Schiris führen kein regelloses Leben

Bei einem Spiel der European League of Football in Berlin

Die Zuschauer sind nicht hier, um uns zu sehen. Sie wollen Football, nicht Schiedsrichter", sagt James Johnson, während er im grauen T-Shirt leicht verschwitzt, aber entspannt Monitore und andere technische Geräte auspackt. Im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark in Berlin herrscht bereits ein angespanntes Hin und Her - von Schiedsrichtern, Kamerapersonal und Ordnern, während die Zuschauer eintrudeln. Es ist ein heißer Tag, der Geruch von frischem Rasen liegt in der Luft. Aus den Lautsprechern dröhnt Musik. Mit den ersten Tönen von "Thunderstruck" von AC/DC, die durch das Stadion schallen, beginnt nicht nur der Jubel des Publikums, sondern auch der Einmarsch der Berlin Thunder aufs Spielfeld.

 

"Die Vorbereitung beginnt lange vor dem Spiel", erklärt Johnson. Als Teil des Replay-Teams sitzt der gebürtige Kanadier in der Nähe der Fernsehcrew auf einer Tribüne gegenüber den Zuschauern mit perfektem Blick aufs Spielfeld. Der aus Toronto kommende Informatiker reiste nach seinem Studium quer durch Europa und fand in Deutschland seine große Liebe. Erst lebten die beiden in Leipzig und nun in der Nähe von Berlin. Vor ihm stehen zwei Monitore, die das Spiel aus mehreren Perspektiven zeigen. "Vor der Saison lernen wir in wöchentlichen Meetings und auch allein - zusammen um die 40 Stunden im Monat. Und jetzt, während der Saison, haben wir wöchentliche Meetings, analysieren vergangene Spiele und bereiten uns auf die Teams vor, die an dem Tag spielen." Mit "lernen" meint der angehend weißbärtige Johnson das Analysieren von Trainingsmaterial und Regelwerk, um die Regeln in allen möglichen Spielsituationen richtig auslegen zu können. All das tut der 49-Jährige neben seinem Vollzeitjob als Informatiker. "Die Schiedsrichter treffen sich drei Stunden vor jedem Spiel im Stadion. Dort prüfen wir das Feld, die Ausrüstung der Spieler, unsere Kommunikationssysteme und die Technik. Es muss alles stimmen, bevor die Teams sich überhaupt aufwärmen." Die Aufgabe des ehemaligen Highschool-Footballspielers, der die leicht einschüchternde Statur eines Profispielers nicht verloren hat, besteht darin, Spielsituationen zu überprüfen, die problematisch sein können. "Es gibt viele Gründe, warum manche Entscheidungen nicht leicht zu treffen sind. Es kann ein komplizierter Spielzug gewesen sein, oder, um es replayspezifischer zu machen, wir haben oft das Problem, dass es nicht genug Kameras gibt oder die Winkel der Kameras die Perspektive etwas verzerren." Manchmal könne eine Entscheidung den ganzen Spielverlauf ändern. "Fehler passieren. Bei den Spielern, den Trainern und auch bei uns Schiedsrichtern. Aber wir tun unser Bestes, um sie zu minimieren."

 

Auf dem Spielfeld arbeiten sieben Schiedsrichter. Im Idealfall "bekommen hoffentlich mindestens zwei eine möglicherweise regelwidrige Aktion mit. Die kommen zusammen und reden. Und ich als Replay kann an bestimmten Stellen Hinweise oder Unterstützung geben." Johnson betont, dass seine Arbeit im Replay oft unsichtbar bleibt. "Wir unterbrechen das Spiel nur, wenn es wirklich nötig ist und nicht ohne Spielstopp geklärt werden kann. Das passiert in den meisten Spielen etwa zweimal."

 

Er liebt das Schiedsrichtern. Außerdem könne er bei vielen internationalen Spielen der European League of Football (ELF) mitmachen und etwa nach Barcelona, Prag oder Mailand reisen. "Wir kommen oft einen Tag vor dem Spiel an, aber manchmal bleibe ich ein oder zwei Tage länger, um mir die Stadt anzuschauen." Der langhaarige Replay-Official sagt: "Ich bin Schiedsrichter geworden, weil ich als Spieler immer wieder sehr schlechte Schiris bei unseren Spielen hatte. Statt zu schimpfen, habe ich mich entschieden, mitzumachen und anderen Spielern bessere Qualität zu bringen. Ich glaube, über meine 22 Jahre ist es meistens gelungen. Angefangen habe ich mit Kursen, um meine Schiedsrichterlizenz zu erhalten, und dann habe ich 20 Jahre bei lokalen Jugendspielen Erfahrungen gesammelt. 2020 habe ich eine Einladung der ELF erhalten. Also habe ich die Aufnahmetests gemacht und dort angefangen zu schiedsrichtern."

 

Besonders genießt er die Zeit mit seinen Kollegen. In der Umkleidekabine stehen schon einige verschwitzt und sonnenverbrannt an ihren Handys und schauen nach, was im Fernsehen zu ihren Entscheidungen gesagt wurde. In Sekundenschnelle bricht eine Diskussion aus, "die geht normalerweise in der Hotelbar nach dem Spiel weiter, wo wir über Spielzüge und Entscheidungen reden oder vielleicht schauen, was unsere Kollegen bei anderen Spielen an dem Tag gemacht haben". Früher hatte Johnson einen kleinen Glücksbringer - einen Travel-Teddy. "Den hatte ich bei jedem Einsatz dabei. Aber irgendwann wurde mir das zu viel Stress, weil ich immer Angst hatte, ihn zu verlieren. Darum bleibt er jetzt zu Hause."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11.08.2025, S. 26 - Natascha Johnson. Marie-Curie-Gymnasium, Hohen Neuendorf

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