Keine geschlossene Gesellschaft

14 Morde in 110 Minuten - das Gefängnistheater aufBruch spielt "Titus Andronicus" in der JVA Tegel in Berlin

Knarzend fällt die schwere Metalltür ins Schloss. Der Weg führt über den Innenhof, vorbei an grauen Bauten aus den 90er-Jahren mit vergitterten Fenstern. Die Zuschauer laufen durch einen leeren Zellenflur und am umzäunten Pausenhof entlang, bis das Ziel erreicht ist: die Freiluftbühne der JVA Tegel in Berlin. Dort ist eine kleine Tribüne mit einfachen Holzbänken aufgebaut. Vorfreude, Gemurmel und Vogelgezwitscher liegen in der Luft, während die Sonne langsam hinter den Bäumen verschwindet. Die Bandbreite der 170 Zuschauer reicht von ehemaligen Insassen bis zu neugierigen Besuchern, die zum ersten Mal ein Gefängnis betreten. Auf dem Programm stehen 14 Morde in 110 Minuten. Gespielt wird "Titus Andronicus. Eine Komödie nach William Shakespeare, Friedrich Dürrenmatt und Heiner Müller" - von Gefängnisinsassen, im Rahmen von aufBruch, einem Projekt, das 1997 von Holger Syrbe gegründet wurde und heute ein fünfköpfiges Team umfasst.

 

Einer der Schauspieler ist Muhammet D. Er nimmt im Stück drei Rollen ein. Unter anderem spielt er den Gotenfürsten Alarich. Mit seiner rechten Hand stützt er sich auf einen Gehstock, auf dem ein großer Totenkopf thront. Auf seinem Kopf trägt er einen schwarzen Hut, unter dem ein schwarzes Tuch mit goldenem Muster hervorschaut, das an den Seiten seines langen Bartes auf die breiten Schultern fällt. Während er ausdrucksstark gestikuliert, sitzt er auf einem goldenen Thron.

 

Die Stimmung im Publikum wechselt zwischen Entsetzen und Belustigung, während sich auf der Bühne Machtspiele, Rache und Gewalt mit bekannten Schlagern wie "Tanze Samba mit mir" von Tony Holiday mischen. Als das Stück zu Ende ist, sitzt Muhammet D. auf den Stufen am Fuß der Bühne, wo Tamora, die Königin der Goten, noch kurz zuvor ihren Sohn verspeist hat. Er habe, schon bevor er ins Gefängnis kam, geschauspielert, erzählt der kräftig gebaute Mann, während er eine Zigarette raucht. Neben Filmen hatte der 26-Jährige auch eine Rolle in der TV-Serie "Berlin - Tag & Nacht". Als er ins Gefängnis kam, bewarb er sich, um ein Teil von aufBruch zu werden. Das Projekt bietet ihm die Möglichkeit, dem tristen Alltag dort zu entkommen, der um 6 Uhr mit der sogenannten Lebendkontrolle beginnt. "Beim Schauspielern blühe ich auf und werde offener, obwohl ich sonst eher ein Einzelgänger bin." Falls das Projekt beendet würde, würde ihm etwas in seinem Alltag fehlen. Hier knüpfe er soziale Kontakte und entwickele mehr Selbstbewusstsein.

 

Sibylle Arndt teilt Muhammets Sorge. Sie hat blonde, zum Zopf gebundene Haare. Vor 25 Jahren ist sie als Regieassistentin Teil von aufBruch geworden. Zu ihren Aufgaben gehöre die Organisation der Proben und Aufführungen sowie die Auswahl der Stücke. Doch es sei unklar, wie lange sie und ihre Kollegen ihrer Arbeit wie gewohnt nachgehen können. Anfang Januar hatte die Senatsverwaltung für Justiz ihre Zuwendungen um 70 Prozent gekürzt, von 202.000 auf 60.000 Euro, heißt es in einer Pressemitteilung von aufBruch. "Generell mussten im Justizhaushalt Einsparungen vorgenommen werden, die vorrangig auf den Bereich Straffälligenhilfe fielen", erklärt Arndt. Die Senatsverwaltung für Kultur habe die Förderung von 110.000 Euro zum Glück beibehalten. Die fehlenden Mittel konnten in diesem Jahr durch Gelder aus dem Lottospiel, die in gemeinnützige Projekte fließen, sowie über private Spender und den Verein der Freunde und Förderer des Gefängnistheaters in Berlin e. V. aufgefangen werden, berichtet die 49-Jährige, die seit 2012 hauptberuflich bei aufBruch arbeitet. Während aufBruch von 2018 bis 2024 ausschließlich durch den Senat mit 312.000 Euro finanziert wurde, standen dem Projekt 2025 inklusive der alternativen Förderungen 235.000 Euro zur Verfügung. Die Lage sei angespannt, denn diese Summe reiche nicht für die zu leistende Arbeit.

 

AufBruch will den von der Öffentlichkeit ausgeschlossenen Ort Gefängnis zugänglich machen. "Ziel ist, durch darstellerisches Handwerk den Gefangenen eine Sprache, eine Stimme und ein Gesicht zu verleihen, das die Möglichkeit einer vorurteilsfreien Begegnung zwischen Draußen und Drinnen schafft", heißt es auf der Website. In der Begegnung soll es nicht nur darum gehen, dass "die Jungs", wie Arndt sie nennt, Gefangene sind. Das Theater soll ein Sprungbrett für eine Begegnung auf Augenhöhe sein und nicht als "zehnte therapeutische Maßnahme wahrgenommen werden, obwohl diese natürlich auch ihre Berechtigung haben".

 

Peter Atanassow, der 57-jährige Regisseur mit Holzfällerhemd und hochgekrempelten Ärmeln, sieht außerdem die Parallelen zwischen den Erlebnissen der Insassen und den Themen der Stücke. "Man bringt die Stoffe zu den Leuten, die genau das gemacht haben, was in den Stücken behandelt wird." Atanassow kocht sich einen Kaffee im Büro von aufBruch, einem Ladenlokal in Prenzlauer Berg. "Wir schauen sonntags den Tatort und sind fasziniert, aber wir vergiften niemanden, weil wir wissen: Wenn ich das tue, lande ich im Gefängnis und sehe meine Familie nicht mehr. Vor diesem Risiko schrecken die Straftäter nicht zurück. Es geht darum, Theater mit den Leuten zu machen, die es betrifft, um die es geht."

 

Arndt erklärt: "Die aufBruch-Produktionen sind hinsichtlich der Anzahl an Aufführungen und Sitzplatzkapazitäten deutschlandweit führend. In einigen Strafanstalten gibt es ebenfalls Theaterangebote, doch viele sind nicht oder nur begrenzt besuchbar." In Deutschland hat aufBruch bisher in neun Anstalten Kunstprojekte realisiert. Hinzu kommen ein Projekt in Chile und eines in Russland. Letzteres wurde 2004 vom Auswärtigen Amt unterstützt. Über politische Kontakte wurden Proben in einer russischen Jugendstrafkolonie nahe Moskau ermöglicht. "Wir haben mit dem Anstaltsleiter zusammengesessen, einen Zeitplan erstellt, einen Probenbereich gesucht, die Bühne aufgebaut und das Stück entwickelt", berichtet Arndt. Insgesamt hat das Team von aufBruch drei Monate mit den Jugendlichen verbracht. Als Vorbereitung auf Chile habe das Team 2010 am Goethe-Institut in Santiago de Chile Sprachkurse belegt, um dort zum 200. Jahrestag des Beginns des Unabhängigkeitsprozesses des Landes "¡Vamos al oro! - Auf zum Gold!" zu inszenieren.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 22.12.2025, Nr. 297, S. 26 - Charlotte Hettler, Marie-Curie-Gymnasium, Hohen Neuendorf

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