Schüler sind gern bildungsfern

Jugendliche segeln auf einem Schiff ein halbes Jahr lang quer über den Atlantik und entdecken, was Schule sonst nicht bieten kann.

Der Wind zerrt an den Tauen, das Schiff schaukelt. Zwischen Segelmanövern und Frühstücksgeschirr ertönt die Stimme eines Lehrers: "Mathe in zehn Minuten auf dem Achterdeck!" Für die Jugendlichen an Bord der "Pelican of London", eines 45 Meter langen majestätischen Segelschiffs, ist diese Kombination Alltag. Sie sind Teil des Ocean College, eines Schulprojekts, das Bildung anders denkt: Lernen zwischen Wind und Wellengang statt zwischen vier Wänden. Sechs Monate lang segeln rund 40 Schüler über den Atlantik. Sie steuern, putzen, kochen und pauken Mathe, Biologie oder Geschichte. Das Programm richtet sich an Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren und kostet jeden etwa 27.000 Euro. Im Preis enthalten sind Unterkunft an Bord, Unterricht, Verpflegung, Landaufenthalte und eine Crew bestehend aus vier Lehrkräften sowie acht professionellen Seeleuten. Das Ocean College ist kein Urlaubstrip, sondern ein Bildungsprogramm mit Prüfungen, Stundenplänen und klaren Verantwortlichkeiten.

 

Die mittlerweile 17 Jahre alte Charlotte Clemens erinnert sich, wie sie vor zwei Jahren an der Reling lehnte, als im britischen Hafen Port of Sharpness zum ersten Mal die Leinen gelöst wurden. Hinter ihr schrumpfte der Hafen, vor ihr wuchs das Wasser ins Unendliche. Der Wind trieb ihr das braune, schulterlange Haar ins Gesicht. Das erste Gefühl auf offener See beschreibt sie als überwältigend. "Ich wusste, da kommt jetzt einfach nichts mehr. Das war so krass, dieses Gefühl, dass da einfach außer uns niemand mehr ist. Das nächste Schiff unendlich weit entfernt. Du bist komplett allein da." Vor ihr lag eine Reiseroute, die 15 Länder umfasste, darunter Marokko, die spanische Insel Teneriffa, Panama, Kuba oder Costa Rica.

 

Zunächst kennt sie niemanden an Bord so richtig, die Rucksäcke stehen noch ungeordnet an Deck, und Teller klimpern irgendwo, weil die See bereits leicht schaukelt.

 

Während Charlotte noch mit ihren Gedanken ringt, treibt Johan Kegler, den Gründer des Ocean College, längst etwas anderes an: Ärger über ein veraltetes Schulsystem, das seiner Meinung nach nur noch auf Leistung, Struktur und Stillhalten setzt. Der Fünfundvierzigjährige hat das Gesicht eines Mannes, der viel Zeit an der frischen Luft verbringt, gezeichnet von Wind und Sonne. Ein Dreitagebart umrahmt sein Lächeln und zeigt erste Spuren von Grau, die sich auch in seinem hellbraunen Haar wiederfinden. Von 2013 bis 2017 unterrichtete Kegler Sport und Geschichte. Nicht auf See, sondern in einem normalen Klassenzimmer. Doch schnell merkte er: In diesem System kann und will er nicht weitermachen. 2013 gründete er das Ocean College. Ein Schulhalbjahr auf einem gemieteten Segelschiff, aber vor allem ein Gegenentwurf. Sein Leitbild: Bildung auch als Persönlichkeitsentwicklung zu gestalten und Lernen erfahrbar zu machen. "Ich habe mir gesagt, ich will Schüler in echte Herausforderungen bringen", sagt er. "Die normale Schule konnte ich einfach nicht mehr ernst nehmen, ich wollte etwas anderes machen." 2017 überquerte das erste Schiff des Ocean College den Atlantik.

 

Fragt man Kegler, was ihn am klassischen Unterricht am meisten gestört hat, gewinnt seine Stimme an Tempo. "Man kann Bildung nicht messen. Zeugnisse und Noten sind Quatsch. Niemand erklärt den Schülern, wozu sie etwas machen oder lernen sollen. Wissen, das nicht angewendet werden kann, ist totes Wissen. Das kann man sich auch schenken. Und dass Fehler bestraft werden, das ist so krank. Weil alle, alle großen Entwicklungen der Welt sind durch Fehler entstanden."

 

In seinem Schulsystem setzt Kegler auf das, was Bildung wirklich ausmacht: Teamgeist, Konfliktfähigkeit, Kommunikation und die Bereitschaft, an seine eigenen Grenzen zu gehen. Nur so könne Schule zur Persönlichkeitsentwicklung beitragen. An Bord orientiert sich der Unterricht an dem, was passiert. "Wenn da ein Fisch aufs Deck springt, dann wird er seziert und für den Biologieunterricht benutzt", beschreibt Kegler seine Lernmethoden. Statt Fächern gibt es Phänomene: Navigation am Kompass, Geschichte beim Landgang und Rechnen mit den Sternen.

 

Der große Zuspruch zeigt, dass das Konzept zu überzeugen scheint. Jedes Jahr bewerben sich rund 150 Lehrkräfte für einen Platz an Bord, doch pro Schiff werden meist nur vier genommen. Auch die Schülerbewerbungen seien so zahlreich, dass inzwischen Wartelisten geführt werden. Kegler ist mittlerweile nicht mehr persönlich an Bord des Ocean College anzutreffen, sondern meistens hinter seinem Schreibtisch im Berliner Büro. Gleichwohl vernachlässigt er seine Liebe zum Wasser nicht. Er rudert regelmäßig im Verein.

 

Auf die Frage, was sie im Ocean College gelernt hat, erzählt Charlotte von Städten, durch die sie beim Landgang ohne Navi ihren Weg fand. "In der Schule lernst du die Grundkenntnisse. Auf dem Schiff lernst du das, was du im Leben brauchst." Die Reise habe sie erwachsen werden lassen. Vor allem das eigenständige Arbeiten und die Organisation ihres Alltags gelingen ihr heute besonders gut.

 

Auch Tobias Eckardt, ein Chemielehrer an Bord, hat erlebt, wie schnell geistige Entwicklung sichtbar werden kann. "Unsere Schüler haben riesige Sprünge gemacht", erzählt der Neunundzwanzigjährige mit den kurzen, braunen Haaren. "Normalerweise sieht man Veränderungen nicht so schnell. Hier waren viele nach den sechs Monaten andere Menschen." Insbesondere die Selbständigkeit sei gewachsen. "Das Selbstbewusstsein kommt aus dieser Extremsituation. Du kannst nicht ausweichen, musst Lösungen finden und Kompromisse eingehen." An Bord bleibt wenig Raum für Rückzug. Doch statt Streit entsteht Gemeinschaft. Charlotte erzählt, dass niemand lange allein bleibt, ob beim Segelsetzen, Kochen oder Putzen. "Man hat die ganze Zeit etwas mit jemand anderem gemacht." Die Nähe schweiße zusammen, nicht auseinander. Sie vergleicht die Gemeinschaft mit einer großen Familie, mit Lehrern als "Ersatzeltern".

 

Natürlich läuft auf so engem Raum nicht immer alles rund. Von einem neunstündigen Generatorausfall bis zu kleinen Rempeleien: Derartige Herausforderungen sind auf einer solchen Reise kaum vermeidbar. Von den rund 400 Teilnehmern der letzten Jahre musste dennoch nur ein Bruchteil wegen wiederholter Regelverstöße oder Heimweh bei nächster Gelegenheit an Land abgeholt und nach Hause gebracht werden. "Niemand wird gezwungen zu bleiben", betont Kegler. Für ihn zählt nicht, was im Lehrplan steht, sondern was bleibt, wenn kein Lehrer mehr danebensteht.

 

Wenn die "Pelican of London" nach einem halben Jahr zurückkommt und den Hafen von Bordeaux anläuft, stehen Eltern am Kai und suchen Gesichter, die sie kennen. Da an Bord keine Handys erlaubt sind, haben die meisten ihre Kinder kaum mehr als fünfmal während der Reise zu hören bekommen. Die Jugendlichen steigen mit Seesack und salzigen Haaren von Bord - und mit einer Idee davon, dass Bildung mehr sein kann als das Herumsitzen in einer langweiligen Mathestunde. Manche kehren mit besseren Noten zurück, viele mit mehr Selbstvertrauen, alle mit einem Erfahrungsschatz, den kein Schulbuch abfragen kann. Lernen passiert nicht nur im Klassenzimmer, sondern dort, wo der Horizont keine Wände mehr kennt.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 26.01.2026, Nr. 21. S. 26 - Luisa Karpenstein, Goethe-Gymnasium, Berlin-Lichterfelde

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