Sagrada família

Allein auf einem Feld zurückgelassen - die Pfadfinder in Portugal wachsen über abenteuerliche Erlebnisse zusammen

Die Glocke schlägt dreimal. Eine Gruppe von Menschen steht in Reih und Glied vor dem Kirchturm. Sie tragen beige Hemden, Wanderschuhe, hohe Socken und blaue Hosen. Und sie haben gelbe, hellgrüne, blaue, rote oder dunkelgrüne Halstücher umgebunden. Das ist das Eröffnungsritual der Areosa-Pfadfinder, das jeden Samstag um 15 Uhr beginnt. Die Gemeinde Areosa liegt nordöstlich von Portos Stadtzentrum. "Ich hatte Onkel und Tanten, die bei den Pfadfindern waren, und ich sah, wie sie so glücklich aus dem Zeltlager nach Hause kamen, dass ich neugierig wurde. Ich habe es ausprobiert, und seit 1987 bin ich dabei", sagt die blonde 51 Jahre alte Cláudia Braga, die "formiga organizada", organisierte Ameise, wie sie ihr Totemtier nennt. Jeder Pfadfinder hat so einen symbolischen Spitznamen aus einem Adjektiv und einem Tier, mit dem man sich identifiziert.

 

In Portugal wird bei den Pfadfindern meist zwischen den "escuteiros" in der CNE und den "escoteiros" in der AEP unterschieden. Der kleine Unterschied eines einzigen Buchstabens bedeutet, dass die "escoteiros" für männliche und weibliche Jugendliche aller Religionen offen sind, während die Mehrheitsgruppe, die "escuteiros", ausschließlich christlich sind. Es gibt auch die AGP, die keinen Unterschied zwischen den Religionen macht, aber christliche Grundlagen hat und speziell nur Mädchen offensteht.

 

"Zu meiner Zeit bei den Pfadfindern gab es noch nicht so viele Konserven wie heute, und es gab auch keine tragbaren Propan-Kocher", sagt der 60 Jahre alte, grauhaarige Florentino Pinto, den alle nur Tino nennen oder "Hiena cómica", komische Hyäne. "Wir haben eine Woche im Gerês verbracht, immer draußen in selbst gebauten Unterkünften geschlafen", erinnert sich der inzwischen stellvertretende Leiter der Pfadfindergruppe Areosa. Der Gerês ist der einzige Nationalpark Portugals.

 

Die Pfadfindergemeinde 740 von Areosa gehört zum CNE. "Wir sind die Gruppe mit der größten Mitgliederzahl in Porto", sagt Cláudia. Die 160 Pfadfinder sind in fünf Abteilungen eingeteilt: die "lobitos", Wölflinge - das sind die Jüngsten von 7 bis 10 Jahren -, die "exploradores", Entdecker von 11 bis 14, die "pioneiros", Pioniere von 15 bis 18, die "caminheiros", Wanderer von 19 bis 22, und die "chefes" oder "dirigentes", Leiter. "Als Caminheiro ist der Ausflug nach Drave in den Montanhas Mágicas bei Arouca definitiv derjenige, der in Erinnerung bleibt. Zu Fuß in dem kleinen verlassenen Dorf am Fuße der Serra anzukommen, ist wie die Ankunft im gelobten Land", sagt Tino, der seit 44 Jahren Pfadfinder ist. Cláudia nickt. Die Gruppenleiterin erinnert sich an ihr Erlebnis in Drave, als sie mit der Gruppe auf einem Feld zurückgelassen wurde und sie später den Weg allein finden mussten, im Freien schliefen und sich gegenseitig zum Durchhalten motivierten. Nach den vier ersten Abteilungen kann man einen Kurs zum Leiter machen und das dunkelgrüne Halstuch bekommen. Der älteste Pfadfinder in der Gemeinde ist "Nando", der Sechzigjährige mit dunkelgrauem Haar ist seit 1970 Mitglied.

 

Oft seien es die schwierigen Momente, die einen für das Leben prägen, meint Cláudia. Damals, um 1989, habe sie in Manteigas gezeltet, einem kleinen Dorf im Herzen der Serra da Estrela, der höchsten Gebirgskette auf dem portugiesischen Festland, und es sei zu einem heftigen Schneesturm gekommen. "Wir Pfadfinder hatten nur Vorräte für eine Woche dabei, und die Geschäfte begannen die Lebensmittel zu rationieren. Drei Tage lang mussten wir im Dorf an die Türen klopfen, um etwas zu bekommen, Milch, Eier, irgendetwas zu essen."

 

Während des Jahres sammeln die Pfadfinder Spenden für ihre Aktivitäten. Bei den letzten Europawahlen haben sie mitgeholfen und wurden für ihre Dienste bezahlt. Außerdem kommen die Mitgliedsbeiträge von 24 Euro pro Jahr der Gruppe zugute. "Für Leiter ist es das Schwierigste, die Menschen zu führen. Wenn es gelingt, ist es einfach toll", betont Tino. Die Arbeit der Leiter ist unbezahlt. Tino ist im wirklichen Leben Notfalltechniker, und Cláudia arbeitet für die "Ärzte der Welt". "Was wir als Leiter erhalten, ist zu sehen, wie die uns anvertrauten Mitglieder wachsen, sich entwickeln und neue Fähigkeiten erwerben", erwähnt Cláudia.

 

"Eines Tages hat mich meine Mutter dazu gebracht, samstags zu kommen, und dann hat es mir richtig Spaß gemacht", sagt der 15 Jahre alte Luca Lage, der seit 2022 Pfadfinder ist. "Es waren vor allem die Leute. Irgendwie stimmte die Chemie."

 

Die Pfadfinderei sei eine Lebenseinstellung, erklärt Tino. "Man bindet sich bei ihnen wirklich fürs Leben, sie werden einem zur Familie." Das habe viele positive Effekte. "Wenn man Pfadfinder ist, weiß man, wie man im Team arbeitet, wie wichtig Zusammenarbeit und Führungsqualitäten sind", fügt Cláudia hinzu. "Wenn der Koch der Gruppe vergisst, das Essen zuzubereiten, werden die anderen nichts essen. Und wenn der Schatzmeister das Geld nicht gut verwaltet, kann man kein Material kaufen. Jeder von uns in der Gruppe ist wichtig. Genau deswegen wollen immer mehr Unternehmen solche Leute, die gut in Gruppen arbeiten können."

 

Heute feiern die Pfadfinder von Areosa ihr vierzigjähriges Bestehen. Das Fest findet in der Krypta unter der Kirche statt, mit einem Abendessen, das von lokalen Freiwilligen für alle Familien, die kommen, zubereitet wird. Das Essen wird von den Exploradores und Pioneiros serviert, während alle Sektionen ihre Unterhaltungsprogramme auf der Bühne präsentieren. Die Lobitos singen für ihre Eltern typische Pfadfinderlieder, die Exploradores präsentieren ihr Lied über das Leben eines Explorador, die Pioneiros wählen Leute aus dem Publikum aus, die an ihrer Gameshow "Wer wird Pfadfinder?" teilnehmen - eine Parodie auf "Wer wird Millionär?" Und die Caminheiros fungieren als Moderatoren und zeigen den Gästen pfadfinderische Formen des Gratulierens und Klatschens. Sie verleihen auch besondere Abzeichen an verdiente Mitglieder aller Sektionen, wie etwa das Abzeichen für eine bestimmte Anzahl von Übernachtungen im Zelt: ein dunkelblauer Sternhimmel mit einem braunen Zelt im Vordergrund. Laut Tino laute eine der wichtigsten Regeln, dass man nicht zu viel Zeit seines Lebens dem Scouting widmen dürfe. "Das war mein Fehler." Und Cláudia ergänzt: "Man darf die Pfadfinderei zwar sehr ernst nehmen, aber nicht an die allererste Stelle setzen - dort gehört immer die Familie hin, also die echte."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 21.07.2025, S. 26 - Leonardo Correia, Deutsche Schule zu Porto

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