Manche wollen blindlings helfen

Nicht sehen zu können, ist für Janka Reimmann Alltag. Wie meistert man diesen? Hin und wieder bekommt sie unangebrachte Hilfe.

Manchmal merke ich es erst, wenn der Boden weicher wird. Dann weiß ich, ich bin vom Weg abgekommen." Janka Reimmann wohnt in einem Haus in Winterthur zusammen mit ihrem Mann, ihrem Blindenhund und einer Katze. Mit ihrem selbstsicheren Auftreten fällt sie trotz ihres weißen Stocks und ihres Hundes nicht groß auf unter den vielen Menschen am Hauptbahnhof.

 

Schon als kleines Mädchen bemerkte sie, dass bei ihr etwas anders ist als bei anderen Kindern. Ab der dritten Klasse musste sie in eine Sonderschule für Menschen mit einer Sehbeeinträchtigung, weil sie ihr Augenlicht zunehmend verlor. Als sie eine Lehre im kaufmännischen Bereich absolvierte, betrug ihr Sehvermögen nur noch 20 Prozent. Sie benötigte alle Unterlagen in Großdruck. Das schleichende Erblinden setzte sich fort. "Bis vor drei, vier Jahren konnte ich noch mit einer Lupe lesen, wenn ich etwas ganz nah an meine Augen hielt." Heute ist das unmöglich. "Ich sehe alles wie durch dichten Nebel, und oftmals kann ich nur leicht erahnen, wo etwas ist." Sie greift nach ihrer Flasche, um es zu demonstrieren. Die Fünfzigjährige richtet ihr Leben rund um ihre Sehbehinderung ein. Aber jeder neue Schub, der ihre Sehkraft weiter verschlechtert, stelle sie vor neue Herausforderungen. Ein Spaziergang im Wald ist zur Herausforderung geworden. "Früher konnte ich die Waldwege noch fein erkennen, jetzt aber orientiere ich mich nur noch am Wechsel zwischen Kies und Waldboden." Es kam vor, dass sie vom Weg abkam und es erst später merkte. Nur durch ihren Instinkt und mithilfe ihres Hundes fand sie zurück.

 

"Der weiße Stock ist ein großes Hilfsmittel, aber der Hund gibt mir noch ein bisschen mehr Selbständigkeit." Sie streichelt den Labrador. Seit sie 24 Jahre alt ist, hat sie einen Hund an ihrer Seite, mittlerweile den vierten Labrador. Er bedeute auch Verantwortung. "Du musst raus, auch wenn es regnet. Es ist ein Lebewesen, um das man sich kümmern muss." Anfangs war es schwierig, neue Umstände zu akzeptieren. Vor allem Hilfe anzunehmen, auch wenn man es nicht will. "Es war schwer, den Blindenstock in die Hand zu nehmen, weil du damit sichtbar machst, dass du blind bist." Früher habe man sich in der Gesellschaft weniger akzeptiert gefühlt, doch in der heutigen Zeit werde man nicht mehr so intensiv beobachtet. Sie lernte schnell, Hilfe anzunehmen. Es gab jedoch Momente, wo sie unangebrachte Hilfe bekam. "Manche Leute hängen sich einfach bei mir ein und ziehen mich mit. Der Hund und ich erschrecken dabei, und es fühlt sich übergriffig an." Am meisten zu schaffen macht ihr das in neuen oder unsicheren Umgebungen wie in einem vollen Bus. Dann ist für sie wichtig, dass die Leute fragen, bevor sie helfen. "Die Menschen verhalten sich sonst oft angebracht und sind hilfsbereit."

 

Neben Menschen, die sich einfach einhängen, machen ihr unaufmerksame Passanten zu schaffen. "Manchmal steige ich in den Bus und frage, ob es die Linie 4 ist, und bekomme keine Antwort, weil die Leute alle an ihren Handys sind mit Kopfhörern in den Ohren." Jeder lebt in seiner eigenen Welt. Reimmann engagiert sich aktiv, etwa in ihrer eigenen Radiosendung "Augenblick" im Radio Stadtfilter, einem alternativen Hörfunksender aus Winterthur, in der sie das Leben mit einer Sehbehinderung von unterschiedlichen Seiten beleuchtet. "Ich habe Interviews mit anderen sehbehinderten Menschen geführt, die voll im Job stehen, oder mit Müttern, die blind sind und Kinder haben", erzählt sie lächelnd. Sie ist stolz darauf, dass sie trotz ihrer Einschränkung selbständig geblieben ist. "Weihnachtsdekoration basteln ist für mich wie Therapie." Seit Neustem habe sie die Handarbeit wieder für sich entdeckt. In Bezug auf die Gesellschaft wünscht sie sich mehr Sensibilität. "Jeder sollte einmal eine Weile mit einer abgedunkelten Brille herumlaufen." Ihr Lebensmotto lautet: "Ich lebe mein Leben jetzt!" In der Vergangenheit hängen bleiben oder sich zu viele Gedanken über die Zukunft machen, findet sie irrsinnig. "Ich mache das Beste aus der Situation und lerne, auch über Missgeschicke zu lachen. Man geht sonst an den negativen Gedanken kaputt." Sie versucht, positiv zu bleiben. "Menschen vergessen viel zu oft, was sie überhaupt haben, und wollen nur immer das, was sie nicht haben." Es seien nicht die Einschränkungen, die das Leben definieren, sondern der Umgang mit ihnen.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 08.09.2025, S. 26 - Silas Bachmann, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

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