Tanja Landtwing ist Hockey-Goalie in der Schweiz
Tanja Landtwing schlüpft in ihre schwere Goalie-Rüstung. Sie legt Schienbeinschoner, Helm und Brustpanzer an. Die Flutlichter strahlen, und der Geruch von feuchtem Kunstrasen liegt in der Luft. "Einfach mal ausprobieren, man hat ja nichts zu verlieren", erinnert sich die Dreiundzwanzigjährige an das Jahr 2015, als sie zum ersten Mal für ein Kick-off der Schweizer Landhockey Nationalmannschaft eingeladen wurde. Ein erstes Treffen, bei dem Spielerinnen getestet werden. Landtwing arbeitet als diplomierte Pflegefachfrau im Kinderspital Zürich und steht als Torhüterin zwischen den Pfosten, in der ersten Damenmannschaft des Grasshopper Club Zürich (GCZ).
Mit jedem Schritt hört man das Knirschen der Rüstung. Durch den Helm sieht man nur ihre Augen. Tanja trainiert seit 19 Jahren. "Immer bei GCZ, seit Tag 1." Kleine Schweißtropfen zeichnen sich auf ihrer Stirn ab. Immer wieder springt sie von einer Seite zur anderen und kratzt die weißen Kunststoffbälle kurz vor der Linie aus dem Tor. Schon seit dem Kleinkindalter steht sie auf dem Platz. Mit vier Jahren wurde sie offizielles Mitglied des Zürcher Landhockey Clubs. Der Sport wurde ihr praktisch in die Wiege gelegt. Ihr Vater, selbst ein erfolgreicher Torwart, ihr Bruder, der aktuell als Feldspieler in der ersten Herrenmannschaft des Zürcher Clubs spielt und ebenfalls ein erfolgreicher Nationalspieler ist, und die Mutter, die sie als Managerin und Juniorenverantwortliche stets unterstützte. Das prägte Tanja und legte den Grundstein für ihre Hockeykarriere.
"Gerade durch die Nationalmannschaft ist wieder mehr Bewegung reingekommen", meint Tanja. Frauen hätten dadurch mehr Chancen auf eine erfolgreiche sportliche Karriere. Die Unterschiede zwischen Frauen- und Männerhockey seien für sie im Alltag aber immer spürbar - sowohl auf dem Feld als auch daneben. Oft gehe es einfach um das Ansehen. "Frauenhockey wird manchmal halt einfach runtergeredet. Man kann Frauen und Männer einfach nicht 1:1 vergleichen - es ist ein anderer Stil, nicht ein schlechterer." Zudem würden auch biologische Faktoren eine Rolle spielen. Der weibliche Zyklus beeinflusse die Leistungsfähigkeit, was im Sportalltag oft kaum thematisiert wird. "Die Mens-schmerzen können manchmal heftig sein, das ist definitiv ein Nachteil gegenüber Männern", sagt sie offen.
Neben den körperlichen Unterschieden machen die Mädchen im Juniorenalter ganz andere Erfahrungen mit Benachteiligung. Da Mädchen oft in der Unterzahl sind, werden ihre Bedürfnisse übersehen. Bevor Tanja mit 17 Jahren dem Damenteam beigetreten ist, spielte sie in Juniorenteams, die stets geschlechtergemischt waren. "An Turnieren oder Spieltagen war es für uns Mädchen, vor allem, da ich die einzige war, in meinem Team damals, oft schwierig, überhaupt eine freie Garderobe zu finden", erzählt Tanja, während sie ihre schwere Goalie-Tasche nach dem Training im Heizungskeller verstaut.
Besonders der Zusammenhalt im Team gebe ihr Kraft. "Wir gewinnen und verlieren gemeinsam, das macht es aus." Ein Moment, der für sie unvergesslich bleibe, sei gewesen, als sie mit 17 Jahren als jüngste Torhüterin mit dem nationalen Damenkader in der ersten Liga bei einer Europameisterschaft teilgenommen habe. Auch wenn das Turnier für sie nicht super geendet habe, da sie daraufhin eine Liga abgestiegen sind, habe sie jede Sekunde davon genossen. "Das war ebenfalls ein bedeutender Moment in meiner Karriere", erzählt sie, als sie zur besten Torhüterin der U-21-Europameisterschaft in Luzern gewählt wurde. Da sie fast immer das einzige Mädchen war, profitierte sie schon früh davon, gegen starke und schnelle Jungs zu spielen.
"Oftmals spiele ich gerne mal den Gruppenclown und bringe ab und zu einen Spruch. Ich finde, es ist sehr wichtig, den Spaß im Team und am Sport zu erhalten." Der Zusammenhalt bedeute ihr viel. "Je größer die Gruppe, desto cooler." Besonders wichtig war dieser Zusammenhalt für Tanja, als sie sich vor mehreren Monaten eine Verletzung am Handgelenk zuzog. "Am Anfang ist man immer sehr frustriert - es gibt in diesem Moment nur Hockey." Mit der Zeit habe sie sich an den hockeyfreien Alltag gewöhnt. "Freunde und Familie müssen oft an zweiter Stelle stehen." Trotzdem versuche sie, das Positive zu sehen. Ihr natürlicher Bewegungsdrang sei immer spürbar.