Ramadan setzt sich durch

Der Schweizer Profiboxer Hiseni träumt davon, Weltmeister zu werden

Mit weichem Schritt geht Ramadan Hiseni auf das kleine Fitnessstudio im zürcherischen Stettbach zu. Es ist früher Nachmittag. Vor dem Gebäude befindet sich ein kleines Café. Im Vorbeigehen grüßt er einige Gäste, bevor er eine Steintreppe nach unten nimmt und die Tür zum Studio aufschließt. "Wenn ich hier in der Schweiz davon erzähle, dass das Boxen mein Beruf ist, denken die meisten, dass ich Aggressionen habe und diese irgendwo loswerden muss." Das sei bei ihm nicht der Fall. Der Achtundzwanzigjährige trägt Jeans und ein T-Shirt, unter dem seine trainierten Arme zu sehen sind. Seine Haare sind kurz.

 

An der Wand dient ein Gitter als Garderobe. Daran hängen Trinkflaschen, Boxhandschuhe und ein Gesichtsschutz. In einem holzgetäfelten Raum stehen Fitnessgeräte. In einem anderen hängt ein Dutzend schwarze Lederboxsäcke von der Decke. An der Wand neben dem Eingang finden sich viele gerahmte Bilder. Auf ihnen sind Boxer abgebildet. Hiseni taucht nicht selten selbst darauf auf. Auf einem Plakat steht er, Oberkörper frei, vor zwei weiteren Boxern, die Fäuste gehoben, den Blick in die Kamera gerichtet. Es ist das Veranstaltungsplakat für die Box-Gala in Volketswil, wie die silberne Schrift über den Köpfen verrät. Auf einem anderen hält Hiseni einen schweren Pokal und grinst trotz blauem Auge stolz in die Kamera. Ramadan war von klein auf sportlich unterwegs. "Manchmal habe ich mit meinem Bruder im Schlafzimmer gekämpft, um zu sehen, wer stärker ist." Seine Eltern seien aus dem Kosovo, er selbst ist in der Schweiz geboren. Er habe auch viel im Fußballverein gespielt, bis er zwölf war. Schon damals habe ihn auch der Kampfsport fasziniert. "Ich recherchierte im Internet, und es erschienen große Namen wie Muhammad Ali, Mike Tyson. Ab einem gewissen Punkt war mir klar: Das möchte ich auch machen." In Dübendorf absolvierte er dann sein erstes Boxtraining. Damals war er 16 Jahre alt. Als er merkte, dass ihm das liegt, widmete er sich ganz dem Kampfsport.

 

Inzwischen ist er Profiboxer. Er liegt in seiner Gewichtsklasse, dem Mittelgewicht, von weltweit 1850 Boxern auf Rang 88. Schweizweit liegt er auf dem ersten oder zweiten Rang des Mittelgewichts. "Natürlich ist es mein Ziel, Weltmeister, die Nummer eins, zu werden. Im Jahr 2020 wurde ich bei der WBC Youth World Champion." Auch seine Freundin, die er seit drei Jahren kenne, boxe, im Amateurbereich, momentan sei sie aber vor allem als Punktrichterin tätig.

 

Ein Boxkampf laufe wie folgt ab: "Ich komme in der Arena an und gehe in die Garderobe, wo mein Trainer schon auf mich wartet. Ich habe kein Ritual vor dem Kampf, mir ist es einfach wichtig, dass alle aus meinem Team gut drauf sind." Sehr nervös sei er nicht. "Ich sage immer, die Vorbereitung ist der eigentliche Kampf. Ich freue mich, zu zeigen, was ich erarbeitet habe. Um mich aufzuwärmen, mache ich bestimmte Abläufe, die ich mit meinem Trainer einübe. Anschließend steige ich in den Ring." Hiseni wisse dann bereits, wer sein Gegner ist. Zusammen mit seinem Trainer habe er zuvor auch dessen Taktiken und Schwächen analysiert. Es ist allerdings meistens das erste Mal, dass er ihm gegenübersteht. "Im Ring sind wir dann genug nahe beieinander", lacht Hiseni. "Natürlich habe ich einen Plan, aber man weiß nie, ob dieser auch aufgeht. Deshalb ist es wichtig, dass man in den Situationen spontan reagieren und sich anpassen kann. Schließlich geht es darum, wer es schafft, seinen Plan durchzusetzen. Wer den stärkeren Charakter hat."

 

Der ganze Kampf dauere um die 45 Minuten. Anschließend macht sich Hiseni auf den Heimweg. Er sei nicht jemand, der dann noch groß feiern geht. Als Erstes rufe er seine engsten Personen an. "Meine Mutter kann nicht bei meinen Kämpfen zusehen, denn sie würde es nicht ertragen, wenn ich verletzt würde. Deshalb informiere ich sie direkt nach dem Kampf darüber, dass es mir gut geht und wie es lief." Auch seine Freundin sei bei Ramadans Kämpfen immer nervös und fiebere mit. In diesen Momenten sei ihr seine Gesundheit wichtiger als das Resultat des Kampfes. Bis jetzt habe er keine schweren Verletzungen davongetragen. "Meistens sind es kleine blaue Flecken im Gesicht und Schläge am Kopf, manchmal auch Schnittwunden am Auge, die danach genäht werden mussten, je nachdem, wie tief sie waren." Während des Kampfes habe er keine Angst, verletzt zu werden, sein Kopf sei da mit anderem, beispielsweise mit der Abfolge seiner Schläge, gefüllt.

 

Sein liebster Kampf sei sein elfter Profikampf gewesen. "Es war gegen einen Weißrussen. Er war Linksausleger, was für mich eine Herausforderung war, denn das hatte ich noch nie zuvor." Sein schlimmster Kampf war der zehnte, als er dachte, diesen wegen eines Kopfstoßes verloren zu haben. "Nach der Unterbrechung fielen die Punkte dann aber zum Glück gut aus."

 

Sein größtes Ziel sei natürlich, einmal Weltmeister zu werden. Doch auch darüber, wie sein Leben danach aussehen könnte, macht sich Hiseni Gedanken. "Du bist Weltmeister. Und was dann? Eines Tages, wenn ich mit dem Boxen aufhören muss, will ich andere mit meinen Erfahrungen stärken. Ich will ihnen zeigen, dass, wenn sie einen Traum haben, sie dafür kämpfen sollen. Bei mir kommt eine solche Botschaft authentisch rüber, weil ich es wirklich gemacht habe." Er könne gut mit Jugendlichen. Neben dem Boxen helfe er an Schulen bei Programmen zur Gewaltprävention mit. Dies sei eine Richtung, die er gerne weiterverfolgen würde, wenn er nicht mehr boxen kann.

 

Eine Berufsausbildung habe er nicht gemacht. "Ich habe mich für eine andere Ausbildung entschieden: das Boxen." Das bereue er keinen Tag. Berufsboxer seien durchschnittlich bis zum Alter zwischen 35 und 40 Jahren so aktiv, dass sie mit Kämpfen ihr Geld verdienen können. Danach sei die Karriere für die meisten vorbei. Wie lange er selbst boxen will, kann er nicht sagen. "Es liegt an der eigenen Verfassung. Deshalb musst du immer auf deinen Körper hören." Jeden Tag trainiere er zwei- bis dreimal. "Außer sonntags, da erhole ich mich." Eine seiner liebsten Trainingseinheiten sei das Schattenboxen. Hiseni nimmt gleich eine aufrechtere Position ein. "Ich schlage in die Luft und stelle mir vor, ich stehe einem Gegner gegenüber. Dementsprechend bewege ich mich. Es geht um das bildliche Vorstellen eines Kampfes." Ferien nach einem Kampf gebe es schon. "Aber auch in den Ferien trainiere ich, denn der Sport war schon immer Teil von mir."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 07. April 2025, Nr. 82, S. 26 - Lilianne Schleiniger, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

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