Katja Lampe rettet Igel. Wenn ein kleiner Körper stirbt, ist die "Igelmutti" unfassbar traurig
Wer aus dem lärmenden Berlin nach Potsdam Nord kommt, taucht ein in eine andere, ländlich geprägte Welt. Hier auf eine tierliebende Frau zu treffen, verwundert nicht. Katja Lampe hat lange braune Haare, trägt ein lila Shirt unter einer grauen Strickjacke und ist im siebten Monat schwanger. In ihrem Haus hat sie einen Hund und drei Katzen. Ihre große Leidenschaft gehört allerdings dem Igel.
Die Achtunddreißigjährige ist Lehrerin an einer Gemeinschaftsschule. Seit vier Jahren kümmert sie sich ehrenamtlich um schwer verletzte Igel. Diese bringen ihr Finder, die Lampes Anschrift vom Verein "Wildtierrettung" erhalten haben. Bei ihr daheim sorgt sie sich in einem eigens hergerichteten Keller um durchschnittlich 20 Igel und kämpft mit allen Mitteln um deren Leben. Schon von Weitem ist das Schmatzen der Tiere an ihren Näpfen zu hören. Es gibt zahlreiche Gehege, ein Mikroskop und einen Inkubator für die sehr schwachen Igel, die auf Wärme und Sauerstoffversorgung angewiesen sind. Über Instagram wurde die Potsdamerin auf Igel in Not aufmerksam. Zunächst begann sie, die Igel nur bei sich im Garten auszuwildern. Nach und nach rutschte sie in eine intensive Arbeit hinein. Dabei dockte sie an die "Wildtierrettung" an und lernte Barbara Kliver, eine Gleichgesinnte, kennen, mit der sie den Verein "Igelmuttis Brieselang & Potsdam Nord" gründete. Ein großes Problem sei, dass die Igel heutzutage keine Nahrung mehr finden. Ihre Futterquelle, die Insekten, sterben durch Dünger und Pestizide aus. "Die Gärten werden blitzeblank gemacht, die Motorsensen gehen an, die Mähroboter laufen, und der Igel hat einfach keine Chance." Hinzu komme der Straßenverkehr, ebenso Hunde, die nicht an der Leine geführt werden. "Der Mensch ist der absolut größte Feind." Kein Wunder also, dass der Igel, eines der ältesten Säugetiere der Welt, in den meisten Bundesländern auf der Roten Liste steht. Selbst wenn er nur eine kleine Verletzung hat, kommen Fliegen und legen ihre Eier in die Wunde, sodass Maden schlüpfen, was lebensbedrohlich werden kann. Besonders viele Igel werden ihr im Frühjahr und Herbst gebracht. Lampe spült kleine Abszesse, versorgt Verletzungen, verabreicht Medikamente und füttert. "Da kommen an einem Tag ungefähr fünf Stunden extra Arbeit zum normalen Arbeitsalltag hinzu. Und das ohne die Tierarztbesuche." Oft scheint der Igel unversehrt zu sein, obwohl er im Innern von Parasiten zerfressen wird. Dann ermöglicht das Mikroskop, die Parasiten zu bestimmen und die richtigen Medikamente zu verabreichen. Um das zu lernen, hat sie, meist an den Wochenenden, Onlinefortbildungen besucht und liest Fachliteratur. Sie schenke den Igeln Aufmerksamkeit, indem sie diese streichle, was sie besonders liebten. Außerdem gebe sie jedem Igel einen Namen, etwa "Joschi", "Babsi" oder "Susi". "Denn jeder Igel zählt." Wie sehr, zeigt einer ihrer Posts: "Eben an meiner Brust warm eingekuschelt, hat Charlies ausgezehrter Körper keine Kraft mehr gehabt. Ich bin so unfassbar traurig."
Es stehen zwar zwei Ärzte von der "Wildtierrettung" zur Verfügung, die keine Kosten für die Behandlung berechnen. Doch einer ist 80 Kilometer entfernt, der andere schläfere schnell ein. Lieber konsultiert sie einen igelkundigen Tierarzt in der Nähe. Bei ihm muss sie die Kosten jedoch selber tragen. Geld spielt überhaupt eine große Rolle. Lampe zahlt die selbst gebauten Gehege, die Medikamente und das Futter, wenn möglich, von Spenden, meistens jedoch aus eigener Tasche. Eine kleine Packung mit Päppelmilch kostet 20 Euro und reicht nur eine Woche. "Von den Spritkosten wollen wir gar nicht erst sprechen."
Ihre Arbeit macht sie anderen zugänglich und postet den Stand der Dinge bei einzelnen Igeln auf Whatsapp. "Wenn man merkt, dass man andere Leute mit seinem Ehrenamt mitnimmt", sei das besonders erfüllend. Gern würde sie noch intensiver kommunizieren, "aber das schaffe ich einfach nicht mehr". Mit ihrer Vereinsfreundin organisiert sie zweimal im Jahr den "Igelplausch", eine Infoveranstaltung, und klärt über die Entnahme des Igels aus seinem natürlichen Habitat auf. Dieser sei ein geschütztes Wildtier, das seinem Lebensraum nur entnommen werden dürfe, wenn es hilfsbedürftig sei. "Ebenso ist eine dauerhafte Haltung verboten. Es sei denn, man hat eine Ausnahmegenehmigung nach § 11 des Tierschutzgesetzes. Dann muss es auch professionell sein und nicht irgendein Hanswurst, der sagt: Ich hole mir jetzt eine Kiste, einen Igel und zähme den."
Der Zeitaufwand macht Lampe am meisten zu schaffen. Unterernährte Igelkinder muss sie im Zweistundentakt füttern, auch nachts. "Und irgendwann ist dieser Moment, wo man selber nicht mehr kann." Hinzu kommen enttäuschende Erfahrungen mit Findern, die von ihr fordern, den Igel vor Ort abzuholen. "Das sind die schlimmsten Momente, wo ich am liebsten durchs Telefon schreien und ausflippen würde."
Gleichwohl empfindet sie ihre Arbeit als befriedigend. "Wenn ich Igel, um die ich wochenlang gekämpft habe, nach der Auswilderung im Garten wiedertreffe, das sind die Momente, da kullern einem die Tränen. Dann weiß ich, warum ich nachts aufgestanden, warum ich hundertmal zum Tierarzt gefahren bin", sagt sie gerührt. "Ich habe ganz viele Igel gerettet, bei denen andere gesagt hätten: Lass ihn einschläfern!"