Nicht nur Handys sind dort fehl am Platz

Im Holocaust-Museum in Porto verhalten sich keineswegs alle Besucher angemessen, sagt der junge Tourguide.

Auf die Äußerung, dass er Österreicher sei, reagierten die Schüler bei einer seiner Führungen durch das Holocaust-Museum in Porto etwas unerwartet: "Sie haben den Hitlergruß gemacht und angefangen, das Marschlied 'Erika' zu singen." Im Netz wird das Lied mit dem Nationalsozialismus assoziiert. Der 19-jährige Noah Jakovljevic trägt eine runde Brille und ein dunkelblaues Sweatshirt, auf dem sich ein kleiner Charlie Brown befindet. Er hat im Sommer 2024 maturiert. In Österreich gilt noch die Wehrpflicht. Noah hat sich stattdessen für einen zehnmonatigen Ersatzdienst im Ausland entschieden. Bis Ende Juni arbeitete er im Rahmen des Österreichischen Auslandsdienstes in Porto.

 

Sein Interesse an den Themen Nationalsozialismus und Antisemitismus wurde durch vieles geweckt, auch durch familiäre Umstände: "Meinen Uropa, Mijo Petrovic, habe ich nicht kennengelernt. Aber was er erlebt hat, habe ich in der Oberstufe erst so richtig mitbekommen." Als Gegner des Nationalsozialismus wurde der Kroate in das Konzentrationslager Loiblpass Nord gebracht, sei von dort geflohen und wurde wieder erwischt. "Ich weiß, dass er Gras essen musste." Wie der Uropa es anschließend zurück nach Kroatien geschafft habe, weiß niemand genau. "Als er zu Hause ankam, öffnete sein Vater ihm die Tür, und er fragte ihn sofort, wo die Mutter sei." Da habe er erfahren, dass die Mutter gestorben ist.

 

In Österreich ist es in der vierten Klasse der Unterstufe Pflicht, einen Besuch in einem KZ zu machen. "Wir hatten im Bundesgymnasium Enns eine engagierte Geschichtslehrerin, Frau Mayr. Sie brachte uns in das KZ, um dort archäologische Arbeit zu leisten, wo wir gefundene Objekte gereinigt haben." Bei einer der Ausgrabungen an diesen Projekttagen hat Noah den Knochen eines Holocaustopfers freigepinselt. Im KZ Mauthausen gibt es auch einen Gedenkstein für die portugiesischen Holocaustopfer. Noah wunderte sich, was denn Portugal mit dem Holocaust zu tun habe.

 

Bevor er nach Porto kam, hatte der schlanke "Bursche", wie er sich selber nennt, mit braunen Locken und Schnurrbart, nur wenig Vorwissen über das Judentum. Hugo Vaz, der Kurator der jüdischen Museen in Porto und sein Mentor, hat ihm gleich am Anfang drei Bücher gegeben, die er dann buchstäblich aufgesogen hat. Eines davon war "The Complete Idiot's Guide to Understanding Judaism" von Rabbi Benjamin Blech. Noah erzählt, dass er gerne liest. "Alles gefällt mir hier in Porto, ich habe ein extrem nettes Team, wir sind wie eine Familie." Zu diesem Team gehören neben Vaz die Sekretärin Cátia Filipa und Erez Vagima, der Schammes (Synagogendiener). "Erez schaut, dass alles passt. Er ist eine Art Hausmeister und gleichzeitig eine Hilfe auf spiritueller Ebene." Er erkläre den Touristen etwa, wo sie beim Beten hinschauen sollen.

 

In der Synagoge, dem jüdischen Museum schräg gegenüber, und im Holocaust-Museum, ein paar Hundert Meter entfernt, trägt Noah aus Respekt eine Kippa, eine kleine, flache Kopfbedeckung. Viele Besucher sind überrascht, wenn sie erfahren, dass er katholisch ist. "Ich wollte ein Klischee brechen." Als Tourguide - aus verständlichen Gründen möchte Noah nicht als "Führer" bezeichnet werden - hat er im Museum schon einiges erlebt. Eine russische Dame, die mit ihm Hand in Hand das jüdische Museum verließ, um nach Hugo Vaz zu schauen, verkündete stolz, dass sie diesem "Prachtburschen" eine Frau finden werde. Als Tourguide informiert Noah in den drei Einrichtungen über den Nationalsozialismus. Er ist überzeugt, dass es sich lohnt, dies auch in Portugal zu tun, "da das Böse keine Ländergrenzen kennt". Seine Touren macht er auch auf Englisch. Einmal sei ein portugiesischer Lehrer auf ihn zugekommen und habe leise gesagt: "Now I know how they felt in Auschwitz." Und ein anderer habe angesichts der Hitze im Holocaust-Museum den Satz fallen lassen: "I feel like a jew in an oven." Beide hätten über ihre eigenen Aussagen gelacht. Aber das seien Ausnahmen unter den erwachsenen Besuchern gewesen.

 

Noah erzählt auch von unangemessenem Verhalten angesichts der Fotos an der Wand, die Erschießungen und Leichenberge zeigen. "Die Kinder machen eine Art Videospiel daraus, sie imitieren Waffengeräusche und zielen auf die Bilder." Am Ende jeder Tour haben die Besucher die Möglichkeit, ein Video einer Überlebenden des Holocausts namens Nadja Lassmann anzuschauen. Sie war ins Exil nach Brasilien geflohen und ist vor Kurzem eine Woche vor ihrem 100. Geburtstag verstorben. "Manche interessieren sich dafür nicht, sie nehmen ihr Handy, das sie, obwohl untersagt, versteckt ins Museum mitbringen, und setzen sich nach ganz hinten, respektlos. Allerdings sind dies die Ausnahmefälle. Normalerweise fließen bei den meisten Schülern nach wenigen Minuten schon die Tränen." Noah lebt im Zentrum in einer WG mit fünf Erasmusstudenten aus mehreren Ländern. "Ich spiele am Wochenende gern Fußball, donnerstags Volleyball mit meinen portugiesischen Freunden, und ich gehe ins Fitnessstudio." Als er über seine Bekanntschaften in Porto spricht, meint er: "Überall, wo es Bier gibt, gibt es auch Deutsche."

 

Auf die Frage, ob es schwer sei, jeden Tag über diese Tragödie zu reden, antwortet er: "Leider bin ich etwas abgehärtet gegen dieses Thema." Er habe schon in seiner Kindheit viele Berührungspunkte mit diesem Thema gehabt. Eine Besucherin kann er aber nicht vergessen. Am Ende der Tour behauptete sie: "Warum habe ich das alles besucht? Es gab doch damals gar keine Kameras. Es ist alles nur gefälscht."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 04.08.2025, S. 26 - Jamie Chan, Anna Ericksson, Merle Oletti, Deutsche Schule zu Porto

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