Zwei Schüler des Gymnasiums Mariupol in der Ukraine reden über den Krieg
Maria: Erzähl ein bisschen über dich.
Igor: Ich bin 16 und ich lebe jetzt in einem Internat, das mit dem Mariupol-Gymnasium verbunden ist.
Mariupol-Gymnasium? Aber du lebst in Kiew. Warum?
Das Gymnasium in Mariupol wurde von Russland zerstört. Wegen des Krieges mussten wir alles verlassen. Unser Gymnasium ist nach Kiew umgezogen. Wir haben nur ein Stockwerk und müssen dort wohnen und lernen. Alles ist anders, aber wir haben keine Wahl.
Oh, das ist schrecklich. Aber ich bin froh, dass du trotzdem einen Platz gefunden hast. Erzähl mir von deinem Leben im Internat.
Wir leben zu acht in einem Zimmer - zwei Jungenzimmer und zwei Mädchenzimmer. Zwei Betreuer sind immer da. Während des Unterrichts ist nur einer da. Wir leben nach einem festen Zeitplan, wie in einem Lager. Es ist laut, eng, aber wir sind zusammen.
Und was passiert bei Alarm? Hast du Angst?
Ja, ich habe Angst. Wir gehen schnell in den Keller. Besonders in der Nacht ist es schlimm. Manchmal ist es so dunkel, dass ich meine eigenen Hände nicht sehe.
Was macht ihr im Keller?
Wir sitzen ruhig. Manche lesen oder hören Musik. Wir reden auch ein bisschen. Einer weint manchmal. Wir sind Kinder, aber wir leben wie Erwachsene.
Was ist, wenn jemand während eines Alarms etwas trinken oder essen möchte?
Wir haben einen kleinen Brunnen, der aber nicht immer funktioniert. Oft warten wir einfach auf den Morgen.
Ist der Keller groß?
Nein, er ist klein. Aber wir passen rein. Es gibt Decken und Matratzen. Es ist kalt, aber wir sind sicher. Sicherheit ist wichtiger als Wärme.
Was hilft dir in dieser Zeit?
Meine Freunde helfen mir. Wir sind zusammen. Wir lachen manchmal, obwohl draußen Krieg ist. Das ist wichtig.
Kommuniziert ihr gut untereinander?
Ja. Wir kommen alle aus besetzten Gebieten, die nicht mehr sicher sind. Jeder hat sein Zuhause verloren. Jeder hat seine eigene Geschichte. Das macht uns näher. Wir verstehen uns ohne viele Worte.
Kannst du mit deiner Familie sprechen?
Ja, ich telefoniere mit meiner Mutter und meinem Vater. Ich habe meine Familie seit über einem Jahr nicht gesehen. Ich rufe sie an, aber das ist etwas anderes. Ich möchte sie einfach umarmen. Sie fehlen mir sehr.
Was siehst du jeden Tag in deiner Stadt? Gibt es etwas, das dich traurig macht oder das du nicht vergessen kannst?
Neben unserem Lyzeum ist ein Militärhospital. Wir sehen oft verletzte Soldaten oder Soldaten ohne Arme oder Beine in der Stadt. Man gewöhnt sich daran, aber jedes Mal bekomme ich Gänsehaut. Ich frage mich: Wird das je enden?
Gibt es einen Moment, den du nie vergessen wirst?
Einmal lag ich nachts im Keller, es war sehr kalt, und ich hörte draußen eine Explosion. Alles hat gezittert. Ich habe meine Augen fest zugemacht und mir vorgestellt, dass ich in meinem Zimmer in Mariupol bin. Mit meinem Hund. Mit Mama. Es war nur eine Minute - aber in meinem Kopf war ich zu Hause. Diesen Moment vergesse ich nie.
Was vermisst du?
Mein Zuhause. Mein Zimmer. Meine alten Freunde. Mein normales Leben.
Was wünschst du dir?
Frieden. Und dass wir nach Hause zurückgehen können. Ich will aufwachen und wissen: Heute gibt es keinen Alarm. Heute ist ein normaler Tag.
Hast du Freunde im Ausland?
Ja, ich habe Onlinefreunde aus Europa. Sie haben den Krieg nie erlebt. Manchmal fragen sie mich: "Wie lebst du überhaupt? Es ist doch Krieg bei euch, es ist doch sehr gefährlich." Und ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich habe mich daran gewöhnt. Manchmal kann ich mir nicht vorstellen, wie das ist - wenn nachts keine Shaheds fliegen. Wenn es keine Gefahr von Raketen gibt. Wenn man keine Explosionen hört oder die Luftabwehr. Für sie ist der Krieg eine Nachricht im Fernsehen. Für mich ist er ein Flur, durch den ich in den Keller renne. Es ist meine Decke im kalten Schutzraum. Es ist jeder Tag. Weißt du, Krieg ist nicht irgendwo weit weg. Er ist drinnen. In einem Zimmer. Im Kopf. In der Stille, wenn man einfach nur schlafen will - und nicht kann.
Das Gespräch führten Maria und Igor, Städtisches Lyzeum Mariupol, Kiew.
Maria und Igor sind Schüler des Gymnasiums Mariupol und heißen in Wirklichkeit anders. Ihre Eltern befinden sich derzeit in russisch besetzten Gebieten.