Polnisch ist für viele eine Grenzerfahrung

Zweisprachigkeit in der Europastadt Görlitz. Studentin Emilia Zalewska ist damit groß geworden.

Samstagmorgen in Görlitz. Sonnenstrahlen brechen durch den Nebel und tauchen die Altstadt in ein warmes, goldenes Licht. Menschen strömen zur Brücke über die Neiße - dem Fluss, der hier die Grenze zwischen Polen und Deutschland bildet. Mit dem Anbruch des Tages beginnt auch die Vermischung der Sprachen beider Länder, die sich zu einer vertrauten Melodie vereinen. Für viele Menschen in Görlitz ist dieser ständige Wechsel zwischen zwei Kulturen Alltag.

 

Eine von ihnen ist Emilia Zalewska. Die Studentin wurde in Polen geboren, sie lebt aber seit ihrem vierten Lebensjahr in Deutschland. In der Europastadt aufzuwachsen, bedeutete für sie, täglich zwischen zwei Sprachen und zwei Kulturen zu wechseln. "Zu Hause haben wir Polnisch gesprochen, in der Schule war alles auf Deutsch", erzählt die kurzhaarige Brünette. "Während der Sommerferien waren wir die ganze Zeit in Polen bei meinen Großeltern, wo ich nur mit der polnischen Sprache konfrontiert war." So war der Umschwung zum Deutschen nicht immer einfach, "nach ein paar Tagen ging das dann jedoch wie von selbst". Das Leben zwischen zwei Kulturen brachte Herausforderungen. "In der Grundschule gab es schon manchmal negative Bemerkungen." Sprüche wie "die Polen klauen Fahrräder" hat sie in Erinnerung behalten. Doch das war nie etwas, das sie tief getroffen hat. "Ich fand das immer absurd. Natürlich gibt es überall Kriminalität, auf beiden Seiten." Trotz dieser eher unschönen Erfahrungen schätzt die 24-Jährige die Vorteile, die beide Kulturen ihr bieten. "In Deutschland liebe ich die Ordnung und Struktur, in Polen die Herzlichkeit der Menschen." Sie weiß, dass diese Ansichten Stereotype bedienen können, und betont, wie wichtig es sei, beide Seiten differenziert zu betrachten. Görlitz sei ein Ort der Begegnung zweier Kulturen. "Ich finde es cool, dass hier so viele Familien wie meine leben." Insbesondere schätzt sie es, wie selbstverständlich Görlitz als Grenzstadt das Leben auf beiden Seiten der Neiße miteinander verbindet. "Es ist schön, nachmittags nach Polen zu fahren, um dort mit meinen Eltern einkaufen zu gehen und dabei Polnisch zu sprechen", erinnert sich Emilia an ihre Kindheit. Diese Nähe zu Polen und das ständige Pendeln zwischen den Kulturen haben ihre Identität geprägt. "Früher habe ich mich mehr als Polin gesehen, aber mittlerweile ist es eine Mischung aus beiden Kulturen." In ihrem Studiengang "Wirtschafts-Ingenieurwesen" in Dresden sei ihre Zweisprachigkeit bislang nicht von großem Nutzen gewesen, doch Emilia sieht einen Vorteil darin. "Es könnte nützlich sein, wenn ich mal mit polnischen Firmen zusammenarbeite, aber ich hoffe, dass es nicht ausgenutzt wird." In ihrem Privatleben spielt die Zweisprachigkeit eine größere Rolle. Ihr deutscher Freund lernt Polnisch, um sich besser mit ihrer Familie verständigen zu können. "Er würde gern mit meinen Großeltern auf Polnisch sprechen, weil sie kein Deutsch können." Die Studentin wünscht sich, ihre Zweisprachigkeit an zukünftige Generationen weiterzugeben. "Ihr Polnisch muss nicht perfekt sein, aber ich fände es schön, wenn meine Kinder die Sprache beherrschen."

 

Obwohl es für Emilia ein Ort der kulturellen Vielfalt ist, glaubt sie, dass Görlitz noch mehr aus seiner multikulturellen Situation machen könnte. "Es gibt nicht wirklich viele Angebote, die Zweisprachigkeit fördern, von denen ich weiß." Es gebe zwar Polnischkurse für Deutsche, zum Beispiel in der Görlitzer Volkshochschule oder in dem "Kommunikeet", einem Sprachinstitut in der Nähe von Görlitz, aber Programme für zweisprachige Familien wie ihre fehlen.

 

Es gibt jedoch ein besonderes Ereignis, das für Emilia die Verbindung der Kulturen spürbar macht: das Altstadtfest. Seit nun 30 Jahren füllt es jedes Jahr im August die Straßen mit Leben, Farben und Klängen, die das Herz der Europastadt lebendig schlagen lassen. Zusammen mit dem Jakuby-Fest in Zgorzelec verwandeln sich die Ufer der Neiße in eine mittelalterliche Kulisse, in der deutsche und polnische Besucher in traditionellen Gewändern durch enge Gassen schlendern, den Duft frisch gebackenen Brotes und gebratener Würste einatmen und an kunstvoll dekorierten Ständen regionale Köstlichkeiten probieren. Emilia bewundert vor allem die Selbstverständlichkeit dieses Zusammentreffens. "Ich finde es toll, wie die Leute einfach über die Brücke nach Polen spazieren und zurückkommen und sich dabei so wohlfühlen." Künstler und Musiker auf der Bühne, traditionelle Tänze und das bunte Treiben rundherum lassen die Grenzen verschwimmen.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 10.03.2025, S. 26 - Anastasia Pozeg, Augustum-Annen-Gymnasium, Görlitz

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