Mittags sind alle Trauben im Eimer

Bei der häuslichen Weinernte von Senhor Alves im Norden Portugals

Es ist Sonntagfrüh in Fregim, einem Dorf etwa 60 Kilometer nordöstlich von Porto. Auf dem Grundstück des achtundsiebzigjährigen Senhor José Alves wuselt ein knappes Dutzend Manschen umher. Manche klettern auf Leitern und Dächern, andere sammeln die süßlich riechenden Trauben in geflochtenen Körben und Plastikeimern. Sie unterhalten sich ausgelassen. Alves hat graues Haar, eine Brille, und er trägt seine alte Arbeitskleidung aus der Autowerkstatt. Die Morgensonne strahlt sanft auf die Reben. Es ist September. Zu dieser Zeit werden in Nordportugal die Trauben geerntet, ganz gleich, ob es sich um große Weingüter oder um Privatpersonen handelt. Die kommerziellen Weinproduzenten stellen den berühmten Vinho Verde in großen Mengen her und vertreiben ihn im In- und Ausland. Auch bei Senhor Alves wird Vinho Verde produziert. Aber nicht mit moderner Technik, sondern nach alter Tradition und auch nicht für den Verkauf, sondern lediglich für den eigenen Weinkeller.

 

Der Vinho Verde, der grüne Wein, verdankt seinen Namen nicht etwa einer grünen Färbung, sondern seiner Herkunftsregion, dem grünen Norden Portugals. Um die Verwirrung komplett zu machen, gibt es auch noch zwei Unterarten: den Vinho Verde Branco (weiß) und den Vinho Verde Tinto (rot).

 

Den ganzen Vormittag werden die Trauben von Hand gelesen. Alves hat keine Felder. Seine Reben wachsen in drei Metern Höhe rund ums Haus oder an den niedrigen Stellen auch über dem flachen Dach. Jung und Alt klettern auf Leitern und auf das Dach der Außenküche, um an die Trauben zu gelangen. Die Körbe werden mit Haken an Drahtseilen zwischen den Reben aufgehängt. Die vollen Körbe werden nach unten und die leeren nach oben gereicht. "Balde Cheio", voller Eimer, hört man jemanden rufen. Ab und zu fällt mit einem "Pflatsch" ein Traubenbündel zu Boden. Man erzählt, plaudert und lacht. Pünktlich zur Mittagszeit sind alle Trauben in den Eimern. Die stehen vor dem Eingang zum Weinkeller. Doch jetzt ist erst einmal Pause angesagt. Alves' Bruder und dessen Frau kommen mit großen Schachteln um die Ecke gebogen. Das Mittagessen, aus dem Restaurant um die Ecke, wird auf dem Tisch verteilt. Es gibt Fleisch, Kartoffeln, Reis und Gemüsebeilagen. Die Stimmung ist ausgelassen, und die Gespräche schwirren wie ein lebhaftes Summen über die Tafel. In Dörfern wie diesem ist die Weinernte ein Gemeinschaftserlebnis. Jedes Wochenende helfen Verwandte und Nachbarn einer anderen Familie. "Gestern waren wir bei meiner Tante, heute sind wir hier, und nächstes Wochenende gehen wir zu meiner Mutter", erzählt Henrique, der Neffe von Senhor Alves.

 

Nach dem Essen geht es weiter. Vor dem Weinkeller werden die Trauben in eine kleine Metallwanne gekippt. Ein Eimer nach dem anderen. Eine rotierende Spirale am Boden zerquetscht die Trauben, die Stiele fallen seitlich heraus. Dann geht es zum Herzstück der traditionellen Weinernte: einem Steinbecken inmitten des Weinkellers. Hier, unter der Erde, ist es kühl und dunkel. Es riecht feucht und erdig. Ringsum Steinmauern. Für den Vinho Verde Branco steht in der Mitte des Beckens eine Presse, in der die gequetschten Trauben endgültig zu Saft gepresst werden. Die klare Flüssigkeit fließt unten heraus und wird im Becken aufgefangen. Beim Vinho Verde Tinto werden die Trauben nicht von der Presse, sondern von den Füßen der Erntehelfer gepresst. "Wenn wir Vinho Tinto machen, nutzen wir kniehohe Gummistiefel", sagt Alves und lächelt. Damit ist klar, auf welcher Seite er bei der polarisierenden Frage steht, ob ungewaschene Füße einen positiven oder negativen Einfluss auf das Aroma des Weins haben. Das vorläufige Endprodukt wird Vinho Doce, süßer Wein, genannt und bezeichnet den Wein, bevor er alkoholhaltig wird. Alves hebt eine Flasche des süßlich schmeckenden Traubensafts in die Höhe und erklärt mit einem Augenzwinkern: "Das zu trinken, hilft bei der Verdauung." Dieser Vinho Doce wird nun noch gesiebt und dann für vier Monate in einem Edelstahlkessel gelagert, damit Rückstände zu Boden sinken können, wodurch der Wein klarer wird und sein Aroma entfaltet. Welche Rebsorte auf seinem Grundstück wächst, kann Alves nicht sagen. Die Rebstöcke wurden vor so langer Zeit gepflanzt, dass er es nicht weiß. Sicher ist nur, dass es keine der modernen Sorten ist.

 

Im Januar werden die rund 300 Liter Wein in 0,75-Liter-Flaschen abgefüllt. Alves lebt allein und ist nur sieben Monate im Jahr in Portugal. Den Winter verbringt er in Deutschland. Deshalb werden viele Flaschen verschenkt. An die Familie, an Freunde, an Nachbarn - in Portugal und in Deutschland. Nach der Flaschenabfüllung im Januar beginnen die Vorbereitungen für die Weinernte im kommenden Sommer. Die Reben müssen geschnitten werden. Weder zu wenig noch zu viel darf dabei entfernt werden, sodass die Trauben ausreichend vor der Sonne geschützt sind. Ab Anfang Mai werden die Trauben alle elf Tage mit Chemikalien besprüht, um sie vor Schädlingen zu schützen. Das überlässt Alves einem alten Bekannten, "der kennt sich damit deutlich besser aus". Bis zum 25. Juli, dem "Dia de São Tiago", am Jakobstag beginnt die Reifezeit der Trauben.

 

Senhor Alves zeigt ein Gerät, das an ein Thermometer erinnert. Damit lässt sich der Alkoholgehalt des Weins messen. Grundsätzlich gelte die Faustregel "Quanto mais álcool, melhor o sabor", je mehr Alkohol, desto besser der Geschmack, erklärt ein Nachbar. Im Durchschnitt hat der Vinho Verde etwa zehn Prozent. "Der Geschmack hängt aber auch von der Rebsorte ab. Und davon", sagt er schmunzelnd, "ob man sich vorher die Füße wäscht oder nicht."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 01.09.2025, S. 26 - Emilia Sommer, Deutsche Schule zu Porto

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