Kampfkunst mit dem Langschwert
Ein lautes Klirren durchzieht die altmodische Turnhalle in Zürich. Metall trifft auf Metall. Die Luft ist schwül. Aus einem Lautsprecher dringt epische Rockmusik. Zwei junge Männer kämpfen mit Schwertern. Ihre Bewegungen sind schnell und fließend. Man hört das Tänzeln ihrer Füße auf dem Boden. Durch eine hohe Fensterfront fällt die Abendsonne. In der Mitte der Halle versammelt sich ein Dutzend Männer und Frauen im jungen bis mittleren Alter. Einige haben lange Haare, die zu Pferdeschwänzen gebunden sind, andere kurze Schnitte. Wer nach glänzender Rüstung sucht, wird sie nicht finden. Stattdessen tragen die meisten lockere Sporthosen und T-Shirts, manche auch Bermudashorts und lange Socken.
Trainiert wird Historische Europäische Kampfkunst. Im Mittelpunkt steht das lange Schwert, das nicht nur bis zu 1,4 Meter lang ist, sondern auch satte 1,8 Kilogramm auf die Waage bringt. Ein günstiges Modell kostet online etwa 230 Euro, hochwertige Varianten kosten deutlich mehr. Viele Fechter besitzen ihr eigenes Schwert, weil jedes seine eigene Balance hat und sich anders anfühlt.
Der Verein, der hier trainiert, heißt HADU, "Historicae Artes Dimicationis Ustrachenses", was für "Historische Kampfkünste" steht. "Ustrachenses" leitet sich vom Zürcher Ort Uster ab, wo der Verein früher trainiert hat. Er hat rund 50 Mitglieder. Gegründet wurde er 2014 und ist Mitglied im Schweizerischen Verband für Historische Europäische Kampfkünste. In der Schweiz gibt es gut zwei Dutzend solcher Vereine. In der Halle geht es vor allem ums Training mit alten Techniken - und dass man dabei ins Schwitzen kommt. Wer will, kann das Gelernte bei Turnieren anwenden, wie zum Beispiel beim Swiss Bears Cup oder der Basilisk Challenge.
"Was ich bei HADU besonders schätze, ist die Unkompliziertheit und der Spaß am Training", sagt Vina Zahnd, die schon länger dabei ist. "Wir sind ein bunt gemischter Haufen, der sich regelmäßig trifft, um zu fechten, zu lachen und einfach eine gute Zeit zu haben." Das Training beginnt locker. Small Talk auf Deutsch und Englisch erfüllt die Halle, da der Trainer nur wenig Deutsch spricht. Zum Aufwärmen wird die Übung "Shoulder-Touching" gemacht: Wer den anderen mit der Hand an der Schulter berührt, gewinnt. Nach und nach ziehen die Ersten ihre Schwerter. Konzentriert werden Schlagabläufe geübt. Zehnmal hintereinander der gleiche Schlag, der Trainer zählt laut mit. Jede Bewegung soll perfekt sein, und bei kleinen Fehlern weist der Trainer darauf hin.
Bei einer anderen Übung steht eine Person in der Mitte und wird von allen Seiten attackiert. Es kommt auf schnelle Reaktionen und das richtige Einschätzen von Distanz und Timing an. Einige Übungen sind gefährlicher. Dafür wird eine komplette Schutzausrüstung getragen. Hände, Brust und Kopf sind besonders gut geschützt, während andere Körperteile nur von einer Art dickeren Stoffjacke gepolstert sind. Die lässt genug Bewegungsfreiheit für Schläge und Ausweichmanöver. Der Kopf wird von einem Gitterhelm geschützt, wie man ihn vom Fechten kennt, nur dass hier härtere Schläge drohen.
Wie gefährlich ist das? "Es kommt darauf an", sagt Ferenc Hucker, der Trainer. "Die meisten Verletzungen passieren an den Händen, obwohl diese eigentlich gut geschützt sind." Sein persönliches Motto lautet: "Schlag nur so hart, wie du selbst getroffen werden möchtest."
Im Training werden unterschiedliche Stile geübt. Momentan liegt der Fokus auf der italienischen Schule. Immer wieder sind dabei Begriffe wie "Posta di Donna" zu hören, eine der kraftvollsten Haltungen, bei der das Schwert über der Schulter gehalten wird. "Man kann aus dieser Position gut angreifen und verteidigen", erklärt Hucker. Es gebe es auch noch andere historische Schulen, wie die deutsche nach Johannes Liechtenauer, einem der größten Fechtmeister des 14. Jahrhunderts. Diese Schule lege besonderen Wert auf Struktur und präzise Bewegungen. Die Schulen entsprächen auch unterschiedlichen Kampfphilosophien.
Vina Zahnd erzählt: "Ich war auf der Suche nach einem neuen Kampfsport, wollte jedoch keinen Vollkontakt-Sport wie Judo oder Karate machen. Irgendwann bin ich auf das Langschwertfechten gestoßen." Bei HADU sei alles ehrenamtlich, was die Mitgliederbeiträge niedrig halte. Diese deckten im Grunde nur die Hallenkosten.
Das Training endet. Das Klirren verstummt. Die Kämpfer legen ihre Helme ab, die Gesichter sind rot, die T-Shirts durchgeschwitzt. Die Sonne ist inzwischen untergegangen.