Junge Frauen haben eine Stimme

Die slowenische Aktivistin Nika Kovač setzt sich für viele Rechte ein. Sie hat zahlreiche Anhänger auf der ganzen Welt.  Wir haben das Glück, in einer Welt zu leben, in der wir die Gesellschaft als Ganze mit der kleinen Geste einer Unterschrift verändern und verbessern können“, sagt die einunddreißigjährige Doktorandin der Anthropologie Nika Kovač aus Ljubljana. Sie ist Gründerin des slowenischen Instituts „8. März“, das sich „ein Europa vorstellt, das die Gleichheit schützt und Gerechtigkeit und Achtung der Grundrechte einfordert, darunter auch der reproduktiven Rechte“. Für ihre Arbeit hat Kovač viel Anerkennung erhalten. 2021 wurde sie von den Leserinnen der Frauenzeitschrift „Jana“ zur „Slowenin des Jahres“ gewählt. 2021/22 studierte sie mit einem Stipendium der Obama Foundation in New York. Bei einem Auftritt in the Daily Show mit Trevor Noah im November 2022 spricht Barack Obama von einer „jungen Führungspersönlichkeit aus Slowenien“, mit der seine Stiftung zusammengearbeitet habe, ohne ihren Namen explizit zu nennen. Mit der aktuellen Kampagne „My Voice, My Choice“ sammelt Kovač in einer europäischen Bürgerinitiative eine Million Unterschriften für einen sicheren Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen. Bei der Oscar-Verleihung erhielt sie dafür weltweite Aufmerksamkeit, weil Schauspieler Mark Ruffalo darüber in sozialen Medien postete. ende Mai 2024 erhielt Kovač aus der Hand der Metoo-Gründerin Tarana Burke in Washington den Vital Voices Global Leadership Award. Sucht man Kovač in einer Seitenstraße im Zentrum von Ljubljana zu einem verabredeten Gespräch auf, so findet sich an der Eingangstür kein Instituts- oder Namensschild. Auf Rückfrage per E-Mail öffnet eine Mitarbeiterin die Tür. Man steht in einem kunterbunten Raum mit Couch, tisch und Stühlen. Überall sind Schachteln und Kisten, Papiere und Kampagnenmaterial. An den Wänden hängen Poster zu feministischen Themen. Kovač ist leger und farbenfroh ge kleidet, hat brünettes Haar, mit Pony schnitt und Zopf. „Wir arbeiten manch mal 17 Stunden am tag, gerade wie jetzt bei Kampagnen wie ‚My Voice, My Choice‘“, erklärt sie. „An der Tür fehlt ein Namensschild, damit wir ungestört und geschützt arbeiten können.“ Die Aktivistin berichtet von anonymen Hassmails und Morddrohungen gegen sie, von Schrei- und Spuckattacken. Im Oktober 2022 ist sie innerhalb von zehn tagen auf offener Straße zweimal physisch attackiert worden. „Am 25. Oktober 2022 ist ein Mann mit voller Wucht in mich rein gerannt, hat meinen Namen dabei geschrien. Glücklicherweise war eine Polizeistation in der Nähe. Wir konnten dort hin fliehen und haben den Vorfall sofort gemeldet.“ Der damalige Staatspräsident Borut Pahor, Ministerpräsident Robert Golob und viele andere solidarisierten sich umgehend mit Kovač. Am tag da nach sei sie mit ihrem Team zu einer Pressekonferenz gegangen, auf der sie erklären wollten, dass sie nicht nachgeben und sich weiterhin öffentlich engagieren würden. „Und da standen dann zwei kräftige junge Männer ganz in unserer Nähe und starrten mich an. Wir fürchteten eine weitere Attacke. Aber dann stellte sich heraus, dass die beiden zum slowenischen Rugby-Team gehörten und uns beschützen wollten. Am Vortag hatten sie dazu schon eine Botschaft an mögliche Aggressoren gepostet: „ZALe tI Se VAMe!“ – Renn doch in mich rein! „Pippi Langstrumpf ist mein Vorbild. Widerstände treiben mich an. Und auf Attacken gegen uns haben wir mit der Kampagne ‚only love‘ reagiert, über die sogar CNN berichtet hat.“ Kovač fühlt sich in jeder Hinsicht privilegiert, sie ist ihren Eltern, beide Universitätsprofessoren, besonders dank bar. „Sie brachten mich mit Bibliotheken und Büchern in Kontakt, nahmen mich mit zu Streiks und Demonstrationen.“ Aber sie hätte sich nie vorstellen können, selbst aktiv zu werden oder sogar ein Institut zu leiten. „Ich war sehr schüchtern, dachte immer, ich würde mal eine Buchhandlung haben, verspürte aber auch den starken Wunsch, etwas in der Welt zu verändern.“ Als Schülerin nahm sie an Improvisationstheatern teil. „Dort habe ich gelernt, wie wichtig die Gemeinschaft ist, und wie man sich in ihr bewegt.“ Ihr Aktivismus habe begonnen, als sie in Ljubljana Anthropologie studierte. „es gibt das Missverständnis, dass Aktivisten immer ernst daherkommen müssen. Aber ich war und bin nicht so. Ich mag auch Unterhaltung, Pop und Glitzer.“ Ihr damaliger Freund habe ihr auch deshalb gesagt, „dass ich nie das Zeug zur Aktivistin hätte. Das hat mich dann angestachelt, und ich habe ihm das Gegenteil bewiesen“, sagt sie lachend. 2016 hat sie das Institut mit dem Namen „8. März“, dem Datum des internationalen Frauentags, gegründet, „mit einer Gruppe von Freunden und in meinem Wohnzimmer als Arbeitsplatz“. Die erste Kampagne hatte den Slogan „Nur Ja heißt Ja“. es ging um die Änderung des Gesetzes zur Einwilligung in sexuelle Handlungen. Schnell wurde das Institut zur bekanntesten aktivistischen Non-Profit-Organisation in Slowenien. Weitere Kampagnen richteten sich gegen die Privatisierung von Wasserrechten oder auch zur Teilnahme an Parlamentswahlen. Die Kampagnen haben immer mehrere Ziele. „Nicht nur informieren, sondern eine Lösung präsentieren. Ungleichheiten beseitigen. Und öffentliche Aufmerksamkeit erreichen und Engagement entfachen.“ Heute gibt es 20 Personen im Vorstand des Instituts, „aber auf unserer Mailingliste stehen etwa 30.000 Personen“, sagt Kovač. „Manchmal, wenn es hart auf hart kam, dachten wir schon mal ans Aufhören, aber das ging dann nie. Denn alles ist größer als wir selbst.“ Die Kampagnen waren erfolgreich, „weil wir alle bereit sind, Opfer zu bringen, und hart arbeiten“. Natürlich gingen viele Teammitglieder auch wieder, um sich ihrem Privatleben zu widmen. Aber ständig kämen neue hinzu. Meist seien es Studenten, aber auch Menschen mit einer festen Anstellung. Die Arbeit im Institut sei für alle ehrenamtlich und werde „hauptsächlich aus kleinen Spenden und Projekten, aber nicht aus Staatlichen Mitteln finanziert, da wir unabhängig bleiben möchten“. Kovač wünscht sich, „dass wir uns in Europa bewusst werden, wie viel wir schon erreicht haben“. Sie nennt ein Beispiel: „Ich bin Diabetikerin. Als ich in den USA studierte, bin ich alle paar Monate nach Slowenien gekommen, um mir Insulin zu besorgen. Das war billiger, als das Medikament in den USA zu kaufen, wo Menschen sterben könnten, weil sie es sich nicht leisten können. Deshalb bin ich zutiefst dankbar für die öffentliche Gesundheitsversorgung in Slowenien und wie sie in anderen europäischen Ländern existiert.“ Wir müssten aber trotzdem sehen, „dass wir in Europa noch viel verändern können und eine gemeinsame Identität mit den Werten Gleichheit, Kooperation und Solidarität entwickeln müssen“. Durch das Netzwerk der Obama-Stiftung habe sie viele internationale Freundschaften schließen können, auch mit Luisa Neubauer, dem deutschen Gesicht von „Fridays for Future“. Kovač war fasziniert davon, „als bei der Flutkatastrophe im August 2023 in Slowenien Neubauer und andere Hilfe organisiert und selbst physisch mitgeholfen haben“. Denn „Uneinigkeit ist das einfachste, eine Lösung zu finden ist das Schwerste“.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 3. Februar 2025, Nr. 28, S. 26 - Ela Falež, Doroteja Drevenšek, Ema Holešek, Discimus Lab, Videm pri Ptuju

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