Sie hassen glatte Niederlagen

Drei Schweizer Nachwuchstalente im Eishockey verschwenden keine Zeit

Die schwere Tür fällt ins Schloss. Ein kalter Luftstoß kommt einem entgegen. Das Eis ist spiegelglatt. Die Swiss Life Arena in Zürich bietet Platz für 12.000 Zuschauer. Das riesige Stadion ist den drei Nachwuchstalenten vertraut. Sie flitzen mit atemberaubender Geschwindigkeit übers Eis, räumen sich den Weg frei, alles im Teamwork, zum Ziel, dem Tor. Die große Uhr zählt die Sekunden, der Puck fliegt übers Eis, bis er mit einem lauten Knall an die Plexiglasscheibe knallt. Der 16-jährige Robin Bausch steht im Tor des Eissportvereins (EV) Zug. Seine Haare stehen lockig ab. Auch Gian Lamprecht, Verteidiger im Nachwuchs der ZSC Lions, und der großgewachsene Noel Bosshard, Stürmer bei Kloten, sind 16 Jahre alt. Alle drei waren in diesem Jahr bei der Nationalmannschaft dabei, feierten schon andere Erfolge und machen alles für ihren Sport. "Um bei der Nationalmannschaft mitzuspielen, muss man sich jede Saison beweisen", sagt Noel. "Früher spielten wir für dasselbe Team, nun sind wir Konkurrenten."


Die Opfer, die gebracht werden, stundenlanges Training, ewig lange Theorielektionen, intensives Krafttraining, aber auch die mentale Weiterentwicklung, wären nicht möglich ohne Unterstützung. Durch die Eltern, Freunde, Familie, aber auch in der Schule. Die drei machen eine Sportlehre, sie kombiniert eine berufliche Ausbildung mit dem Spitzensport. KV steht für "kaufmännische Ausbildung", das ist eine der beliebtesten Berufslehren in der Schweiz, vergleichbar mit der Ausbildung zum Industriekaufmann in Deutschland. Sie ist an die Bedürfnisse von Leistungssportlern angepasst. Die Ausbildung dauert in der Regel vier statt drei Jahre, damit genügend Zeit für den Sport bleibt. Am Ende verfügen die Jugendlichen über ein eidgenössisches Fähigkeitszeugnis (EFZ) als Kaufmann.


Neben den beiden Ligaspielen haben sie etwa 12 bis 13 Stunden Training in der Woche. "Man merkt, dass man nicht so viel Schule hat, die Basics halt", sagt Gian fröhlich. "Ich beklage mich nicht." Robin, der, seit er 15 ist, in einem Sportinternat wohnt, sagt, dass er gerne seine Freizeit fürs Hockey opfert. "Ich bin durch meine Familie zum Eishockey gekommen, es ist schon fast eine Tradition, sogar meine Mutter spielte", erzählt Gian. Seine Mutter spielte auf hohem Niveau. Jedoch sei es nicht so einfach im Frauenhockey. "Dort gibt es viel zu wenig Möglichkeiten. Es fängt schon damit an, dass der Nachwuchs im Fraueneishockey viel zu klein ist, im Gegensatz zu den Männern. Die erste Profiliga in den USA wurde erst 2015 gegründet." Robin meint auch, dass es "unattraktiver" erscheint, da man zum Beispiel nicht auf den Körper spielen dürfe. Das gezielte Einsetzen des Körpers bei Bodychecks sei verboten.


In der Luft liegt der Geruch von Schweiß und Männer-Deo. Aus den großen Boxen dröhnt Musik, in der geräumigen Garderobe herrscht pures Chaos. Die Spielvorbereitung ist im vollen Gang. Rituale gehören dazu. "Vor jedem Spiel und Training binde ich meinen Stock neu ein mit speziellem Tape. Niemand darf dann den neu eingebundenen Stock berühren, sonst muss ich ihn nochmals eintapen", erklärt Noel. Es gibt noch andere Rituale. Etwa der Ruf, der in der Garderobe vor dem Anpfiff von allen synchron gebrüllt wird. Bei den ZSC Lions wird vom Captain mit "mir sind" angefangen, danach ruft das restliche Team "züri". In Kloten wird von allen "flyers on free, one two three flyers" gerufen. Beim EV Zug ist es ein simples "Ahoi". Eishockey ist extrem physisch, mit viel Körperkontakt. "Aber Eishockey ist auch ein mentaler Sport. Wir bekommen Hilfe von einem Mental-Coach", sagt Robin. In diesen Sitzungen spricht man viel darüber, was einen belastet oder ob man unter starkem Druck steht. Oft bekommt man Übungen, die man konsequent machen muss, etwa spezielle Atemübungen, das Visualisieren von etwas oder das Lösen von mentalen Blockaden. Bei der Frage, ob sie gut verlieren können, schmunzelt Robin: "Wenn ich meine Leistung nicht bringen kann, kann ich auch nicht verlieren." Gian sieht es positiv: "Für die Entwicklung sind die schlechten Matches wichtig." Noel meint unmissverständlich: "Nein, ich kann nicht verlieren." Die drei haben ein klares Mindset, an dem sie sich festklammern. "Ich schaue nur auf mich und meine Leistung, man muss abhaken können", sagt Robin. Noel überlegt und erklärt lässig: "Ich will einfach der Beste sein." Gian entgegnet wie aus der Pistole geschossen: "Ich bin eine ehrgeizige Person, ich will gewinnen. Es gibt viele Talente, doch das Talent genügt nicht. In unserem Kraftraum gibt es einen Spruch: ,Hard work beats talent every time if talent doesn't work hard.'" Mit der vielen Arbeit kommen die Erfolge. Viel Freizeit bleibt nicht. Gian wurde mit seinem Team diese Saison Schweizer Meister. "Es isch u krass gsi, man hat so viel geopfert." Sein eigenes Land zu vertreten sei eine große Ehre, sprudelt es aus Robin heraus. "Mit der Ehre kommt aber auch der Druck." Noel erzählt stolz. "Ich war in der Nationalmannschaft Assistenzkapitän und wurde dann noch zum Best Player nominiert." Erfolge sind großartig, aber es gibt auch Rückschläge. Verletzungen können schnell die Karriere zerstören. In dieser Saison verletzte sich Noel in einem Match. Bei einem Bodycheck hat er sich das Schlüsselbein gebrochen. "Es ist schon scheiße, plötzlich hat man seinen Sport nicht mehr, ich wusste gar nicht, was ich mit meiner Zeit anstellen sollte."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 29.09.2025, Nr. 226, S. 26 - Elenja Rüegg, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

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