachend meint die kletternde, 33 Jahre alte Primarschullehrerin Sahra Schmitz: "Klettern ist schon ein lustiger Sport. Es ist der Versuch, gegen die Schwerkraft anzukämpfen." Das geblümte Kleid schwingt um ihre gebräunten Beine, während sie sich einen Kaffee holt. Durch die Halle hallen eifrige "Allez", der Anfeuerungsruf der Szene. Die große Glasscheibe gewährt einen guten Blick auf den imposanten Überhang, an dem die schwierigsten Routen angebracht sind - nur die Mutigsten wagen einen Versuch.

 

"Oben angekommen, werde ich von einem überwältigenden Gefühl erfasst: Die Freude, die Wand bezwungen und es bis ganz nach oben geschafft zu haben", sagt Thomas Koller, 47 Jahre alt, Vater und seit zehn Jahren Kletterer. Am schönsten sei das Gefühl, wenn man lange und hart arbeiten musste, um dorthin zu gelangen. Manche Projekte dauern Monate oder gar Jahre. Obwohl die Freude darüber, dass man eine Route geschafft hat, wunderschön sei, seien es auch all die Fehlversuche, an denen man wächst: "Nicht der Gipfel macht dich stark, sondern der Weg dorthin." Ein Kletterer erreicht gerade das Top, den letzten Griff, und wird abgeseilt. Das ganze Körpergewicht wird von nur einem Stück Seil mit einem Zentimeter Durchmesser gehalten. Sonst ist er nur vom Nichts umgeben. Oben, unten, links und rechts - überall nur Luft. Sowohl das Abseilen als auch das Stürzen sind wie Fliegen, aber nach unten.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11.08.2025, S. 26 - Jael Koller, Kantonsschule Uetikon am See

zurück