Man wählt das kleinere Übel

Winzlinge machen eine Gärtnerei zu einem bodenständigen Betrieb

In den weitläufigen Gewächshäusern der Gärtnerei Waffenschmidt in Russikon, unweit des Pfäffikersees im Zürcher Oberland, herrscht Schweigen. Keine lärmenden Maschinen sind zu hören. Es liegen auch keine chemischen Dämpfe in der Luft. Stattdessen: das zarte Flirren von Flügeln, das kaum hörbare Krabbeln über Blattadern, der Duft von Tomatenpflanzen und feuchter Erde. Wer sich hier bückt, entdeckt das Leben in Miniatur. "Wo Nützlinge arbeiten, blüht das Leben - ganz ohne Gift", sagt Inhaber Hannes Waffenschmidt. Seine dunkelgrünen Augen blitzen durch feine, schwarz umrandete Brillengläser, die mit seinen schwarzen Haaren harmonieren. Einzelne weiße Bartstoppeln zieren seine Wangen. Die leicht schiefen Vorderzähne verleihen seinem Lächeln etwas Spielerisches. "Nützlinge sind unsere kleinen Helfer mit großer Wirkung." Der 43-Jährige deutet auf ein winziges Insekt, das eine Trauermückenlarve verspeist. Eine Raubmilbe, ein unscheinbarer natürlicher Räuber.

 

Die Gärtnerei, die sich über mehrere Glashäuser und Außenflächen erstreckt, setzt vollständig auf biologische Schädlingsbekämpfung. "Der Einsatz von Pestiziden ist in diesem Gewächshaus ausgeschlossen. Allein schon weil wir ungefähr alle zwei Wochen eine Veranstaltung durchführen und diese Stoffe gesundheitsschädigend sind. Unsere Gärtnerei ist ein Lebensraum, kein chemisches Schlachtfeld." Zwischen Hochbeeten mit bunten Blumen, Kräutertöpfen, Palmen und Obstpflanzen finden regelmäßig Kurse, Lesungen, Brunches statt - ein Treffpunkt für viele. Wo andernorts chemische Mittel dominieren, lasse man hier die Natur selbst eingreifen. "Was die Natur erfunden hat, braucht keine Chemie."

 

Zwischen Paprikapflanzen und Geranien hängen kleine weiße Karten, auf denen kaum sichtbare Eier und Larven befestigt sind - Lieferungen aus spezialisierten Schweizer Biolaboren. Schlupfwespen, Florfliegenlarven, Gallmücken, Marienkäferlarven, Raubmilben. Das System funktioniere seit Jahren. Von Blattläusen, Trauermücken, Napfschildläusen oder Thrips befallene Pflanzen würden gezielt mit Nützlingen versorgt. Die Schädlingspopulationen blieben stabil, ohne den ökologischen Kreislauf zu stören.

 

Die Luft in den Gewächshäusern ist warm und feucht. Ein Hauch von Zitrus liegt über den Reihen. Im Außenbereich summen Hummeln. Es ist ein in sich ruhendes System. Kein Lärm, kein Gestank, keine Warnhinweise - nur die stille Arbeit der Natur. "Auch ein Balkon kann ein kleines Paradies sein, ganz ohne Pestizide", meint Waffenschmidt. "Für blühende Balkone braucht es keine Chemie, nur Pflanzen mit einem guten Abwehrsystem und nährstoffreichen Boden." Das Abwehrsystem sei für die Resistenz gegen Schädlinge und die Langlebigkeit der Pflanzen ausschlaggebend. "Genauso wie bei uns Menschen. Für ein gutes Abwehrsystem braucht es einen luftigen Boden und Nährstoffe. Nährstoffzufuhr ist zum Beispiel durch den Einsatz von Bakterienstämmen möglich. Es gibt Bakterien, die sogenannte Siderophore bilden. Diese Siderophore binden das Eisen und transportieren es zu den Wurzeln. Bei kalkhaltigen Böden, wie wir sie in Deutschland und der Schweiz vorfinden, haben viele Pflanzen Eisenmangel, was zu einem langsamen Wachstum führt, die Blätter erbleichen lässt und zu einer Minimierung der Blütenproduktion führt."

 

Die Kundschaft sei vielfältig: Familien, Hobbygärtner, Berufstätige mit Stadtbalkon. Viele würden wissen wollen, was sie da mit nach Hause nehmen - und wie sie es pflegen können. "Wer bei uns einkauft, bekommt qualitativ hochwertige Pflanzen, die mit Bodenpilzen und Nützlingen unterstützt werden." Zwischen Holzregalen mit Samentütchen, dreckverschmierten Gummistiefeln und Gartenschläuchen ist die Atmosphäre bodenständig. "Wir lassen die Natur für uns arbeiten. Mit Respekt und Verstand. Qualität wächst nicht von allein. Sie braucht Erfahrung, Geduld und den Verzicht auf Gift." Die Gärtnerei wurde 1960 gegründet - ein Familienbetrieb mit Wurzeln. Es gibt 39 feste Mitarbeiter und mehrere Aushilfen. "Früher war alles, was Beine hat und krabbelt, schlecht", erwähnt Waffenschmidt und nimmt dabei Bezug auf seinen Vater, der damals mit Pestiziden alles tötete, was über seine Pflanzen krabbelte. "Die Natur ist der beste Gärtner. Man muss sie nur wahrnehmen."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 15.12.2025, Nr. 291. S. 26 - Emilie Dupin, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

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