Mit der Band Kuhn Fu reist Christian Kühn durch Europa. Und in Hohen Neuendorf unterrichtet er Gitarre.
Die Musikschule Hohen Neuendorf in der Stolper Straße 40, nördlich von Berlin, hat einen besonderen Lehrer. Im Übungsraum für Gitarrenschüler sitzt Christian Achim Kühn, ein Mann Anfang Vierzig mit dunkelblondem Haar und Dreitagebart. Die Wände zieren Plakate von Gitarren und Akkorden. Um ihn stehen drei Gitarren, auf dem Schreibtisch ein Notebook. Kühns musikalische Reise begann früh. "Angefangen habe ich, als ich sechs war, aber klassische Gitarre, ich mochte es überhaupt nicht. Eigentlich sollte nur mein älterer Bruder spielen, aber ich wurde einfach auch mitgeschleppt." Er habe immer E-Gitarre spielen wollen, wegen Bands wie den Beatles. "Ein Freund meiner Eltern hatte mir zum Geburtstag ein 'Beatles Live in Hamburg'-Album geschenkt. Da muss ich gerade eingeschult worden sein." Das sei die Initialzündung gewesen. Er begann, sich die Alben als Schallplatten zu holen, und wollte unbedingt Rock 'n' Roll spielen. "Mit 13 konnte ich dann meine Eltern überreden, mir eine E-Gitarre zu kaufen und Unterricht zu nehmen." Früher wäre sein Vater dagegen gewesen, da für ihn nur klassische Musik zählte. Inzwischen habe sich seine Meinung aber geändert. Seitdem spielt Kühn Rock, hat sich jedoch in die Jazz-Richtung weiterentwickelt. "Ich sehe mich noch immer als Rockgitarrist, nur dass ich jetzt auch Jazzmusiker in der Band habe, Noten schreiben kann und Musik für eine Horn Section arrangiere. Das habe ich durch den Jazz gelernt." Seine 2012 gegründete Band "Kuhn Fu" entstand, während Kühn in Holland Jazz-Gitarre und Komposition studierte. Gitarrenlehrer sei er dann eher durch einen Zufall geworden. "Ich habe in einem Hotel in Berlin als Nachtportier gearbeitet, wurde da aber gefeuert, weil ich zu oft weg war. Der Hotelbesitzer war nebenbei Gitarrenlehrer, und als er zur selben Zeit in Rente ging, habe ich seinen Job als Gitarrenlehrer in Hohen Neuendorf übernommen."
Kuhn Fu hat sich dem Jazz verschrieben. Im Kern bestehe die Band aus "Ziv Taubenfeld an der Bassklarinette, Esat Ekincioglu am Kontrabass, Lav Kovac am Schlagzeug und natürlich mir selbst". Das sei die Rhythm Section. Hinzu kommen, je nach Belieben, noch Bläser wie Saxophon, Klarinette, Posaune oder Trompete. Welche Instrumente jeweils mitspielen sollen, entscheidet Kühn von Fall zu Fall. "Das ist zwar Arbeit, aber das geht." Mit seiner Band ist er seit 2015 europaweit unterwegs. Kühns Komposition "Tantalos", die er mit seiner Band einspielte, war 2023 für den Deutschen Jazzpreis in der Sparte "Komposition" nominiert. Meistens touren sie durch Jazzclubs in Deutschland, Tschechien und Österreich. Ihre längste Tour dauerte drei Wochen und führte bis nach Sofia. Bei Clubs sei man mit 50 bis 100 Personen "gut dabei, dann fühlt sich der Laden nicht leer an". Auf einem Festival sind es eher ein paar Hundert Leute. Der "Peak" sei ein Festival mit knapp 1200 Zuhörern gewesen.
Den Tagesablauf auf einer Tour beschreibt Kühn knapp: Um 17 Uhr gibt es einen Soundcheck im Club, dann gibt es Abendessen, und von 20 Uhr bis 22 Uhr wird gespielt. Zwischendrin gibt es eine Viertelstunde Pause, und im Anschluss "trinkste 'n Bier". Die Planung einer Tour beginne etwa ein Jahr vorher. Es werde eine Festgage verhandelt, unabhängig von der Gästezahl. Das sei anders gewesen, als er noch Rockgitarrist war. Zur Gage hinzu komme das bandeigene Merchandise, zum Beispiel T-Shirts und CDs. Die Kosten für Hotel und Verpflegung werden vom Veranstalter übernommen. Die Reisekosten muss die Band aus eigener Tasche bezahlen. Die Band hat einen Kleinbus, in dem sie auch ihre Instrumente transportiert.
Obwohl Kühn allein lebt, sei er auf den Unterricht und die Konzerte angewiesen. "Das ist eine Symbiose. Die Ferien sind beim Gitarrenunterricht nicht bezahlt." Bereut er seinen Berufsweg? "Nein! Musik ist das Beste!" Am wichtigsten sei die Harmonie der Band. "Man braucht Leute, die sich gut vertragen."
Besonders gefalle ihm, dass er neue Orte kennenlerne, wenn er auf Tour sei, und dass er mit seinen guten Freunden unterwegs sein könne und mit ihnen die Musik spiele, "die ich mir zu Hause ausgedacht habe, dadurch wird sie auch geformt". Was er nicht so gerne möge, sei etwas, das über die Jahre hinweg durch die laute Musik entstanden sei. "Auf den Tinnitus, den ich jetzt habe, könnte ich schon verzichten."