Die Portugiesin Inês Ramos arbeitet als Simultandolmetscherin in Brüssel
Die Europäische Union hat 27 Mitgliedstaaten und 24 Amtssprachen. Da kann Kommunikation schnell zum Problem werden. Damit das nicht passiert, gibt es Personen wie Inês Ramos. Die 54-Jährige machte 1988 ihr Abitur an der Deutschen Schule zu Porto. Dort lernte sie Deutsch, Englisch und Französisch, drei der sechs Sprachen, die sie in Brüssel ins Portugiesische dolmetschen kann. An der Faculdade de Letras der Universität Porto hat sie Germanistik und Anglistik studiert. "Ich war sprachbegeistert, aber ich wollte nicht Lehrerin werden. Ich ahnte, dass ich nicht in der Lage wäre, undisziplinierte Schüler zu beherrschen und die Lerninhalte in einer Klasse mit 30 Schülern adäquat zu vermitteln." Als sie eine Übersetzungsmesse in Lissabon besuchte, entdeckte sie den Beruf der Simultandolmetscherin, für sie der "allerschönste Beruf der Welt". Zwischen 1993 und 1997 hatte sie zunächst als freie Übersetzerin gearbeitet, vor allem für Anwaltskanzleien. 1998 wurde sie freie Simultandolmetscherin, zwei Jahre später EU-Beamtin und lernte drei weitere Sprachen: Niederländisch 2003, Italienisch 2005 und Spanisch 2007. Als Ramos EU-Beamtin wurde, konnte sie zwischen Dänisch, Schwedisch und Niederländisch wählen, da diese Sprachen noch nicht in der portugiesischen Kabine gesprochen wurden. Sie wählte Niederländisch, da sie ja in Belgien lebte. "Man muss nicht die Sprache sprechen können. Man muss sie nur verstehen und in unsere Aktivsprache dolmetschen können."
Der Unterschied zwischen Dolmetschen und Übersetzen sei vielen nicht bewusst. "Dolmetschen ist mündlich, Übersetzen ist schriftlich." Beim Simultandolmetschen, was von ihr am häufigsten verlangt wird, sitze man in einer Kabine und spreche sofort in ein Mikrofon, was der Redner sagt. Beim konsekutiven Dolmetschen halte der Redner seine Rede, und der Dolmetscher gebe dann das wieder, was der Redner gesagt hat. Hier sei man freier, da man die Rede verkürzen könne, ihre Struktur dürfe nicht geändert werden. "Man darf so viel kürzen, bis man Unwichtiges wegbekommen hat, zum Beispiel gleichbedeutende Adjektive." Diese Art des Dolmetschens komme oft bei bilateralen Sitzungen zwischen Delegationen vor. Die dritte Form ist "Chuchotage" oder auch "Flüsterdolmetschen". Dabei wird das, was der Redner sagt, direkt dem Zuhörer eingeflüstert.
Pressekonferenzen seien schwierig. "Wir haben manchmal sehr wenig Ahnung vom Thema und keine Ahnung von den Fragen der Journalisten, folglich auch keine Ahnung vom Hintergrund bezüglich der Antworten. Manchmal passieren auch Fehler, etwa bei Zahlen, aber fast immer merkt es ein Kollege sofort, und der Fehler wird korrigiert." Bei Sitzungen mit mehr als sechs Sprachen sitzen immer drei Dolmetscher in einer durchsichtigen Kabine. "Wir müssen das Gesicht des Redners sehen können, weil die Mimik und Gestik, und auch die Sprechpausen, den Sinn einer Aussage ins Gegenteil verkehren können." Einer dolmetscht am Mikrofon, die beiden anderen hören zu, oder sie holen Wasser und Kaffee für den Kollegen. Sie wechseln sich jede halbe Stunde ab. Manchmal passiere es auch, dass man den An-Knopf nicht drückt, vor allem, wenn man müde ist. "Die Delegation schaut uns dann sehr enttäuscht an, weil sie uns nicht hören kann."
Dolmetschen erfordere Multitasking auf höchstem Niveau. Während man zuhört, analysiert man das Gesagte, überträgt es in eine andere Sprache und formuliert zeitgleich die passende Botschaft in der Muttersprache. "Man ist eine gute Dolmetscherin, wenn man während einer Rede eine Pause machen kann, etwa um nach Kaffee zu fragen oder zu husten, und der Hörer dabei nicht merkt, dass es eine Pause gab." Ramos spricht schnell, was damit zusammenhänge, dass man als Dolmetscher oft möglichst schnell das Gesagte wiedergeben müsse, damit man mehr Zeit hat, um an den nächsten Satz zu denken. Es fällt auf, dass sie die Fragen, die man ihr stellt, äußerst schnell begreift.
Besonders gern dolmetscht sie vom Deutschen ins Portugiesische. Ihre Lieblingsrednerin war Angela Merkel. "Frau Merkel hat eine deutliche Aussprache und eine klare Redestruktur, was das Ganze viel einfacher macht." Redner, die Ramos nicht gerne dolmetscht, seien Rechtsextremisten. Zu Beginn ihrer Karriere befürchtete sie "Naziparolen von Jörg Haider" dolmetschen zu müssen. "Glücklicherweise ist es nie zu solch einer extremen Situation gekommen, aber ich fürchtete mich sehr davor." Da sie ja nicht in indirekter Rede dolmetsche, füge sie in solchen Fällen oder bei beleidigenden Ausdrücken ab und zu, sozusagen in Parenthese, ein "sagt der Redner" hinzu, und sie mache die Geste einer Klammer.
Einfache Sprachkenner, die spezialisierte Kenntnisse aus anderen Bereichen besitzen, seien oft besser als Sprachexperten. Manche Simultandolmetscher haben nicht einmal Dolmetschen studiert, sondern Architektur, Maschinenbau oder anderes. Ramos lebt in Brüssel. "Brüssel ist eine wunderbare Stadt, man muss sie nur wirklich entdecken wollen."