Schülern vertraut er blind

Christof Müller verlor durch einen Gendefekt sein Augenlicht. Er unterrichtet als Gymnasiallehrer.

Christof Müller hat nie viel gesehen. Als Kind konnte er noch Farben und Formen erkennen, später noch hell und dunkel. Heute ist er aufgrund eines Gendefekts vollständig erblindet, so wie sein zwei Jahre älterer Bruder und seine Eltern. Müller ist 57 Jahre alt, trägt Hemd und Anzughose, während er im Arbeitszimmer sitzt und seinen Unterricht vorbereitet.

 

"Ihr dürft euch nicht alles gefallen lassen", sagte seine Mutter immer. Die beiden Söhne gingen anfangs auf eine Schule für Sehbehinderte in Frankfurt, ehe sie dann von der 7. Klasse an das Blindengymnasium in Marburg besuchten. Müller legte 1987 sein Abitur ab. Als er sich in Frankfurt für das Studium der katholischen Theologie einschreiben wollte, wurde er gefragt: Magister oder Lehramt? Schnell sei die Entscheidung auf das Gymnasiallehramt gefallen. Auf die Frage nach dem Zweitfach habe er spontan "Geschichte" gesagt. Das Studium verlief ohne Probleme. "Bis auf wenige Ausnahmen bin ich auf Verständnis gestoßen." Neun Semester vergingen rasch und endeten mit dem Ersten Staatsexamen. Dann ging es darum, mit Unterstützung des Schulamtes eine geeignete Stelle zu finden.

 

Für seine Arbeit benötigt er Assistenzkräfte. Dafür erhalte er ein Budget des Integrationsamtes. Fünf Assistenzkräfte arbeiten für ihn auf Minijobbasis. "Ich möchte nicht abhängig von einer Person sein." Er erwarte keine Ausbildung, nur gute Deutsch- und Computerkenntnisse. Auch eine klare Struktur ist für ihn notwendig, um die komplexe Arbeit zu erledigen. Seine Assistenten sprechen für ihn Bücher und Unterrichtsmaterialien in einen mobil nutzbaren DAISY-Player (Digitales Audioinformationssystem) auf, mit dem er sich alles beliebig oft anhören kann. Der Player ist in etwa so groß wie ein Mäppchen. Auch werden durch seine Assistenten Klassenarbeiten mit den Satzzeichen eingelesen, damit er sie sich öfters anhören und eine Bewertung abgeben kann. Beim zweiten Mal werde die Rechtschreibung korrigiert. Zum Schluss wird die Note daruntergeschrieben und im Schulportal eingetragen. In der Main-Taunus-Schule in Hofheim ist Müller allein im Unterricht. "Sonst würde sich kein Vertrauensverhältnis aufbauen. Die anderen Lehrer haben auch keine Assistenten im Unterricht, warum soll ich dann einen haben?" In seinen Stunden gibt es immer einen Schüler, der ansagt, welche Schüler sich melden. Nur zur Beaufsichtigung von Klassenarbeiten befindet sich eine Assistenzkraft im Prüfungsraum.

 

Wichtiger für ihn sei der mündliche Unterricht. Er unterrichtet ausschließlich die Oberstufe und meint, die Schüler sollten selbständig sein, ohne Kontrolle von außen, denn sie wollten ja selbst etwas erreichen, am Ende nämlich das Abitur. Er verlässt sich auf sie, verzichtet bei Ausflügen auf weitere Begleitung und gibt seinen Schülern die Orientierung in die Hände, was gut funktioniert. In der Unterstufe sei dies schwieriger, dort fehle häufig noch die nötige Selbstverantwortung. Seine größte Schwierigkeit hatte er zu Beginn damit, dem Kollegium die Unsicherheit zu nehmen. "Schüler passen sich sehr schnell an." Eher habe er anfangs mal Eltern erlebt, die unverschämt ihm gegenüber waren.

 

Immer dabei hat er sein "Pronto", ein Gerät für Blinde mit Braille-Tastatur, mit der er durch das Ertasten von kleinen Punkten lesen und schreiben kann. Er kann sich Notizen machen, hat Kalender und Taschenrechner. Dort macht er sich Anmerkungen über die mündliche Mitarbeit der Schüler. Zu seiner täglichen Herausforderung ist zunehmend die S-Bahn geworden. Inzwischen plant er, immer mindestens eine halbe Stunde früher in der Schule zu sein.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 26.01.2026, Nr. 21. S. 26 - Martin Küh, Friedrich-List-Schule, Wiesbaden

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