Man kann kaum mit ihr Schritt halten

Eine 11-jährige Balletttänzerin aus der Schweiz tanzt ihren Traum

Lavinia Rohner, braune Haare, große braune Augen, sieht aus wie ein typisches elfjähriges Mädchen mit einem starken Selbstbewusstsein. Sie hat einen jüngeren Bruder, der Fußball spielt, und Eltern, die sie lieben. Sie geht in die sechste Klasse und trainiert Ballett. Täglich. Keine Ausnahmen. "Ich habe immer Lust auf Ballett", sagt sie lächelnd. Sie sitzt am Tisch in ihrem Wohnzimmer in der Schwyzer Gemeinde Pfäffikon. Und ihre Mutter am anderen

Tischende. Man merkt schnell: Das hier ist mehr als ein Hobby.


Mit vier Jahren stand Lavinia zum ersten Mal im Studio. Ihre Mutter fand die Vorstellung "herzig", ein kleines Mädchen im Tutu zu haben. Also meldete sie Lavinia in einer Ballettstunde an. Leider gab es keine Tutus. Als sie mittanzen durfte, veränderte das ihr ganzes Leben.


"Mir gefällt am meisten, dass man sich frei bewegen und Emotionen mitteilen kann, zum Beispiel, wie man sich gerade fühlt", sagt Lavinia. Elegant, aber mit einer Menge Kraft tanzt sie, völlig in ihre Rolle vertieft. Vor der Bühne haben die meisten Angst, nicht aber Lavinia. Zweimal im Jahr hat sie eine Aufführung und noch mehr Wettbewerbe. Seit März 2022 gehören diese für sie zum Ballett dazu. Ihr erster Wettkampf war die Schweizer Qualifikation für den "World Dance Contest" in Deutschland. Sie hat in zwei Kategorien teilgenommen, in der Ballettgruppe wurden sie Zweite und in der Jazzgruppe Dritte. Knapp ein Jahr später hat sie in diesem Wettbewerb den ersten Platz mit einem Solo gewonnen. Seitdem hat Lavinia 14 weitere erste Plätze geholt, sechs davon waren Solos. Ihre Highlights 2025 waren der internationale Wettbewerb "Golden Bee" in Wien, wo sie in der Solokategorie den ersten Platz und den "Grand Prix du Jury" holte. Den dritten Platz gewann sie im Finale von "Danze Italia" in Rom im Mai, den zweiten beim "World Dance Contest" in Fréjus im Juni, ebenfalls den zweiten Platz beim Finale von "Dance Area Competition" in Paris im Juli. Sie fühle sich wohl auf der Bühne und müsse nie überlegen, was der nächste Schritt sei. Sie gehe erst auf die Bühne, wenn sie sich zu 100 Prozent sicher sei, dass sie es schafft. "Ich hatte noch nie ein Blackout oder eine peinliche Situation wegen eines Fehlers auf der Bühne." An den meisten Wettbewerben, die sie nicht gleich gewonnen hat, nimmt sie erneut teil. "Falls es mir Spaß gemacht hat, versuche ich es nochmals, wenn nicht, dann mache ich es nicht."


Es dreht sich aber nicht alles um Spaß, man braucht Disziplin und Technik. "Wenn man keine Technik hat, dann kann man auch nicht tanzen." Für Lavinia gilt das vor allem an der Ballettstange. Dabei sage sie zu sich selber: "Du musst das jetzt machen. Wenn du das nicht machst, dann kannst du nicht tanzen, dann gewinnst du nicht." Ihre ganz eigene Motivation. "Die Ballettstange ist wie meine Schwester. Ich brauche sie, sonst geht nichts."


Seit August 2024 tanzt Lavinia auf Spitzenschuhen. Sie bestehen aus einer Ledersohle mit vielen Schichten Stoff und Leim und einer Satinschicht. Man tanzt in den Schuhen, indem man ganz auf den Zehen steht. "Ich finde Spitzen unangenehm." Erst recht, seit sie sich im September 2024 den Fuß beim Tanzen gebrochen hat. Zweieinhalb Monate durfte sie nicht tanzen. Danach kam die Angst: War ihr Fuß stark genug, um wieder zu tanzen? Bildet sie es sich nur ein? Würde sie so gut tanzen können wie zuvor? Doch sie hat weitergemacht. Hat sich zurückgekämpft.


Neben dem Tanzen spielt sie Klavier, um ihr musikalisches Gefühl zu verbessern. Musik, Bewegung, Ausdruck: Alles greift ineinander. Ihr Lieblingsauftritt bis jetzt war ein

Clownstück. "Ich fand es lustig, das Publikum zum Lachen zu bringen." Die Rolle mochte sie besonders, weil sie ein Minisolo hatte. Ihre Traumrollen sind Odile und Odette aus Schwanensee. Mit sieben hatte sie bereits sechs Lektionen in der Woche. Mit acht war ihr klar: Sie will Ballerina werden. Plan B wäre Schauspielerin, doch es ist offensichtlich, dass Plan B gestrichen werden kann. Die meisten Profiballerinas sind zwischen 14 und 35 Jahre alt. Deswegen will Lavinia später eine Ballettlehrerin werden, nachdem sie ihren Traum verwirklicht hat. "Ich lasse mich von meinen Konkurrentinnen inspirieren." Das klingt ungewöhnlich, vielleicht ist es dieser Blick, der sie weiterbringt. Anstatt andere runterzumachen oder nur auf sich selber zu schauen, lernt sie von anderen. Schlussendlich sind sie an der gleichen Stelle. Der einzige Unterschied: Sie sind nicht Lavinia Rohner.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 01.12.2025, Nr. 279, S. 26 - Lola Nutt, Kantonsschule Uetikon am See

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