So ein Theater um die Kleidung

Die Oper Zürich hat einen erhöhten Stoffwechsel. Mittendrin, Kostümdirektorin Verena Giesbert.

Es ist Mittwoch Nachmittag, die Bühnenpforte des Opernhauses Zürich summt wie ein Bienenstock. Mitarbeiter wuseln durchs Treppenhaus, Wortfetzen in Italienisch, Deutsch und anderen Sprachen hallen ihnen nach. In der Ferne ertönt Operngesang. Einige Gänge weiter wird mit Nadel und Faden gearbeitet - in der Welt der Kostüme. Dort wimmelt es von Farben und Stoffen aller Art. Kostümbildner arbeiten konzentriert an Kleidungsstücken. Es riecht nach frisch gebügelten Stoffen, handwerkliches Surren erfüllt die Luft. Mitten in diesem geordneten Chaos, etwas versteckt in einem kleinen Büro, sitzt die Kostümdirektorin Verena Giesbert. Die Fünfundsechzigjährige arbeitet seit 30 Jahren am Opernhaus. "Die Zeit geht schnell vorbei", schmunzelt sie.

 

Eigentlich habe sie Kunst studieren wollen. Aber sie fand bald heraus, dass ihre Leidenschaft in der handwerklichen Arbeit liegt. Eine Weile arbeitete sie als Schneiderin in einem Haute-Couture-Atelier. Dann absolvierte sie eine Ausbildung zur Gewandmeisterin in Hamburg an der Fachschule für Gestaltung. Eine Gewandmeisterin ist für die fachgerechte Umsetzung der Entwürfe der Kostümbildner verantwortlich. Sie arbeitete in Bonn, Berlin, Bayreuth, Brüssel und Bremen. "Ich suchte eine Arbeit, die mir auch sinnvoll erschien, und so war das Theater naheliegend." Für sie liege der Sinn der Oper darin, dass sie es Menschen ermögliche, gesellschaftliche und historische Phänomene nicht nur zu sehen, sondern zu spüren. Sie sei überzeugt, dass man sich durch das Einfühlen in Figuren oft ein tieferes Verständnis aneigne - auch dann, wenn nicht jedes noch so aufwendig gearbeitete Detail wahrgenommen wird. "Das Theater ist immer ein offener und toleranter Ort, in dem aussterbende Berufe am Leben gehalten werden."

 

Inzwischen ist Giesbert vor allem organisatorisch tätig. Das heißt aber nicht, dass ihr Arbeitstag nur aus Büroarbeit besteht. "Das Typische ist, dass es keinen typischen Tag gibt", sagt sie und rückt ihre Brille zurecht. "Natürlich nimmt einen zeitlich großen Raum die Arbeit am Computer ein, aber ich bin auch viel im Haus unterwegs, zu Anproben, Bühnenproben, Meetings, Kostümbesprechungen."

 

110 Personen stehen unter ihrer Leitung. Darunter Herren- und Damenschneider, Maskenbildner, Hutmacher, Schuhmacher und viele mehr. "Kostüme sind sehr arbeitsintensiv und detailreich in der Herstellung, vor allem historische Kostüme." Giesbert ist auch für das Budget verantwortlich. Das Jahresbudget der Kostüme betrage im Verhältnis zu den Personalkosten nur einen sehr kleinen Bruchteil. Sie streicht sich die braunen Haare glatt und holt einen übervollen Ordner aus dem Regal, aus dem sie eine detaillierte Skizze eines eleganten Kleids herauszieht. Die Details bilden ein feines Muster. "Auf dem Papier ist es hübsch", sie tippt mit dem Finger auf die Skizze, "aber die komplizierten Details erfordern viele Materialien und Stoffe. Das kostet viel Geld, und die Kosten sind manchmal definitiv nicht hübsch." Giesbert muss auch Konflikte lösen. "Manchmal können die Wünsche der Kostümbildner den Wünschen der Sänger widersprechen." Kostüme seien für die Künstler etwas sehr Emotionales. Wenn sie sich nicht wohlfühlen, dann können sie nicht ihre volle Leistung bringen. Aber das Design der Kostümbildner möchte man auch respektieren. "Oft ist Einfühlungsvermögen gefragt. Konflikte gibt es nicht oft, aber Prozesse fast immer." Giesbert trägt die Verantwortung dafür, dass die 1500 Kostüme für die zwölf bis 15 Premieren im Jahr rechtzeitig fertiggestellt sind und den Maßen der Künstler entsprechen. Wenn die Vorführungen fertig sind, werden die Kostüme im Repertoirehaus aufbewahrt und können jahre- bis jahrzehntelang genutzt werden.

 

"Es kommt regelmäßig vor, dass Kostüme noch kurzfristig angepasst oder gar neu gemacht werden müssen." Dafür gibt es die Wiederaufnahmen-Abteilung für Schnellreparaturen und Ersatzbeschaffungen. Wenn während der Proben ein Kostüm kaputtgeht oder ein komplett neues gebraucht wird, weil eine schnelle Umänderung zu aufwendig wäre, ist das kein Problem. Läuft das Stück aber schon, ist das eine andere Geschichte. Es komme oft vor, dass jemand krank wird. Findet das Haus eine Vertretung, muss das Kostüm angepasst werden - oft in kürzester Zeit. Dann arbeiten bis zu vier Personen an einem Kostüm und tun alles, um es vor 19 Uhr fertigzustellen. "Der Beruf Schneiderin ist frauendominiert. Es ist aber schön zu sehen, dass sich in den letzten Jahren auch immer mehr Männer für diesen Beruf entscheiden." Falls eine Anpassung zu aufwendig ist, muss im riesigen Fundus des Opernhauses gestöbert werden, um etwas zusammenzubasteln. "Mein schlimmstes Erlebnis war, als bei einer Premiere von Don Pasquale eine neue Mitarbeiterin zwei Kostümwagen mit den Herrenchorkostümen aus Versehen in den Fundus nach Oerlikon schickte. Kurz vor der Premiere waren die Kostüme nicht auffindbar." All das hört sich nach einer Menge Druck an. Sie betrachtet es anders. "Man sieht es nicht als Stress an, es ist spannend. Unter dem ganzen Zeitdruck kann man beweisen, dass man es tatsächlich kann. Manchmal macht es sogar wahnsinnig Spaß." Sie betont, dass die Arbeit an Kostümen immer ein Gemeinschaftswerk ist. "Erst durch das Zusammenspiel von Schneidern, Hutmachern, Kostümbearbeitern, Maskenbildnern, Einkäufern und vielen mehr entsteht das Gesamtkunstwerk, und wir sind wieder nur ein Teil von einem noch größeren Gesamtkunstwerk." Ein Highlight sei die Kostümhauptprobe. Dort kommen Bühnenbild, Musik, Künstler wie Sänger und Tänzer zum ersten Mal in Kostüm und Maske zusammen.

 

"Ich bin bei vielen Anproben dabei. Da entwickeln sich freundschaftliche Beziehungen und schöne Begegnungen." Zum Thema "Stolz" meint sie. "Ich gehöre vielleicht zu einer Generation, in der Stolz ziemlich fremd ist. Das Theater ist eine Gemeinschaftsarbeit, hier erreicht man nichts allein."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 15.09.2025, Nr. 214, S. 26 - Jade Jeanbourquin. Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

zurück