Eine Pflegefachfrau im Universitätsspital Zürich erlitt einen Burnout, stieg aus und berät nun Fachkräfte im Gesundheitswesen.
Meine Karriere war wie ein Korsett, in dem ich festgeschnürt war." Gelassen sitzt die 39-jährige Bettina Wolgensinger an einem Holztisch, einem kunstvollen Querschnitt eines Baumstamms. Ihre Wohnung befindet sich an der noblen Zürcher Goldküste. Hinter ihr eine Vase mit Legoblumen, die sie gerade erst mit ihren beiden schulpflichtigen Kindern gebaut hat, ein Denkmal ihrer neuen Zeit. Zeit, die sie früher nicht hatte.
Im Universitätsspital Zürich (USZ) fand ihr vorheriges Leben statt. Bis vor zwei Jahren war sie dort in der Leitung der Anästhesie beschäftigt. Was sich für die aufstrebende Pflegefachfrau anfangs glamourös anhörte, stellte sich als zermürbender Dauerstress heraus. "Oft war ich schon vor Arbeitsbeginn im Büro und nach Arbeitsende noch am Mailsbeantworten."
Wolgensinger beschreibt die Stelle als bedrückend, mit hochgesteckten Zielen und kaum Raum für echte Begegnungen. "Ich wollte eine persönliche Verbindung mit jemandem haben." Nach zehn Jahren in der Anästhesie kam im Herbst 2022 der Zusammenbruch. Sie erlitt einen Burnout und fiel in eine tiefe Erschöpfungsdepression. "Ich konnte mir nicht einmal mehr drei Sachen merken, die ich im Laden besorgen musste - eine mentale Lähmung." Sie war am Ende, in einer Sackgasse.
Mehr als ein halbes Jahr habe es gedauert, bis sie in einen geregelten Alltag zurückfand. Erst im April 2023 begann sie wieder Vollzeit zu arbeiten. Allerdings nicht mehr am USZ. Sie kündigte. "Ich brauchte einen radikalen Schnitt, um wieder klar denken zu können." Temporär habe sie in verschiedenen Spitälern gearbeitet, jedoch ohne leitende Funktion. Schlichtweg, um Geld zu verdienen und ihren Freiraum zu spüren. "In einem Team zu sein, mit verschiedenen Ämtern, die erfüllt werden müssen, wäre nicht mehr gegangen." Bettina Wolgensinger streicht eine Strähne ihres haselnussbraunen Haars, das ihr bis zu den Schultern reicht, hinter das Ohr.
Sie habe sich im Mai 2024 weitergebildet und ein "Certificate of Advanced Studies" in Psychologie an der Kalaidos Fachhochschule erworben. Außerdem bildete sie sich noch in systemischem Coaching am Institut für systemische Impulse (ISI) weiter. "Die Person wird beim systemischen Coaching ganzheitlich betrachtet. Jede Person trägt eine andere Wahrheit in sich." Sie schmunzelt, "tönt vielleicht etwas philosophisch". Nach dem ersten Teil ihrer Coaching-Ausbildung habe sie den Schritt in die Selbständigkeit gewagt. Sie begleite heute Fachpersonen im Gesundheitswesen, die wie sie damals nicht mehr weiterwissen. "Es ist einfacher, sich in der eigenen Branche selbständig zu machen. Man hat bereits ein Netzwerk." Sie lacht. "Hätte man mir vor zehn Jahren gesagt, dass ich mich eines Tages selbständig machen würde, hätte ich dieser Person den Vogel gezeigt."
Im Vergleich zu früher sei sie jetzt viel freier im Kopf. "Wenn es mir gut geht, kann ich anderen helfen. Es ist egal, ob fest angestellt oder selbständig, man muss herausfinden, was einem guttut." Hat sie sich beim Wechsel unsicher gefühlt? "Eigentlich nicht. Ich hatte Vertrauen, dass einige Sachen mehr Zeit benötigen als andere." Es sei manchmal nicht leicht auszuhalten, wenn man nicht wisse, ob etwas das Richtige sei. "Aber das weiß man sowieso nie. Oft kann man das erst im Nachhinein sagen." Im Dezember 2023, gleich vor ihrer Coaching-Ausbildung, lancierte sie den Podcast "Schichtwechsel" über mentale Gesundheit, der zweimal im Monat auf Spotify und Apple Music erscheint. Sie pflegt den Podcast heute noch neben den Coaching-Sitzungen und erreicht bis zu 150 Zuhörer. Die ersten Folgen handeln von ihrem persönlichen Weg aus der Erschöpfung zurück ins Leben. Obwohl sie immer noch über Themen redet, die sie beschäftigen, hat sich der Podcast inzwischen weiterentwickelt. Jetzt geht es darum, anderen im Gesundheitswesen zu helfen. Sie sieht den Podcast als Schaufenster für ihre Coaching-Sitzungen, "ein kostenloses und niederschwelliges Angebot". Sie hofft, mit ihm die Perspektiven leidender Menschen zu weiten.
In der Zukunft möchte Wolgensinger wieder in einem Team arbeiten. Jedoch nicht im klassischen Sinn. "Ich möchte keine Angestellten haben, sondern mit anderen Coaches kollaborieren. Gemeinsam Workshops betreiben oder Klienten zu zweit beraten. Das wäre für mich ein Traum."
Wenn Wolgensinger heute auf die drastische Wendung, die ihr Leben genommen hat, zurückblickt, ist sie dankbar. "Bevor etwas Gutes entsteht, kommt häufig großer Schmerz." Doch aus Schmerz kommt Erkenntnis. "Ich schätze die Zeit auf der Anästhesie sehr. Alles im Leben hat seine Zeit, doch wir verändern uns ständig." Sie atmet aus. Ihr Korsett sei endgültig aufgeschnürt.