Ein Berliner Ensemble legt eine Eifersuchtsszene hin und betreibt Theatersport
5, 4, 3, 2, 1" hallt der Countdown an einem Mittwochabend durch das Ballhaus Wedding in Berlin. Zwei Teams, mit je zwei Schauspielern, stehen sich gegenüber: "Neustart Neukölln" gegen "Zackig Zehlendorf". Das Publikum hält eine Karte in der Hand - die eine Seite ist rot, die andere blau. Begleitet von improvisierten Klavier-, Gitarren- und Mundharmonikaeinlagen legt Team Zehlendorf spontan eine kurze Eifersuchtsszene hin. "Wenn du mit deinen dreckigen Schuhen auf diesen Edelangoraflokati trittst, ich sag' dir, dann ist es aus zwischen uns, Miriam!" Provokativ setzt Miriam ihren Fuß auf den imaginären Teppich. "Ich habe doch genau gehört, wie sie gesagt hat, sie will dich haben." Team Rot klatscht und tauscht nun Plätze mit einem der Schauspieler.
"Es ist ein Spiel mit dem Widerspruch des Lebens, der Kunst", sagt Marin Caktas, Moderator und langjähriges Mitglied von Theatersport Berlin, zum kompetitiven Konzept, das ihn seit fast zwei Jahrzehnten begleitet. Die Regeln sind simpel: Das Publikum gibt Impulse, die Schauspieler improvisieren darauf basierende Szenen, und die Zuschauer stimmen am Ende jeder Runde ab, welches Team sie mehr überzeugt hat. Über sechs Runden hinweg sammeln die Teams für jeden Sieg fünf Punkte.
Caktas, der mit zurückgegelten Haaren und Anzug auftritt, unterbricht als Schiedsrichter die Szenen. Er fordert das Publikum auf, Gegenstände, Streitthemen oder einen Titel für die laufende Szene zu bestimmen. Er betont, dass "jedes Publikum anders ist". Es kommt vor, dass nur 15 Zuschauer erscheinen, obwohl Platz für 40 wäre. Abhängig von deren Anzahl und Mut muss er als Moderator mit verschiedensten Situationen umgehen. Oft würde jemand Orte wie "auf der Toilette" vorschlagen, "weil man halt lustig sein will". Um nicht ständig solche Szenen zu wiederholen, nutzt Caktas Tricks: "Gebt mir einen Ort, wo die Szene spielt, zum Beispiel auf der Toilette." Da Zuschauer nicht die gleiche Idee nehmen wollen, schlagen sie etwas anderes vor. Caktas sieht aber gerade in ungewöhnlichen Ideen den Reiz, beispielsweise die Bewerbung auf eine Expeditionsfahrt in das Saarland. "Wir vertrauen darauf, dass in allem etwas steckt, was nicht banal ist", verspricht er. "Improvisation als Form des Theaters gibt es schon lange", erklärt der Sechsundfünfzigjährige. "Vor 30 Jahren haben ein paar freie Schauspieler aus den unterschiedlichsten Provenienzen Theatersport Berlin gegründet." Damals war es die erste Gruppe. Mittlerweile haben sich ähnliche Formate in anderen Städten und Ländern unter dem Begriff "Theatresports" weit verbreitet. "Wir haben Bock auf was, was nicht so Mainstream ist, was aber die Leute erfreut", sagt der gebürtige Würzburger. Heute finden die Aufführungen von Theatersport Berlin unter anderem alle zwei Wochen mittwochs im Ballhaus Wedding statt, einem Gebäude mit Geschichte. "Es ist kein klassisches Theater, sondern ein Ort mit Seele." 1889 erbaut, hatte es bereits viele Funktionen: Es war Ballhaus, Privatbesitz und Rockerclub. "In der Mitte des Saals war eine Wand, links wurde gesoffen, rechts wurden Motorräder montiert", erzählt Caktas dem Publikum zu Beginn der Vorstellung. Der nach der Restauration von den Zwanzigerjahren inspirierte Saal wurde 2022 wiedereröffnet. Die Kronleuchter, schmuckvoll verzierte Wände und üppige Möbel erwecken eine nostalgische Atmosphäre. Für Caktas begann seine Karriere bei Theatersport Berlin erst 2005 - zehn Jahre nach der Gründung. "Ich bin Spätstarter und wollte eigentlich Clown werden, dieses Absurde, Komödiantische lernen", erzählt der schlanke Schauspieler. Der Unterricht an der École Philippe Gaulier, dem damals "führenden und erfahrensten Clown-Lehrer Europas", war sehr von Improvisation geprägt. Um die sogenannte "Bühnenreife" auch in Deutschland zu erhalten, absolvierte Caktas eine weitere Ausbildung beim Theaterstudio Berlin. "Daher lag der Kontakt zu Theatersport Berlin dann später nahe." Moderieren habe er sich erst gar nicht zugetraut. "Da musst du ja noch ein bisschen anders ticken, spüren, wo es Unterstützung für die Schauspieler braucht oder wo das Publikum angesprochen werden muss." Seit Corona macht Caktas das nicht mehr hauptberuflich. Kurz vor der Pandemie zerbrach ein Teil der Gruppe, dann kam der Shutdown. "Von heute auf morgen kein Einkommen mehr." Nun arbeitet er tagsüber als Postbote bei Amazon. "Du bist eben nicht für 20 Jahre unkündbar, sondern du musst halt immer gucken, wo du bleibst." Im Ballhaus Wedding endet der Abend nach zwei Stunden mit tosendem Applaus. "Natürlich gibt es immer Applaus, aber es gibt Momente, wo du merkst, die wollen dir noch was schenken." Heute hat Team Rot gewonnen, aber ums Gewinnen geht es den Schauspielern nicht. "Man holt die Leute aus ihrer Komfortzone", sagt er strahlend. "Es gibt keine Fehler."