Ein Museum erzählt von einem Grubenunglück und dem "Wunder von Lengede".
Zweieinhalb Meter ragt die stählerne Dahlbuschbombe in die Höhe. Sie ist am Fuß der Treppe angebracht und weist dem Besucher den Weg nach oben - zu den Ausstellungsräumen des Museums "Wunder von Lengede". Die torpedoförmige Rettungskapsel hat eine Öffnung, die bis knapp über die Hälfte der Dahlbuschbombe reicht und 1,25 Meter lang und 50 Zentimeter breit ist. Im Inneren der Kapsel befindet sich ein lederner Gürtel, um eine Person zu fixieren und vor dem Herausfallen zu schützen. Mit dem ausgestellten Originalexponat endete am 7. November 1963 um 14.25 Uhr die Rettungsaktion der 60 Meter unter Tage eingeschlossenen Bergleute. Elf Männer wurden mit ihr geborgen. Die Rettungsaktion ging als das "Wunder von Lengede" in die Geschichte ein.
Dass dieses Ereignis als "Wunder" bezeichnet wird, ist laut dem 78 Jahre alten Gerd Biegel, Honorarprofessor für Mathematik an der TU Braunschweig und Ehrendoktor der Geschichte, etwas Besonderes. Mit dem "Wunder von Lengede" ist die 14-tägige Rettungsaktion der Lengeder Bergarbeiter gemeint, die nach einer Überflutung der Grubenanlage unter Tage eingeschlossen waren. Am 24. Oktober 1963 gegen 20 Uhr bricht der Klärteich 12 ein, 475.000 Kubikmeter Wasser und Schlamm strömen in die Grube "Mathilde". 129 Männer der Mittagsschicht sind unter Tage gefangen.
Aufgearbeitet wird das Unglück seit dem 20. September 2023 im gleichnamigen Museum, das sich in Lengede, gut 20 Kilometer südwestlich von Braunschweig befindet. Biegel, der Initiator des Museums, erzählt, dass er "während der Konzeption des Museums eng mit den Zeitzeugen Adolf Herbst und Karl-Hans Schnell" zusammengearbeitet hat. "Adolf Herbst war einer der Männer unter Tage. Er war allerdings kein Bergmann, sondern Mechaniker der Firma Siemens, der zum ersten Mal in den Schacht der Grube 'Sophienglück-Mathilde' einfuhr. Dort sollte er in 100 Meter Tiefe eine Pumpanlage installieren." Der heute zweiundachtzigjährige Herbst ist der letzte lebende Zeitzeuge, der selbst unter Tage war, "da er fast eine ganze Generation jünger war als die Bergleute, als sich das Unglück ereignete". Karl-Hans Schnell verstarb im Juli 2024 im Alter von 93 Jahren. Der damals Dreiunddreißigjährige hielt als Vikar in der Kirche von Lengede einen Gedenkgottesdienst. Noch während der Predigt wurde ihm eine Liste mit den Namen der elf Überlebenden, die während des Gottesdienstes gerettet wurden, zum Vorlesen gegeben. Ein kleines, inzwischen vergilbtes Papier mit elf in unsauberer Handschrift geschriebenen Namen hängt in einem der Ausstellungsräume hinter einer Glasscheibe. Die zwölfte gelistete Person ist der Steiger, der unter Tage ging und den Bergleuten beim Einstieg in die Dahlbuschbombe half. Er war die letzte Person, die den Schacht bei der Rettungsaktion wieder verließ. Herbst ist die Nummer vier auf der Liste. Sie zeigt die Reihenfolge, in der die Bergmänner gerettet werden sollten. Es wurden Ärzte zurate gezogen, um zu ermitteln, wer am schwächsten war und demnach zuerst gerettet werden musste. "Beide Zeitzeugen waren bei der Eröffnung des neuen Museums anwesend", berichtet Biegel, der von 1986 bis 2008 Direktor des Braunschweiger Landesmuseums war. Im ersten Stock des Museums tritt der Besucher durch einen weißen lamellenartigen Vorhang, auf dem groß die Jahreszahl 1963 prangt. Dann taucht man in die Geschichte ein. "In Lengede kann Geschichte durch 'Anfassen und Erkunden' erlebt werden", sagt Biegel. Schaukästen, die sich öffnen lassen, ein Medienraum mit Fernseh- und Tonaufnahmen von damals und viele weitere Originalexponate vermitteln einen greifbaren Eindruck. "Das Besondere ist, dass die Rettungsaktion als eine der ersten Fernseh-Livereportagen gefilmt wurde und ein großes Publikum erreichte", erklärt Biegel, während er über seine schlichte Brille blickt. "Hierdurch ging das Ereignis landesweit in das Gedächtnis einer ganzen Generation ein."
Bei den Tonaufnahmen stechen die Gespräche zwischen den Männern unter Tage und ihren Angehörigen hervor. "Mir geht's ganz gut hier unten", antwortet einer der Männer auf die Frage seiner Tochter. Die einzelnen Gespräche mit den Angehörigen dauern nur wenige Sekunden. Bei den Gesprächen mit dem Arzt ist in den Stimmen der Männer weder Angst noch Verzweiflung zu hören.
"Das Besondere an diesem autonomen Museum ist, dass sich kein Personal vor Ort befindet." Der Eintritt ist frei, und es ist jeden Tag von 8 bis 18 Uhr geöffnet. Finanziert wurde es durch das Förderprogramm "Zukunftsräume" des Landes Niedersachsen und die Gemeinde Lengede selbst. Der Braunschweiger Historiker im grauen Anzug erzählt, dass er sich speziell für diese Form des Museums entschieden hat, "damit Menschen, die Freunde oder Familie in Lengede besuchen, noch einen kleinen Schlenker zum Erzring machen und dort Geschichte hautnah erleben können". Die weiteren Pläne für sein Museum umreißt Biegel, während er sich durch seinen langen weißen Bart streicht. Seine Intention ist die "Renaturierung der Landschaft rund um den acht Kilometer entfernten Seilbahnberg, um eine Spazierrunde vom Museum über die Gedenkstätte bis hin zum Seilbahnberg" zu schaffen. Dieser ist eine künstliche Erhebung, die durch das Aufschütten des Abraums der Grube "Sophienglück-Mathilde" zwischen 1917 und 1927 geschaffen wurde. Biegel möchte "die Verknüpfung von Natur und Geschichte so nutzen, dass den Besuchern die Orte des Geschehens wie auf einem zeitlichen Rundgang zugänglich sind. Dies soll vor allem durch Informationstafeln geschehen."
In dem Museumsgebäude aus rotem Backstein sind die Ausstellungsräume dunkel gehalten. Durch gelbe Farbakzente an den Wänden werden besondere Schlüsselmomente gekennzeichnet. Am Ende des Rundgangs wird man von 29 erloschenen Grubenlampen zum Gedenken an die verstorbenen Bergarbeiter verabschiedet. Rechts der Lampen sind an der schwarzen Wand die Namen der Verunglückten in weißer Schrift geschrieben. "Da praktisch alle Familien in Lengede in irgendeiner Weise betroffen waren, ist das Unglück mehr oder weniger ein Identifikationsfaktor für die Gemeinde", meint Biegel.