Unterwegs mit einem Kristall- und Mineraliensucher in der Schweiz
Reglos stehen die Berge unter einem bleigrauen Himmel. Ein kühler Tag in der Region des Val da Siat auf 2500 Meter Höhe. Doch das kann Richi Meyer nicht davon abhalten, seiner glühenden Leidenschaft nachzugehen, dem Strahlen, wie die Kristall- und Mineraliensuche in der Schweiz genannt wird. Meyer ist groß und schlank, ein Mann Mitte fünfzig. Er trägt elegante, aber sportliche Kleidung. Als Exkursionsleiter im Verein "Studienkreis Zürcher Mineraliensammler" kennt er die Bergwelt. "Der Verein bietet eine großartige Möglichkeit für Anfänger, erste Erfahrungen zu sammeln. Gerade als Neuling ist es schwer, ohne Anleitung die richtigen Orte zu finden und die Technik zu erlernen." Aufgewachsen ist Meyer im Zürcher Oberland, heute lebt er in Wetzikon. "Schon als kleiner Junge habe ich gesammelt: Schnecken!", erzählt er lachend. "Meine Eltern sind beinahe verzweifelt."
Im Laufe der Jahre wechselte seine Sammelleidenschaft hin zu Kristallen und Mineralien. In Meyers Hobbyraum ist alles fein säuberlich nach Fundregionen in beleuchteten Vitrinen ausgestellt. Es gibt Werkzeuge, auch ein Binokular für die ganz kleinen Mineralien gehört zur Ausstattung. Wie kam er zu diesem Hobby? "Es ist schwierig, man braucht gewissermaßen einen Patenonkel, der zeigt, wie es geht. Im Geographiestudium machte ich ein Praktikum in einem Ingenieurbüro im bündnerischen Ilanz. Dort strahlten drei Ingenieure, und ich bekam die Möglichkeit, auf eine Exkursion mitzugehen." Da sei der Funke endgültig übergesprungen. "Ein echter Glücksgriff." Damals fand er eine Kluft mit Bergkristallen. Danach blieb der Erfolg ganze zwei Jahre lang aus. Seine Faszination für die steinernen Schätze war jedoch geweckt. Diese Faszination teilen einige Hundert Leute in der Schweiz. Tatsächlich gibt es auch eine Handvoll Leute, die das Strahlen hauptberuflich verfolgen.
Es ist weniger der materielle Wert, der Meyer reizt, sondern das Geheimnis, das jeder Stein birgt. "Der Moment des Findens ist für mich das Allerschönste. Man muss sich vorstellen, du reibst die Erde ab, wäschst den gesamten Dreck herunter, und im Sonnenlicht kommt ein Kristall zum Vorschein, der seit mehreren Millionen Jahren im Boden schlummert - und du bist die erste Person, die ihn sieht." Dabei spielt für ihn nicht nur die Größe oder der Wert eine Rolle, sondern vor allem die makellose Form. "Ein Kristall von wenigen Millimetern kann genauso faszinierend sein wie ein 30-Zentimeter-Bergkristall." Der Wert spielt für ihn keine Rolle, er will kein Geld mit den Steinen verdienen. Die Kristalle, die er findet und nicht behalten möchte, verkauft er jedes Jahr auf einem Weihnachtsmarkt und spendet den kompletten Erlös. Das Nonplusultra beim Strahlen ist das Finden einer Kluft. Diese entsteht, wenn sich während der Gebirgsbildung in der Tiefe Risse im Gestein bilden, die sich unter Druck und hoher Temperatur mit mineralhaltigem Wasser füllen. Nehmen später Temperatur und Druck ab, bleiben die Mineralien zurück, die sich als Kristalle in der Kluft absetzen. Eine solche Kluft lässt sich im Prinzip an der Struktur im Fels erkennen, beispielsweise an Rissen oder Quarzbändern.
Wenn Meyer seine Exkursionen plant, folgt er einer Mischung aus Erfahrung, wissenschaftlichen Einsichten und Intuition. Geologische Karten können helfen. "Einige Regionen sind gut dokumentiert und wurden schon oft besucht, andere dagegen bieten neue Möglichkeiten." Ein zerklüfteter Hang oder der Rückzug der Gletscher durch den Klimawandel eröffnen neue, unerforschte Gebiete.
"Eine neue Kluft zu finden, braucht bereits viel Geduld. Von zehn potentiellen Klüften ist jedoch im Durchschnitt nur eine wirklich gut. Es kann sein, dass ich zehn Löcher grabe und nur Dreck finde. Daher gräbt man relativ effizient und schnell. Doch wenn ein erster kleiner Hinweis auf einen Fund ersichtlich wird, wird jede Bewegung ganz vorsichtig und langsam. Es kann aber passieren, dass ein einziger Schlag mit dem Pickel unabsichtlich einen wertvollen Kristall beschädigt. Das will man natürlich vermeiden, aber es ist nie komplett auszuschließen."
Nicht selten dauert es Tage, Wochen oder gar Monate, bis ein "lohnender" Fund gelingt. Dabei ist es subjektiv, was der "Strahler" als lohnend ansieht. Für Meyer ist eines wichtig: "Ich brauche einen Bezug, zu jedem Stein, in meiner Sammlung. Das heißt, ich muss ihn selbst oder mit Freunden gefunden haben." Auf einer Messe Steine von anderen Leuten zu kaufen, komme gar nicht infrage.
Das Strahlen ist im Kollektiv oft am schönsten. "Manchmal musste ich Freunde anrufen, weil der Transport einfach zu aufwendig war", erzählt Meyer lachend. Eine gefundene Kluft kann in der Schweiz laut Gesetz für zwei Jahre reserviert werden, sofern man ein Patent besitzt, das in einigen Regionen unerlässlich ist. Doch Neid und Missgunst sind die Schattenseiten des Hobbys. Reservierte Klüfte werden manchmal von anderen geplündert, auch innerhalb der Gruppe kann Neid aufkommen. "Wir sprechen immer im Voraus ab, wie wir die Funde teilen, um Missverständnisse und Neid zu vermeiden. Der Finder einer Kluft darf in der Regel das erste Stück wählen, und danach wird fair geteilt." Allein unterwegs zu sein, kann in den Bergen gefährlich sein. "Denn Mutter Natur kann ein böses Weib sein", schmunzelt Meyer. Das Wetter könne in den Bergen sehr schnell umschlagen. In circa 1000 Exkursionstagen ist ihm zum Glück noch nichts geschehen.