Louisa Dellert wurde als Influencerin erfolgreich. Dann kam ein Burnout. Heute schenkt sie Kaffee ein.
Breathe in, breathe out, drink coffee & read books." Die neongrünen Buchstaben leuchten auf der Fensterscheibe direkt neben dem Eingang des Buchcafés. Wobei "Breathe out" spiegelverkehrt und nur von innen zu lesen ist. Louisa Dellert sitzt auf einem pinkfarbenen Stuhl, neben ihr ein großer Büchertisch. Im Hintergrund läuft entspannte Musik. "Sisu Lou" heißt das Café, das im November 2024 in Braunschweig eröffnet wurde. "Sisu" für "Sinnsuche", "Lou" für ihren Spitznamen. "Nach dem Burnout 2023, als es mir nicht so gut ging, hat das einfach gut gepasst", sagt die Influencerin, der auf Instagram mehr als
670.000 Menschen folgen.
Die steile Karriere der gebürtigen Hornburgerin beginnt unverhofft. Nach dem Abitur 2009 an einem Wolfenbütteler Gymnasium und ihrer Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation gewinnt Instagram rasch an Popularität. "Instagram war gerade neu, und ich habe da einfach so gepostet, was ich an Sport gemacht und wie ich abgenommen habe." Ihre Tätigkeit als Bürokauffrau gibt die heute Sechsunddreißigjährige deshalb nicht gleich auf. "Influencer gab es damals nicht, das war just for fun, ohne den Hintergedanken, damit Geld zu verdienen. So wie du und ich uns in irgendwelchen Apps anmelden, habe ich mich damals angemeldet." Dellert fährt sich durch ihr langes blondes Haar. Mit ihren Videos zu Fitnessübungen und Ernährung erreicht sie schnell eine breite Masse, sodass sie sich 2015 als Influencerin selbständig macht. Zusätzlich erwirbt sie eine Trainerlizenz und arbeitet nebenberuflich in einem Fitnessstudio. Doch mit dem schnellen Erfolg zeigt sich 2017 die Kehrseite der Medaille. "Irgendwann war ich sehr dünn, hatte eine Essstörung und eine Sportsucht, sodass ich das nicht mehr weitermachen konnte." Dellert muss sich zudem am Herzen operieren lassen, ihre sportlichen Aktivitäten einschränken. Von diesem Zeitpunkt an habe ihr Interesse am Sport nachgelassen.
Die Inhalte ihres Instagram-Kanals stellt sie daraufhin auf den Kopf. Fitness ist passé, fortan geht es um Feminismus, Selbstliebe und Nachhaltigkeit. "Ich bin älter geworden, wurde mit anderen Dingen konfrontiert und habe dann angefangen, mich mit diesen zu beschäftigen." Ihre Themenauswahl habe sich jedoch nie danach gerichtet, was jeweils im Trend sei. Was sie auch macht, bei ihrer Community kommt es an. Warum das so ist? Damals habe sie
davon profitiert, Teil der ersten Influencer-Generation gewesen zu sein. Das machte es einfacher, Reichweite zu gewinnen. Sie sei sich nicht sicher, ob das heute noch mal funktionieren würde. Und: "Ich kann von mir behaupten, dass ich im Internet so bin wie auch in meinem privaten Leben. Wenn das das Geheimrezept ist, wäre das eigentlich schlimm."
Ihre Reichweite wuchs weiter, 2020 zieht es sie von Braunschweig nach Berlin. Weil auch tagespolitische Themen eine immer größere Rolle auf ihrem Kanal einnehmen, führt sie Gespräche mit Spitzenpolitikern wie Annegret Kramp-Karrenbauer, Robert Habeck oder Lars Klingbeil. Zusätzlich berät sie Unternehmen hinsichtlich Social Media und moderiert die NDR-Sendung "deep und deutlich", eine Talkshow für junge Leute. In Berlin wollten viele "irgendwas von mir, man wird auf der Straße erkannt, auf Events eingeladen", schwelgt sie in Erinnerungen. Sie hat eine angenehme Stimme. Was viel klingt, wird irgendwann zu viel. Dellert erleidet einen Burnout, verlässt Berlin und zieht zurück nach Braunschweig. "Man kommt dort einfach nicht zur Ruhe. Ich wollte wieder in meinen eigenen vier Wänden sein." Wie sie dann abschaltet: offline sein. Abends lesen. Im Wald spazieren gehen.
Und natürlich durch ihr Buchcafé. "Ich habe keinen Bock mehr, den ganzen Tag am Handy zu daddeln und im Internet zu sein." Außerdem trinke sie gerne Kaffee und lese Bücher, die perfekte Kombination für ein Buchcafé, das sie als ihr zweites Zuhause bezeichnet.
Zusätzlich sei es eine optimale Gelegenheit, um wieder offline zu arbeiten. Ihre blauen Augen leuchten. Das Café liegt an einer kleinen Kreuzung im Östlichen Ringgebiet Braunschweigs, einem beliebten Stadtviertel. Gegenüber befinden sich ein Szenelokal und eine unter Studenten beliebte Spielekneipe. Auf dem Bürgersteig vor einem der großen Schaufenster lädt eine gemütliche Sitzecke im Sommer zum Verweilen ein. Kurz vor dem Eingang steht ein beschrifteter Spiegel. Darauf steht: "This cutie needs a book". Betritt man das Café durch die Glastür, befindet sich rechts der Sitzbereich und die Kaffeetheke, hinter der Dellert gemeinsam mit ihrem Freund Markus Ehrlich und einer weiteren Angestellten von Dienstag bis Samstag ihren Gästen Kaffee, Tee und kleine Leckereien anbietet. Mit dem Siebenunddreißigjährigen ist sie seit vier Jahren zusammen und zeichnete ihren vor eineinhalb Jahren eingestellten Podcast "Lou" mit ihm auf. Ehrlich arbeitet, wie sie, Vollzeit im Café. "In das Café investiere ich von morgens acht bis abends 18 Uhr Zeit", sagt Dellert. Instagram nehme inzwischen nur eine Dreiviertelstunde ein. Ihre Abonnenten bekämen trotzdem nahezu täglich Storys, mehrmals die Woche einen kurzen Beitrag. Jeden Tag erhalte sie viele Anfragen für Interviews oder Kooperationen. Für ihren Podcast bleibe dadurch kaum mehr Zeit übrig. Generell habe sie durch ihren Burnout und die trubelige Zeit in Berlin gelernt, häufiger Anfragen abzulehnen.
Die Bücher, die im "Sisu Lou" verkauft werden, befinden sich links von der Kaffeetheke. Man läuft direkt auf sie zu. Ihr sei wichtig, dass es nicht so viele Bücher wie in einer großen Buchhandlung gibt, sodass man nicht überfordert wird. Die Auswahl spiegele sie selbst wider. Man findet vor allem feministisch geprägte Werke, belletristische Romane, Sachbücher und Lesestoff, der sich mit Rassismus befasst. Auch eines ihrer absoluten Lieblingsbücher, "Die Wand" (1963) von Marlen Haushofer, findet sich dort. Man könne aber
auch Bücher bestellen. "Hier steckt halt viel Lou drin, das scheint aber auch in vielen drinzustecken, weil die Auswahl voll gut ankommt." Außerdem sei ihr wichtig, den Fokus nicht auf Bestseller zu legen, "weil andere Bücher ebenfalls Aufmerksamkeit bekommen sollen". Hin und wieder wird das "Sisu Lou" für Veranstaltungen genutzt. Die für Dellert wichtigen Themen werden dann aufgegriffen. Zuletzt war das "Spielfeld Gesellschaft" zu Gast. Eine Organisation, die sich mit der Nutzung von Alltagssprache beschäftigt, gesellschaftsrelevante Themen bespricht und die Demokratie stärken möchte.
Wo der Blick auch hinfällt, fast überall findet man grüne Pflanzen. In dem Café steckt viel Liebe zum Detail. Aphorismen, die zur Selbstliebe auffordern, sind keine Seltenheit. Für die 1,65 Meter große Inhaberin sei es wichtig, dass ihre Gäste sich wohlfühlen, "dass sie hier reinkommen, abschalten und so sein können, wie sie sind". Mittlerweile, so habe sie das Gefühl, kommen die Leute nicht nur ihretwegen, sondern hauptsächlich wegen der Bücher und des Kaffees. "Klar sagen dann auch welche: 'Hey Lou, schön dich zu sehen'." Am Herzen liegt ihr nicht nur der gemeinsame Austausch über Literatur, sondern auch, dass Menschen mit mentalen Problemen im Café wahrgenommen werden. So gibt es eine Ecke für mentale Gesundheit mit dem "Sisu Lou"-Tagebuch. Besucher, denen es so geht, wie es ihr einmal ging, können ihren Stress, wie in der Kommentarspalte auf Instagram, anonym in einem physischen Buch loswerden. Und auch wenn sie selbst nicht mehr ständig daran denke, begleitet Dellert ihre Gäste gern auf der Suche nach dem Sinn des Lebens.
Gedanken über die Zukunft macht sie sich nicht. "Im Moment ist es das Ziel, dass es hier weiterhin läuft, dass wir noch mehr Veranstaltungen machen und immer mal wieder unsere Kaffee-Auswahl wechseln und neue Bücher in unser Sortiment aufnehmen. Weiter denke ich gerade gar nicht, weil mich das sonst wieder stressen würde." Was dagegen hilft, hat sie stets vor Augen: einatmen. Ausatmen. Kaffee trinken. Und natürlich lesen.