Man trifft sich im Zirkus

Die Schweizer Familie Stey ist eine der ältesten Artistendynastien der Welt. Rolf Stey bewarf seine Frau 20 Jahre lang mit Messern.

Ein schwüler Nachmittag im Sommer. Etwas außerhalb der Ortschaft Bonau in der Ostschweiz führt eine kleine Straße am Waldrand entlang. Dort stehen Zirkuswagen, Lkw, Pferdetransporter und Maschinen: das Basislager des Zirkus Stey. Mittendrin fährt ein Achtjähriger auf seinem grünen Spielzeugtraktor. "Bau nicht schon wieder die Räder ab, Rolfi!", ruft sein Großvater Rolf Stey. Im Hintergrund kreischt eine Säge. Neugierig kommen vier gescheckte Ponys aus dem Stall. Rolf und Irene Stey sitzen in ihrem Büro. Beide hatten den Familienzirkus 1983 nach dem plötzlichen Tod von Rolfs Mutter übernommen. 30 Jahre später übergaben sie ihn an ihren Sohn Martin. An den Wänden des kleinen Büros hängen Plakate und Bilder von Aufführungen, im dunklen Nebenraum liegt Rolfs Clownskostüm.

 

"Rolfis erster Auftritt war 2020, er hat meinen Vornamen und ist ein Clown wie ich." Der ehemalige Zirkusdirektor erinnert sich an seinen eigenen ersten Auftritt als "dummer August" im Alter von vier Jahren. 1949 kauften seine Eltern das erste Zelt, aus dem der Zirkus Stey entstand. Als Kind ging er während der Saison immer dort für ein paar Tage in die Schule, wo der Zirkus gerade zu Gast war. In dieser Zeit geknüpfte Freundschaften pflegt er bis heute, wie zur Familie der Fürsten von und zu Liechtenstein. "Heutzutage muss eine Lehrperson für die Zirkuskinder mitreisen, daher entstehen solche Freundschaften leider nicht mehr."

 

In den 60er Jahren boomte der Zirkus. Die Zelte nahmen an Größe zu. Das lag an den wachsenden Besucherzahlen und den immer größeren Tieren, wie Elefanten oder Löwen, die ein wichtiger Teil des Programms wurden. Mit der Erfindung des Farbfernsehens und der Eröffnung von Diskotheken in den 70er Jahren brachen die Besucherzahlen ein. "Das Zelt darf kleiner werden, die Qualität muss bleiben", meint Stey. Heutzutage gebe es noch viel mehr Konkurrenz bei den Freizeitaktivitäten. Dennoch machen sich Irene und Rolf Stey keine Sorgen. "Solange es Kinder gibt, wird es den Zirkus geben. Klassischer Zirkus mit Clowns wird immer beliebt sein, der Rest ist ein Kommen und Gehen von Trends." Früher etwa war das Balancieren auf einem Ball in Mode, heute ist es Fahrradakrobatik und Einradfahren.

 

Aus Tierschutzgründen wird inzwischen wesentlich weniger mit Tieren gearbeitet. Lediglich Pferde-, Hunde- und Ziegendressur sind noch ein fester Bestandteil des Programms vieler Zirkusse. Da sich Irene Stey, deren große Leidenschaft die Arbeit mit Tieren ist, schon früher sehr um ihre Schützlinge gekümmert hat, brachten die Tierschutzauflagen keine große Änderung für sie. "Die Zeiten des Bären und Affen mit Röckchen sind vorbei, das war ja auch total daneben! Gut, dass das heute nicht mehr erlaubt ist", betont sie. Sie sei immer noch ein "totaler Tiermensch" und pflegt gerne die Ponys.

 

Inzwischen stellen auch große Weihnachtszirkusse eine Konkurrenz dar. Diese werden oft von Managern geführt, die weltweit Artisten einkaufen. "Das Geld für Freizeitaktivitäten ist begrenzt", erklärt Irene. "Leute, die teure Tickets für den Weihnachtszirkus gekauft haben, wollen bei Saisonbeginn im März nicht schon wieder Geld für den Zirkus ausgeben." Um konkurrenzfähig zu bleiben, hat Familie Stey selbst zwei Weihnachtszirkusse auf die Beine gestellt - in einem davon stehen Irene als Ansagerin und Rolf als Clown vier Wochen im Jahr in der Manege.

 

Während es früher kein Problem war, einen Standplatz zu bekommen, ist es heute viel komplizierter. "Damals reichte ein Anruf beim Bürgermeister, und die ganze Stadt freute sich, den Zirkus zu Gast zu haben", erinnert sich Rolf. Jetzt müsse mindestens ein Jahr im Voraus eine schriftliche Anfrage gestellt werden, und es sei sehr viel Aufwand, all die Vorschriften zu erfüllen: vom Aufhängen der Plakate über die Genehmigung für Wasser- und Stromanschluss bis zu den Auflagen des Platzes.

 

Das Finden neuer Gesichter ist heute aber viel einfacher als früher. Täglich treffen Video-Bewerbungen ein. Aktuell sind eher Arbeitskräfte für den Auf- und Abbau schwieriger zu finden. "Es braucht manchmal ganz schön viel Überredungskunst, einen Techniker dazu zu bewegen, mitzureisen und ein paar Monate in einem Wohnwagen zu leben."

 

Dabei ist gerade das Reisen das, was für die zierliche 80-Jährige in ihrem leuchtend pinken Pullover das Zirkusleben ausmacht. Wehmütig erinnert sie sich an die Ankunftstage, an denen noch kein Strom gelegt war. "Das waren die Abende ohne elektrisches Licht, Handy und Fernseher. Alle haben sich am Lagerfeuer versammelt und Geschichten erzählt. Das war so romantisch. Heute sitzt jeder in seinem Wagen vor dem Bildschirm." Sie zeigt Blöcke mit roten, blauen und gelben Eintrittskarten. Warum die Farben? Irene erklärt, dass früher Nomaden aus Marokko beim Auf- und Abbau der Zelte geholfen und Plätze zugewiesen haben. Da sie aus abgelegenen Gegenden kamen, waren sie meist Analphabeten und konnten keine Zahlen lesen. Da hatte sie die Idee, den Karten dieselbe Farbe zu geben wie den zugehörigen Sitzreihen. Auch im Umgang mit Strom seien die Marokkaner unerfahren gewesen. Anfangs hätten sie den Stromfluss mit einem Nagel in der Steckdose überprüft.

 

Im Winter ging das Paar mit einer Show weltweit auf Tournee: Die "Two Tornados" sind bis heute das einzige Duo, das Seilakrobatik und Messerwerfen in dieser Art verbindet. Die Steys sind die älteste Zirkusdynastie der Welt, ihre Geschichte begann 1437 mit Gauklern und Hofnarren. Seit Generationen sind sie für ihre Seilakrobatik bekannt. "Ein Stey läuft zuerst auf dem Seil und dann auf dem Boden", sagt Rolf. Er hat auf dem Seil stehend zwischen 1969 und 1989 etwa eine Million Messer auf seine sich an einem Holzbrett drehende Frau geworfen. Das waren nicht etwa Attrappen, sondern 40 Zentimeter lange, schwere Schweizer Armee-Bajonette. In den 20 Jahren hat er seine mutige Frau "nur" 25 Mal getroffen. Das erste Mal passierte es in Japan. Dort fanden die Auftritte in Nachtclubs statt, die große Firmen für ihre Angestellten buchten. Rolf warf ein Messer, das Irenes linken Oberarm durchstieß. "Zum Glück hatte ich ein schwarzes Kleid an, so konnten wir die Show beenden", sagt die Unerschrockene lachend. Nach diesem Schock wollte ihr Mann aufhören, sie aber überredete ihn. Das größte Problem für Rolf war, zu wissen, dass ein Fehler von ihm ihr Leben riskiert und nicht seines. Ein Engländer wollte diese Nummer vor einigen Jahren nachstellen, dabei kam seine Frau ums Leben. Rolf Stey hat eine Spezialtechnik, um kontrolliert vom Seil aus die Messer werfen zu können. Das Geheimnis hütet er. Ob er es eines Tages seinem Enkel Rolfi verrät?

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 13.10.2025, Nr. 237, S. 26 - Emilian Schultz-Collet, Kantonsschule Kreuzlingen

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