Den slowenischen Radsportler Primoz Roglic kennt man in der ganzen Welt. Manchmal dreht er auch zu Hause seine Runden.
Rogric, Rogric, Rogric!", ruft der Junge so laut er kann und klatscht in die Hände. Er sitzt auf den Schultern seines Vaters. Geduldig warten beide in einer Menschenmenge entlang der Straßen im Zentrum von Ajdovscina. Es ist der 13. Oktober 2024, und die ganze Kleinstadt im Südwesten Sloweniens ist auf den Beinen. Ein Volksfest mit Getränken, Snacks, Musik. Die dreizehnjährige Ursa "will endlich ein Foto mit dem Skispringer, der jetzt eine Radfahrerlegende ist". Der 54 Jahre alte Automechaniker Ales würde es lieben, "für ihn als Fahrradmechaniker zu arbeiten". Eine ältere Frau sucht noch aufgeregt einen Platz in der vordersten Reihe. "Ich bin Köchin und will für ihn kochen, um ihn noch besser zu machen."
Er, das ist Primoz Roglic, 1989 in Trbovlje geboren, etwa 30 Kilometer südwestlich von Celje. Zuerst war er ein international erfolgreicher Skispringer. Nach einer Verletzung 2007 wurde er Radprofi, der erste Slowene, der eine Etappe der Tour de France gewann, den Giro d'Italia und viermal die Spanienrundfahrt Vuelta. Er ist Olympiasieger im Einzelzeitfahren von Tokio 2020. Einer der erfolgreichsten Radsportler der Geschichte. Als er am 13. Oktober als Erster Ajdovscina und später das Ziel der Rundfahrt Zlati krog ("Goldener Kreis") in Nova Gorica erreicht, sagt er: "Als ich die vielen Menschen an Start und Ziel und auf der Strecke gesehen habe, war mir klar: Das sind meine größten Siege, dass ich den Menschen etwas zurückgeben kann. Was wir gemeinsam erreichen, ist immer das Beste." Der Zlati krog war für den Profi des deutschen Worldtour-Teams Red Bull-Bora- hansgrohe sportlich nur eine 60 Kilometer lange Spazierfahrt. Der achtundzwanzigjährige Dominik Klinc, einer der Organisatoren, erklärt jedoch: "Das war jetzt die dritte Rundfahrt als Wohltätigkeitsveranstaltung der Primoz-Roglic-Stiftung. 200 freiwillige Helfer sowie Kommunen und Sponsoren haben uns unterstützt. Auch die Polizei, die Streckenabschnitte für den Verkehr gesperrt hat. 400 Menschen aus elf Ländern sind mit Primoz die Runde gefahren, vielen mussten wir absagen, weil alle Plätze schnell belegt waren."
John Denhof aus Michigan gehörte nicht nur zu den Mitfahrern. Er sagt, er habe auch die Idee für den Zlati krog gehabt. Der Siebenundfünfzigjährige ist CEO der OTP-Bank in Slowenien, eines der Hauptsponsoren. "Als ich Primoz und seine Familie kennengelernt habe, war ich sofort begeistert von ihm und der Vorstellung, durch diese Rundfahrt mit ihm auch das Bewusstsein für das Radfahren insgesamt weiter zu fördern." Auch bekannte Profisportler fuhren im Zlati krog mit, etwa der slowenische Skispringer Peter Prevc. Aber vor allem waren begeisterte Freizeitsportler dabei, so wie Mate Nagy, ein neununddreißigjähriger Bankangestellter aus Ungarn, den Freunde überredet hatten. "Zuerst wollte ich nur ein Treffen und Foto mit Primoz. Aber als ich all die mitfahrenden Kinder sah, war mir klar, dass der Radsport Vorbilder wie Primoz braucht, um diesen Sport noch weiter zu fördern."
Gerade die Förderung von Kindern ist Roglic wichtig. Deshalb hat er seine Stiftung, wie es auf deren Website heißt, "zur Finanzierung und Förderung der Entwicklung des Radfahrens bei Grundschulkindern gegründet, die aber auch Jugendliche aus anderen Sportarten psychologisch unterstützt". Durch Teilnehmergebühren und die Versteigerung von Ausrüstung und Trophäen Roglics seien fast 50.000 Euro für wohltätige Zwecke eingenommen worden. Aber der Wert der Veranstaltung würde nicht in Geld gemessen. "Wenn wir nur einen Menschen für den Sport gewinnen können, dann hat sich der Aufwand gelohnt", sagt Roglic. Eine Woche nach dem Zlati krog nahm er an einem Radsportprogramm seiner Stiftung für Kinder in Hoce bei Maribor teil. Bereits im zweiten Jahr sei es das wichtigste Sportereignis für Kinder in Slowenien, berichtet seine Stiftung.
Auch für den Familienvater Roglic ist die Sportförderung wichtig. "Ohne meine Familie könnte ich nicht tun, was ich tue. Durch meinen Beruf ist dies zurzeit einfach unsere Art zu leben." So fuhr Lora Roglic Klinc, seine Frau und Mutter der Söhne Lev (5) und Aleks (1), ebenfalls im Zlati krog mit. "Ich war sehr nervös, ob und wie ich die Runde schaffen würde", sagt sie. "Aber dann war es ein unglaublich emotionaler Tag. Die Atmosphäre, die Begeisterung an der Strecke, besonders die der Kinder, das ist etwas, das man immer wieder erleben möchte." Die Vierunddreißigjährige mit einem Master of European Studies der Universität Ljubljana ist "Managerin des Haushaltes der Familie und auch verantwortlich für die Roglic-Stiftung, unseren Shop und Sponsorentermine". Die Söhne seien natürlich noch zu klein, um mitzufahren, "sie waren an dem Tag bei Freunden zum Spielen". So oft wie möglich sei die Familie aber bei den Trainings und Rennen des Vaters dabei, auch mit dem Wohnmobil. Trotzdem gebe es lange Zeiten, in denen die Familie auf ihn verzichten müsse. "Primoz ist 200 Tage im Jahr unterwegs, manchmal sechs Wochen bis zu zwei Monate am Stück. Wenn wir dann wieder zusammen sind, ist es umso schöner. Und Primoz ist dann sofort raus aus der Radsportwelt und wieder bei uns zu Hause." Die Kinder würden sich natürlich noch keine Gedanken darum machen, ob ihr Vater erfolgreich sei oder nicht, "er ist einfach ihr guter Papa. So ist unser Leben weitgehend das einer normalen Familie." Sorgen machen ihr die zunehmenden Unfälle im Profiradsport. "Dagegen muss man konkret etwas tun", erklärt sie. Deshalb lasse sie ihre Kinder auch kaum Radrennen live im TV sehen. "Solche Unfälle, wie sie in der letzten Saison zu sehen waren, könnten sehr verstörend für sie sein." Aber Sport sei insgesamt sehr wichtig, denn "er fördert Disziplin, bereitet Freude und trainiert den Umgang mit Misserfolg und Frustrationen". Durch Roglic als Vorbild ist Slowenien seit Jahren eine der erfolgreichsten Radsportnationen. Tadej Pogacar ist aktueller Straßenrad-Weltmeister und dreifacher Tour-de-France-Sieger, "dem man bei Rennen gerne aus dem Weg gehen möchte", wie Primoz lachend meint. Auch andere Slowenen sind international erfolgreich, und eine Generation junger Sportler ist auf dem Weg dorthin.
So wie Sven Mernik. Der achtzehnjährige Abiturient am Gymnasium Celje Center nimmt seit der fünften Klasse an Jugendradrennen teil, 2024 auch an der Weltmeisterschaft der Junioren, die er wegen eines Sturzes nicht beenden konnte. "Meine Mutter Sabina Mernik ist fünfmalige slowenische Radmeisterin mit dem Mountainbike und im Straßenrennen, mein Vater nahm an Radsportwettbewerben teil, und auch mein drei Jahre jüngerer Bruder fährt schon Rennen." Sein größtes Vorbild sei aber Roglic, "denn er kommt auch nach Rückschlägen immer wieder zurück und behält eine positive Einstellung. Ich hatte das Glück, ihn während eines Trainings zu treffen, kam dann auch in seiner Filmdokumentation 'Meine Reise zur Tour de France' vor und durfte ein Interview mit ihm führen." Svens Traum ist es, Profi zu werden. Dafür trainiert er bis zu sechsmal pro Woche, jeweils drei bis sechs Stunden, 16.000 Kilometer im Jahr 2024, in diesem Jahr sollen es 20.000 bis 25.000 werden. Vielleicht einige mit seinem Vorbild, denn Roglic denkt nicht an ein Karriereende. Lora Roglic meint dazu: "Radsport ist das, was Primoz liebt. Und ich hoffe, dass er nach der Profikarriere etwas findet, das ihn genauso erfüllen wird." Bis dahin wird eine neue Generation Radsportler im Rampenlicht stehen, der kleine euphorische Junge aus Ajdovscina wird den Namen "Roglic" dann auch richtig aussprechen können und vielleicht selbst ein Radsportler sein.