Im Swiss Game Hub kommen junge Gamer, Entwickler und Familien zusammen
Der Duft von frischen Crêpes, Gegrilltem und asiatischen Nudeln liegt in der Luft. Zwischen Essständen schlendern Besucher mit gefüllten Papptellern in der weitläufigen Halle. Kinder lachen. Und aus jedem Winkel ist Stimmengewirr zu hören. Das ist die Eröffnungsfeier des Swiss Game Hub Ende April in Zürich-Oerlikon. In der Halle 87 S ist nichts mehr wie früher. Wo einst Paletten gestapelt wurden und Gabelstapler rangierten, pulsieren nun Ideen. Die ehemalige Lagerhalle der ABB wurde von der Stadt Zürich gekauft und für eine kreative Zwischennutzung ausgeschrieben. Die Stadt positioniert sich als Unterstützerin neuer Ansätze. Mit niedrigem Mietzins und viel Engagement der eingemieteten Gamefirmen wurde die Halle neu erfunden. Heute ist sie Nährboden für Kreativität und Kooperation: ein Co-Working-Space für Gamedesigner. Die Decken sind hoch, Stahlträger sichtbar, die Wände in Grau. Doch das Grau wird durchbrochen von LEDs, Projektoren, VR-Brillen und farbigen Screens. Über zwei Etagen verteilt stehen Dutzende Bildschirme, Spielstationen, farbige Sofaecken und moderne Arbeitsplätze mit Trennwänden aus Holz.
Auf mehr als 2000 Quadratmetern teilen sich verschiedene Akteure der Schweizer Gameszene einen gemeinsamen Raum. Die Szene bekommt ein zentrales Zuhause - öffentlich zugänglich und vernetzt. Mitten im Trubel steht der 36 Jahre alte Sebastian Tobler, Ko-Gründer des Swiss Game Hub und CEO der ATEO GmbH aus Zürich. In Jeans, Sneakers und blauem T-Shirt begrüßt er die Gäste. "Wir haben nicht mit so vielen Besuchern gerechnet", sagt er. Etwa 300 sind gekommen, darunter nicht nur Entwickler und Gamer, sondern auch Familien mit Kindern. Heute ist Tag der offenen Tür. Alle dürfen ausprobieren, testen, genießen. Wer durch die schmalen Gänge zwischen den Arbeitsstationen schlendert, taucht in eine andere Welt ein. Überall leuchten Monitore. Game-Avatare blicken einen als Plüschtiere von Regalen herab an, hindurch zwischen Pflanzen, Plakaten, Stickern und Manga-Figuren. Aus den Lautsprechern tönt mal epische Musik, mal fröhlicher 8-Bit-Sound, jene elektronisch-piepsigen Klänge, wie man sie aus Oldschool-Videospielen kennt.
"Was mich überrascht hat, ist die Offenheit der Community", sagt Michelle Tran, eine Gamedesign-Studentin. "Man bekommt hier sofort Feedback, sogar von Leuten, die seit Jahren in der Branche sind." Die Atmosphäre erinnert an ein Techfestival, aber auch an eine kreative Werkstatt. "Die Halle erinnert mich ein bisschen an ein Hackerhaus, nur cooler", sagt der 18-jährige Gamefan Maxime Velasco, der mit seinen Freunden aus Winterthur angereist ist. "Man merkt, dass hier echt was geht." Überall begegnet man Whiteboards, Prototypen, Skizzen und Konzeptzeichnungen. Gespielt wird intensiv, analog und digital: Einige probieren Brettspiele aus, andere gamen gemeinsam am Controller, und manche schauen beim Zocken zu. Es wird gelacht, diskutiert und gefachsimpelt. "Man vergisst die Zeit völlig", sagt Andreas Meier, dessen Tochter die virtuelle Welt des Spiels "Castle Come" erkundet. Die Zehnjährige baut sich ihre eigene Phantasiewelt auf dem Rücken eines riesigen Drachens auf. Ihr Avatar stapft durch dichte Wälder oder kämpft gegen Maschinen.
An einem der aufgehängten Werbeplakate bleibt Tobler stehen. Darauf prangt das Cover des Spiels Brotato, eines Indie-Actionspiels, in dem Spieler eine Kartoffelfigur steuern, die sich durch Wellen von Gegnern kämpft und dabei verschiedene Waffen und Upgrades freischaltet. "Gamedesigner zu sein, ist wie ein Rockstar-Leben", sagt er. "Entweder du triffst den Nerv und wirst berühmt - oder du bleibst arm." Thomas Gervraud, der Entwickler von Brotato, hat es geschafft. Millionenfach wurde sein Game verkauft. Heute gehört er mit seinem vierköpfigen Team zu den Stars der Szene und ist ebenfalls im Swiss Game Hub vertreten. Stolz präsentiert Tobler ihren Arbeitsplatz. "Der Austausch mit anderen Teams bringt unsere Ideen weiter", sagt Nicolas Zehnter, ein Mitarbeiter. Aber Tobler verschweigt die Kehrseite des Gamedesign-Berufs nicht. "Hier gibt's auch viele, die noch nach einem Erfolgsrezept suchen. Manche arbeiten zwei Jahre an einem Game, und dann verkauft es sich nur ein paar Hundert Mal. Der Stundenlohn liegt dann im einstelligen Rappenbereich." Es ist ein hartes Geschäft, Leidenschaft und Durchhaltevermögen sind wichtige Kompetenzen.
Toblers eigene Firma ATEO geht lieber auf Nummer sicher. "Wir entwickeln Games auf Auftrag." So sei der Lohn für ihn und seine Mitarbeiter gesichert. ATEO hat bereits für Zweifel, eine Snackfirma, die Stadt Zürich oder das Mobile Game "Dungeon Crawler" gearbeitet. Klar, es ist weniger Glamour als ein viraler "Indie-Hit", dafür ein solides Geschäftsmodell. "Wir können kreativ arbeiten und dabei gut leben", sagt Tobler, während er einen Blick auf seine beiden Söhne wirft, die draußen auf der Hüpfburg spielen.
Lange fristete die Gameszene in der Schweiz ein Schattendasein, irgendwo zwischen Kunst, Technologie und Vision. Viele Entwickler arbeiteten allein im Homeoffice. Es fehlte an Struktur, an Raum, an Gemeinschaft. Das ändert sich jetzt. Mit dem Swiss Game Hub gibt es erstmals ein Zentrum - physisch und symbolisch. Rund 80 Personen arbeiten bereits hier. Es sind kleine Studios, Start-ups, Freelancer.
Das Gamebusiness ist ein sicherer Markt, erklärt Tobler. 2023 nahm die Gameindustrie laut Statista fast viermal so viel ein wie die Musik- und Filmbranche zusammen. Der Umsatz im Markt Videospiele wird 2025 weltweit etwa 476 Milliarden Euro betragen. "Der Game Hub soll helfen, erfolgreiche Games zu designen, sodass die Schweiz irgendwann auch große Firmen im Gaming-Bereich hat", betont er.
Der Game Hub bietet jungen Entwicklern eine Plattform, um zu lernen, sich kreativ auszuprobieren, und von Profis zu lernen. "Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal in einem solchen kreativen Umfeld arbeiten würde", sagt der 29-jährige Entwickler Jonas Lehner. Neben ihm lehnt sich Lavinia Brauchlin über einen Bildschirm, auf dem bunte Pixel-Figuren durch eine Phantasiewelt springen. Die 23-Jährige aus Luzern programmiert ihr erstes eigenes Spiel. Sie ist eine von wenigen Frauen im Raum. "In der Gameszene trifft man immer noch viel zu selten auf Frauen", sagt sie. "Umso schöner ist es, hier andere Entwicklerinnen zu treffen. Das gibt einem echt das Gefühl dazuzugehören."
Nicht dazuzugehören, dieses Gefühl kennt auch Aylin Schmid. Die 24-jährige Informatikstudentin aus Zürich meint: "Ich habe lange gezweifelt, ob ich überhaupt in diese Branche passe. Aber hier treffe ich Leute, die mich verstehen. Das motiviert enorm."
Draußen ist es längst dunkel geworden, in der Halle herrscht noch reges Treiben. In einem Raum wird Maraoke gespielt, Karaoke mit umgedichteten Gametexten. In einem anderen sitzt ein Entwickler mit leuchtenden Augen vor einem Game. "Ich komme aus Luzern und bin heute das erste Mal hier", sagt die 25-jährige Gamedesign-Studentin Lena Vogel. "Es ist inspirierend zu sehen, wie viele Leute hier an ihren Ideen arbeiten."