Maria ist im Bilde

Im Klisurski-Kloster in Bulgarien malen zehn Nonnen traditionell Ikonen

Man hört nur das Rauschen eines Rinnsals und Vogelgesang. Etwa 30 Kilometer südlich der bulgarischen Kleinstadt Montana, versteckt hinter Bergen und Wäldern, liegt das im Jahr 1240 gegründete Klisurski-Kloster, das viertgrößte im Land. Unter der osmanischen Herrschaft wurde es mehrfach zerstört, 1862 komplett niedergebrannt. Sieben Jahre später steht das Kloster wieder.

 

Seit 2007 leben dort zehn bulgarisch-orthodoxe Nonnen. Unter ihnen Schwester Daria, die sich in den Vierzigern befindet. Sie trägt ein schwarzes Gewand, ein dunkles Kopftuch und eine Brille mit kleinen runden Gläsern. Ihr sanfter Blick und die Geduld in ihren Worten strahlen Ruhe aus. Das Kloster bewahrt einen Schatz. Seit dem Mittelalter hat dort die Ikonenmalerei ein Zuhause. Im Klisurski-Kloster pflegen die Nonnen die Tradition der Ohrider Ikonenschule. Die heute in Nordmazedonien gelegene Stadt Ohrid war vom 9. bis zum 14. Jahrhundert das Kulturzentrum des ersten und zweiten bulgarischen Reiches. Die Techniken dieser Schule stammen aus dem Byzantinischen Reich. Auf den Holzbrettern pulsiert eine tausendjährige Geschichte. "Einige von uns haben sich mit dieser Malmethode im heutigen Griechenland vertraut gemacht. Dann haben wir die Tradition anderen Schwestern im Kloster weitergegeben."

 

Bevor Schwester Daria den Pinsel in die Hand nimmt, vollzieht sie eine intensive geistliche Vorphase: fasten, beichten, beten und seelische Reinigung. Dann erst setzt sie sich mit der Vita des für die Ikone gewählten Heiligen auseinander. Zahlreiche Bücher mit ihren Lebensgeschichten stehen in der Klosterbibliothek. Die meisten in fremden Sprachen: Serbisch, Alt-bulgarisch und Griechisch. "Es ist wichtig, das Leben dieser Menschen zu untersuchen. Es gibt unterschiedliche Darstellungsweisen, je nachdem, wie der Heilige gelebt hat und wie er gestorben ist. Mit einem Schwert und einem Kreuz in der Hand, wenn er ein Märtyrer ist, oder mit einem Evangelium wie zum Beispiel bei einem Apostel." Dann wird ein geeignetes Holzbrett gesucht. Die Nonnen verwenden Linde, Eiche, Esche und Walnuss. Sie schleifen und grundieren das Holz, bis es glatt wie Glas ist. Neun Schichten Glutinleim tragen sie auf, die der Festigkeit dienen. Ein Jahr muss es trocknen. So werden Risse im Holz vermieden. "Erst danach lässt sich das Brett bemalen." Nach jeder Farbschicht warten die Nonnen erneut. "Alle Farbmaterialien kommen aus der Natur. Das sind Erde, Minerale aus den Felsen, Tierprodukte, Harze. Dazu gehört auch das Lösen von Farbstoffen im Ei. Früher haben die Mönche alles selbst finden sollen. Der Überlieferung nach seien Ikonenmaler in weit entfernte Gebiete gezogen, um an die Farbessenzen zu gelangen. Heute beziehen wir das Benötigte direkt aus dem Betrieb, dem freien Kunstmarkt", berichtet Daria. "Es ist so wichtig, Produkte von hoher Qualität zu benutzen, weil außergewöhnliche Menschen wie Heilige dargestellt werden. Das Bild soll materiell und geistlich wertvoll, wahrhaftig und natürlich sein, denn es ist ein Werk Gottes", sagen die Schwestern.

 

Sie beginnen mit den dunklen Nuancen. Danach folgen die helleren Farben bis zum Weiß. Der Grund dafür liegt im Weg des menschlichen Geistes. "Von der Sünde zum Licht", sagt Schwester Daria. 24 Karat Gold benutzt sie, um den Hintergrund zu erschaffen. Ein anderes Zeichen der Heiligkeit. "Es geht nicht nur um bloßes Zeichnen. Ikonenmalen bedeutet einen liturgischen Weg zu gehen, der zu den Wurzeln der Heiligen führt. Ikonen sind nicht bloße Porträts. Sie öffnen das Fenster zum Himmel. Der Herr, die Mutter Gottes, die Heiligen, alle sind in der Ikone real präsent. Man kann ihren Segen einatmen. Die Ikone zeigt uns den Pfad zur Ewigkeit und hilft uns, ihn zu durchschreiten." Vor 15 Jahren ist die Schwester hierhergezogen. "Vorher war ich zusammen mit einem Teil unserer Schwesternschaft in einem Kloster in Nordmazedonien. Noch als Jugendliche, im Gymnasialalter in meiner Heimatstadt, habe ich diesen Weg gewählt. Ein Leben wie dieses ist keine Erholung, sondern eine Berufung. Sowohl körperlich als auch seelisch." Gegen fünf Uhr stehen die Schwestern auf. Ihre erste Messe beginnt um sechs. Zwei weitere Gottesdienste folgen um 16 und 20 Uhr. Gefolgschaft und Demut erfüllen ihr Dasein. Ein Dasein, das dem Gebet geweiht ist. Jede Nonne erledigt ihre eigene Aufgabe im Gebet innerhalb des Klosters. Hesychasmus heißt diese Lebensweise unaufhörlicher Gebete, abgeleitet aus dem Griechischen "hesychia", was "Ruhe" oder "Stille" bedeutet. Essen vorbereiten, den Garten pflegen, Kerzen ziehen, den Kircheneingang beaufsichtigen, Rosenkränze knüpfen. Flüsternd rezitieren die Nonnen dabei stets das orthodoxe Jesusgebet: "Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner."

 

Den Sinn einer solchen Existenz sieht Schwester Daria darin, jede menschliche Tat auf der ganzen Welt zu reflektieren, was die Sünden und Grausamkeiten einschließt. Und diesen mit Gebeten für alle Menschen entgegenzuwirken. Das nennt sie "mönchische Berufung".

 

Ein goldenes Bild der Mutter Gottes strahlt auf dem Brett: Die liebenden Augen, die Stirn und das Lächeln - als ob die Malerin etwas von ihrer eigenen Güte dort hineingegossen hat. Die Nonne setzt die finalen Striche an. Der Heiligenschein, das unerschöpfliche Licht. Daneben steht ihr Monogramm auf Altgriechisch in roten Buchstaben. Landesweit verkauft das Kloster die Bilder an private Kunden oder sie liefert sie an Kirchen aus. Bretter unterschiedlicher Größe hängen im Ikonenatelier. Sie warten darauf bemalt zu werden.

 

Ikonenmalerei ist Gottes Werk. Die Anfertigung ist Gemeinschaftsarbeit. Alle Nonnen nehmen daran teil. Die eine fertigt das Brett an, die andere legt mit den Grundstrichen los. Eine dritte schafft den goldenen Nimbus. Schwester Daria betrachtet Marias sanften Blick. "Wenn man sich eine Ikone anschaut, sollte man glücklich sein. Genauso wie mit einem Foto seiner Mutter oder seiner besten Freunde."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 06.10.2025, Nr. 231, S. 26 - Teodor Manev, Galabov-Gymnasium, Sofia

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