Ein Kinder- und Jugendchor aus der Ukraine ist fernab der Heimat auf der Suche nach Harmonie
I will sing. I will use my voice with my joy. I can touch the world. I am blessed, beautiful and kind' 'cause I am a singer!", singen die Kinder des in Braunschweig neugegründeten Color Music Chors, während die 44-jährige Leiterin Olena Petrykova ihre Arme zum Dirigieren schwingt und sie ermutigt, noch lauter zu singen. Doch das Bild einer unbekümmerten
Chorgemeinschaft passt nicht zu ihrer tatsächlichen Geschichte.
Der Chor setzt sich aus 45 vier- bis 18-jährigen Jungen und Mädchen zusammen, die seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 aus ihrer Heimat fliehen mussten. Bereits vor Kriegsbeginn sangen viele von ihnen unter der Leitung von Petrykova im "Color Music Children's Choir", den die Sängerin 2006 gemeinsam mit ihrem Mann Oleksandr Petrykov in der Ukraine gegründet hatte. Durch den Krieg flohen viele Kinder in verschiedene Länder. Drei Wochen nach Kriegsbeginn floh auch Petrykova mit ihren beiden elf und 18 Jahre alten Söhnen aus Dnipro nach Deutschland. Ihr Mann kam erst 2023 nach. In Braunschweig gründete sie einen neuen Chor mit den dorthin geflüchteten Kindern von Color Music. Er soll ihnen auch helfen, sich zu integrieren, "ihre Ängste zu überwinden und durch Musik Trost und Freude zu finden".
Jeden Mittwoch und Samstag kommen die Kinder um 17 Uhr in die Domsingschule. Im erleuchteten Raum stehen ein Keyboard, zwei große Verstärker und ein Halbkreis aus Stühlen in zwei Reihen. Petrykova hat einen strengen Flechtzopf, trägt weiße Sneaker, eine violette Brille und ein schwarzes Hoodiekleid. Auch die Kinder tragen schwarze Hoodies.
Auf ihnen steht in Weiß "I'm Ukrainian" oder über einem regenbogenfarbenen "C" mit Klaviertastatursymbol "Color Music Children's Choir". Neben Petrykova nimmt am Keyboard ihr Mann Platz. Der Multiinstrumentalist begleitet die Probe.
Petrykova weist alle auf ein breites Lächeln hin. Sie kreist Kopf und Schultern. Die Kinder tun es ihr lächelnd nach. Diese Lockerungsübung wird von Boxbewegungen abgelöst: Die Faust der Kinder schlägt rhythmisch zur Musik in die Luft.
Die geflüchteten Familien der Kinder erhielten weltweit Unterstützung von Fans, die sie mitunter aufnahmen. Über ihre eigene Flucht erzählt Petrykova, dass diese zunächst ohne genauen Plan oder die nötigen finanziellen Mittel zur ungarischen Grenze geführt habe. Ein Weg, der eigentlich 24 Stunden dauern sollte, erstreckte sich über Tage. "Es gab keinen Diesel, man konnte nicht tanken, und es dauerte ewig, bis man an die Grenze kam." Während der Flucht habe sie immer zu den Familien des Chors Kontakt gehalten, sodass sie über die Kontakte eines Mitglieds nach Salzgitter gelangten, wo sie und ihre Kinder für zehn Tage bei einer Gastfamilie unterkamen und eine Familie aus Braunschweig kennenlernten. Diese erzählte ihr, dass, wenn sie wieder die Verbindung zur Musik suche, Braunschweig das Beste sei. Bei einer Besichtigung der Stadt kam sie in den Dom. "Ich bin da reingegangen, und da war eine Probe von einem Kinderchor." Die habe sie zutiefst bewegt, sodass sie den Kontakt zur Chorleiterin Elke Lindemann suchte. Die beiden Frauen überlegten, wie sie ukrainische Kinder für das Singen zusammenbringen können. Zu einem ersten Treffen kamen fünf Kinder, die weitere anzogen. Im Color Music Chor sortierte Petrykova die Kinder in sieben Altersgruppen, die jeweils eine Farbe erhielten, woraus der Chorname entstand. Inspiration dafür fand sie im ukrainischen Wort für "Familie", das ähnlich klingt wie das für die Zahl Sieben.
Schon als Mädchen begeisterte sich Petrykova für Klavier und Bandura, die ukrainische Lautenzither, und sie sang. "Musik gibt Kindern eine Stimme." Sie selbst absolvierte eine musikalische Hochschulausbildung und vermittelte ihr Wissen über Masterklassen und als Dozentin. Ob es für sie möglich sei, in Braunschweig ein neues Zuhause zu finden? Sie sei sich nicht sicher, eine professionelle Arbeit mit Musik könne aber dabei helfen. "Wenn man sich finanziell besser fühlt, sodass man auch geben und nicht nur nehmen kann, dann könnte man sich hier anders und zu Hause fühlen. Das Herz ist in der Ukraine." Dort arbeitete sie mit Kinderchören, Ensembles und Solisten zusammen. "Ich hatte ein eigenes Tonstudio, meine tägliche Arbeit auf hohem Niveau und ein eigenes Projekt, wo alles funktionierte. Ich habe alles gehabt. Hier musste ich fast bei null anfangen. Hier hat man einen Traum." In ihrer Muttersprache berichtet sie, dass besonders die deutsche Sprache eine der größten Herausforderungen für sie war. Gleichzeitig belasteten sie die Sorgen um ihre Heimat und ihre Familie. "Es war nicht leicht, ein neues Leben in einem fremden Land zu beginnen, aber die Musik half mir und den Kindern, Orientierung zu finden und neu zu starten."
Petrykova verscheucht ihren Mann vom Keyboard und nimmt Platz. Kraftvoll schlägt sie die Tasten mit ihrer rechten Hand an, während die linke den Kindern nacheinander das Signal gibt zur Melodie des Kanons "Bruder Jakob" einzusetzen. Dann hantiert sie an einem Laptop. Die Melodie "You raise me up" von Josh Groban ertönt. Auf die Frage, was sie im Chor empfinden, antworten die Kinder: "Das hier ist Familie." Petrykova sagt: "Viele haben durch den Krieg ihre Heimat und ihre Familien verloren. Einige Väter sind noch in der Ukraine, während andere an der Front kämpfen. Ich teile ihren Schmerz. Unter den Opfern sind mein Cousin und einige enge Freunde, die jung und voller Lebensfreude waren."
Die Probe schließt mit dem Song "Something just like this" der Band Coldplay und des Duos The Chainsmokers. Für dieses Lied vereinten sich im Juli 2022 alle Kinder, die vor dem Krieg bei Color Music sangen und über ganz Europa verteilt waren, um es in Berlin mit Chris Martin von Coldplay vor 70.000 Zuschauern zu performen. "Ein unvergessliches Gefühl."