Lauter Hochstapler

Junge Leute bechern gern: Seraina Toms ist Weltmeisterin im Sport Stacking.

Fast 140 Medaillen hängen an Stangen, und 30 Pokale stehen im Regal. Die Ausbeute von sechs Welt- und drei Europameisterschaften sowie vielen anderen Wettkämpfen im In- und Ausland, an denen Seraina Toms teilgenommen hat. Seit zwölf Jahren ist Sport Stacking die Leidenschaft der Vierundzwanzigjährigen. Im vergangenen Jahr wurde sie Weltmeisterin.


Entdeckt hat die Sportlerin aus Hinwil im Zürcher Oberland ihr Hobby auf Youtube. "Mit Plastikbechern aus dem Küchenschrank, in deren Boden ich kleine Löcher bohrte, um weniger Widerstand zu haben, fing ich an. Bald aber wünschte ich mir ein richtiges Set zu Weihnachten. Vier Jahre später nahm ich an den Schweizer Meisterschaften teil - und gewann prompt einen dritten Platz", sagt sie, und ihr sommersprossiges Gesicht leuchtet auf.


Nach diesem Erfolg hat sie sich beim Turn- und Sportverein Concordia Baar im Kanton Zug angemeldet, dem für sie am nächsten gelegenen Verein. Mit einer Stunde Zugfahrt liegt Baar nicht um die Ecke. Das wurde Toms irgendwann zu viel neben einer Lehre zur Fachfrau Betreuung für Kinder, die sie in Winterthur machte. "So begann ich von der Gründung eines eigenen Vereins zu träumen." Acht Jahre später findet in einem kleinen Raum in Wetzikon alle zwei Wochen am Montagabend das Training statt. Ausgestattet mit einem Sack voller Becher-Sets, wird an zwei Tischen gestapelt. Heute sind nur zwei von fünf Teilnehmern anwesend. Die Stimmung ist familiär. Toms trainiert mit, beobachtet aber auch die anderen. Wenn ihr etwas auffällt, gibt sie Tipps. Die Trainings sind offen für Kinder und Erwachsene.


Wenn man Toms zusieht, wird einem fast schwindelig. Mit flinken Fingern stapelt sie die Becher zu Pyramiden und wieder zurück zu Stapeln, so schnell, dass man keine Chance hat, zu sehen, wie sie das genau macht. Ihr rotbraunes Haar ist kurz geschnitten, damit es nicht im Weg ist. Sie trägt eine bequeme Hose und einen pinkfarbenen Pullover. Und sie steht breitbeinig da, um sich nicht so weit zum Tisch hinunterbeugen zu müssen. Die Abläufe eines Cycles erklärt sie jedem, der das lernen möchte, genau. Zuerst werden die zwölf Becher zu einem Dreier-, Sechser- und Dreierstapel aufgestellt. Aus diesen baut man drei Pyramiden, baut sie wieder ab und fügt die zwei Dreierstapel zu einem weiteren Sechserstapel zusammen. Es folgen zwei Türme mit je sechs Bechern. Zum Schluss werden zehn Becher zusammengenommen, aus denen man eine große Pyramide baut, und mit den zwei übrigen Bechern schiebt man die obersten Becher diagonal nach unten und baut wieder die zwei Dreier- und den Sechserstapel. Damit ist ein Cycle beendet. Toms' Bestzeit beträgt 5,977 Sekunden. Damit ist sie die erste und einzige Frau, die eine Zeit unter sechs Sekunden geschafft hat.


"Ich möchte mich steigern, besser werden und mich selbst übertrumpfen. Man kämpft mehr gegen sich selbst als gegen andere", erklärt sie. Sport Stacking kann man auch im Team machen. Es gibt verschiedene Disziplinen, wie das Doppel, bei dem zwei Personen zusammen einen Cycle stacken. Eine benutzt die linke, die andere die rechte Hand. Bei der Staffel machen vier Leute hintereinander einen Cycle, und alle Zeiten werden zusammengezählt. Toms selbst macht beides gerne.


Gerade in ihrer Altersklasse ist die Konkurrenz stark, darunter sind auch einige gute Freundinnen. Mit manchen trainiert sie zusammen, tauscht sich aus und tritt gegen sie an. Für viele Sport-Stacking-Begeisterte sind die Meisterschaften im Ausland wie 2024 in den USA oder im Jahr davor in Südkorea jedoch zu weit weg und zu teuer. Toms versucht, solche Anlässe mit Reisen zu verbinden. "Früher war es einfach so ein Hobby, wie Diabolo oder Skateboarden oder so, aber mit der Zeit ist es immer höher gestiegen."


Eine richtige Niederlage gebe es für sie nicht. Jeder Wettkampf sei ein Highlight, egal ob gewonnen oder verloren. Nur bei einer Schweizer Meisterschaft konnte die Hinwilerin vor Ort noch nie den ersten Platz gewinnen - jedes Mal würde sie Zweite oder Dritte, was natürlich ein Riesenerfolg sei, aber nachdem sie den Weltmeistertitel geholt habe, sei es dennoch etwas deprimierend. Bei der Meisterschaft 2020, die wegen Corona online stattfand, gewann sie zwar, jedoch sei es nicht das gleiche Gefühl gewesen, da sie nicht neben den anderen auf dem Podest stehen konnte.


"Mit den Trainings hoffe ich den Sport bekannter zu machen. Ich möchte zeigen, wie viel Spaß es machen kann und was für eine großartige Möglichkeit es ist abzuschalten." Das Becherstapeln sei auch eine extreme Förderung der Hand-Augen-Koordination, des Durchhaltevermögens, "und es hält beide Gehirnhälften auf Trab".


Populär gemacht hatte das Becherstapeln in seiner heutigen Form ein Grundschullehrer aus Colorado. Er war überzeugt, dass es die Konzentration und Motorik der Schüler fördert. Schnell hat sich die Sportart weltweit verbreitet. Es ist für jeden gemacht, ob alt oder jung. Auch geistig beeinträchtigte Leute könnten viel davon profitieren, meint Toms. Außerdem ist es ein günstiges Hobby. Ein Set Becher, mit eventuell einer Matte mit Timer, ist alles, was es braucht. Man kann überall stapeln, solange man einen Tisch hat. Im Notfall kann man sich auf den Boden setzen. "Das einzige Problem ist, dass es ein bisschen laut ist", sagt Toms und lacht.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 17.02.2025, S. 26 - Zoé Wettstein, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

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