Seit gut 60 Jahren gibt es den Wettbewerb Jugend musiziert. Auch die Deutschen Schulen im Ausland nehmen daran teil. Vom Landeswettbewerb in Porto.
Am Ende der letzten Strophe, unter dem Applaus des Publikums springt der vierzehnjährige, ganz in Schwarz gekleidete Junge euphorisch von der Bühne in die Mitte des Publikums. "Woooh!", jubelt Lucas Moreno Castro und reißt beide Arme in die Luft. In der rechten Hand hält er die Geige hoch. Der Schüler der Deutschen Schule Sevilla beschließt in der Kategorie "Jumu open" mit sechs Mitschülern den Landeswettbewerb Jugend musiziert, der im März 2024 in Porto stattfand. Jugend musiziert ist ein seit 1964 in Deutschland ausgetragener Wettbewerb. Lucas ist einer der sechs- bis einundzwanzigjährigen Teilnehmer, die Musikprogramme in über 70 unterschiedlichen Wertungskategorien vor Jurys spielen, von Solos über Duos und Ensembles bis hin zu "Jumu open", wo man sein eigenes gesamtkunstartiges Konzeptstück erfindet. "Wir können für den Bundeswettbewerb in Lübeck noch an der Feinabstimmung zwischen Klavier und Cello arbeiten", sagt der Violoncellist Hugo Katime Terstiege, der zusammen mit Rodrigo Eusamio einen ersten Preis in der Kategorie "Klavier und Streichinstrument" gewonnen hat. Die beiden Dreizehnjährigen kommen aus Madrid und machen seit vier Jahren bei Jugend musiziert mit. Plötzlich stehen sie vor der "am wenigsten spaßigen" Phase, dem Bundeswettbewerb, der in Lübeck vom 16. bis 22. Mai stattfand. Dafür mussten sie zwei Stufen überwinden: den Regionalwettbewerb an der Deutschen Schule Madrid und den Landeswettbewerb, der für die Region Iberien 2024 in Porto stattfand und zu dem die erfolgreichsten Regionalpreisträger der elf Deutschen Schulen aus Spanien und Portugal für eine Woche angereist sind: aus Madrid, Barcelona, Valencia, Bilbao, San Sebastián, Sevilla, Málaga, von den Deutschen Schulen auf Teneriffa und Gran Canaria und aus Lissabon. "Am coolsten ist es definitiv hier auf der Halbinsel, weil es mit all den Leuten mehr Spaß macht und in Deutschland beim Bundeswettbewerb eher professionell mit etwas mehr Druck zugeht", meint Alejandro Herraiz Crone, der fünfzehnjährige Bariton aus Málaga. Titita, die pensionierte Musiklehrerin der Deutschen Schule zu Porto, kennt das. Sie unterstützt Jugend musiziert seit 1994. Jedes Jahr treffen sich die Teilnehmer an einer anderen ausrichtenden Deutschen Schule. "Letztes Jahr war ich an der Deutschen Schule Gran Canaria und hab' all die tollen Leute wie Pablo, Timmy und Basti kennengelernt", ergänzt Alejandro.
Musiklehrerin Fátima Vasconcelos, die alle nur Titita nennen, ist mit Jugend musiziert nicht nur als Lehrerin verbunden. Ihre Tochter machte seit der sechsten Klasse jedes Jahr mit, und ihr Sohn sei Teil der berühmtesten Band der Deutschen Schule zu Porto gewesen. Als es diese Kategorie noch bei Jugend musiziert gab, hatte die Band fünf Jahre in Folge einen ersten Preis gewonnen. "Meine Tochter fragte mich nur: 'Und was kommt dieses Jahr dran, welche Kategorien?' Musical, sagte ich, und dann fing sie an zu üben." Als Mutter ist Titita meist noch aufgeregter beim Vorspielen als die Kinder.
"Jugend musiziert ist eigentlich wie eine musikalische Fotosammlung", betont der wohlbeleibte, grauhaarige Matthias Pannes. "Die Vorspiele sind wie Momentaufnahmen in einer musikalischen Bildungsbiographie." Der Vierundsechzigjährige mit dem Schnauzbart, der nach fast 20 Jahren als Bundesgeschäftsführer des Verbands deutscher Musikschulen am 1. Oktober in den Ruhestand gegangen ist, ist auch mitverantwortlich für die Organisation von Jugend musiziert. 2024 war er ebenfalls Vorsitzender der Jury in Iberien. Pannes beschreibt seine Arbeit als eine "Zwischenwelt, wo man sich sowohl mit Musik als auch mit Organisation beschäftigt". Der Wettbewerb sei eine entscheidende Station in der Ausbildung eines Musikers. Viele der heute bekannten Musiker haben hier die Grundlage ihrer Karriere geschaffen, unter ihnen Anne-Sophie Mutter, Igor Levit, Tabea Zimmermann, Frank Dupree, Andreas Martin Hofmeir, Frank Peter Zimmermann, Martin Helmchen und Marie-Elisabeth Hecker. Für Pannes ist Jugend musiziert kein Weiterleitungswettbewerb, sondern ein Wettbewerb, wo sich die Teilnehmer selbst als Künstler entwickeln. "Am spannendsten ist zu entdecken, wie ein Stück von Beethoven oder Mozart aus der Sicht eines Kindes oder Jugendlichen klingt." Pannes schätzt, dass der Wettbewerb auf allen drei Ebenen jährlich rund sechs Millionen Euro kostet. Alle drei Ebenen werden von den Sparkassen unterstützt; die Regionalwettbewerbe werden von den Kommunen, die Landeswettbewerbe von den Ländern gefördert. Beim Bundeswettbewerb beteiligt sich maßgeblich das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. 2024 kosteten die Veranstaltungen, Workshops und Essen allein die Deutsche Schule zu Porto knapp 30.000 Euro nach Angaben des Schulsekretariats.
Der Wettbewerb verbindet junge Menschen über die Regionalwettbewerbe an den Deutschen Auslandsschulen auf der ganzen Welt. Dabei sind die zehn- bis zwanzigminütigen Vorspielprogramme nicht überall gleich. So tauchen bei den Schülern der Iberischen Halbinsel häufig Komponisten wie Isaac Albéniz und Heitor Villa-Lobos auf. Dort sind es die Musiklehrer, die als Jury die Schüler beurteilen, mit Ausnahme ihres eigenen Lehrers. Er wird ihnen später sagen, was sie entsprechend ihrer Bewertung noch verbessern können. In Deutschland beurteilen Instrumental- oder Gesangsexperten die Musizierenden und führen dann Einzelgespräche, um konstruktive Kritik zu geben. Auch die Atmosphäre ist anders. "Die meisten, die nach Deutschland fliegen, wollen dann einen Platz in einem deutschen Orchester haben", betont Titita. "Da ist die Konkurrenz fast zu groß. Hier beim Landeswettbewerb spielen sie, weil Musik Freude macht." Die Punktzahl reicht von null bis 25. Ab 23 Punkten ist den Teilnehmern ein Platz beim Bundeswettbewerb sicher.
Die "Jumu open"-Kategorie ist seit 2021 dabei, im Landeswettbewerb wird sie noch erprobt. Die Schüler aus Sevilla haben einen Beitrag über die Geschichte der Videospiele und deren Musik erstellt. Hier gebe es Raum für Kreativität, aber die Musik sei trotzdem im Mittelpunkt, erklärt Pannes. Andere Schülerinnen aus Madrid haben aus ihren bisherigen Beiträgen bei Jugend musiziert eine musikalische Story kreiert, die einen Bogen von alter Musik bis zu modernen Songs spannt. Bei einem Soloauftritt in der Kategorie Musical weint eine angehende Abiturientin, es war ihr letztes Jahr bei diesem Wettbewerb.
Nach einer Woche voller musikalischer Veranstaltungen, Workshops und Ausflüge treffen sich Schüler, Eltern und Teilnehmer zum Preisträgerkonzert im Kloster Mosteiro de São Bento da Vitória in Porto für das große Finale. Eine Auswahl der Erstpreisträger präsentiert ihre Stücke dem Publikum, gefolgt von der Preisverleihung, bei der jeder erfährt, ob er nach Deutschland weitergeleitet wurde oder nicht. "Was diesen Wettbewerb wirklich wertvoll macht, ist das musikalische Wachsen und der Austausch unter jungen Menschen verschiedenen Alters und verschiedener Länder", betont Pannes.
Ende Mai 2024 kehrt der dreizehnjährige Ivan Suprunov mit 24 Punkten und einem ersten Preis vom Bundeswettbewerb nach Porto zurück. Die fünfzehnjährige Anna Ericksson und der sechzehnjährige João Iken sind mit ihrem zweiten und dritten Preis froh. Für Ivan wird es das letzte Jahr in der Deutschen Schule sein. Er wechselt zum Conservatório de Música do Porto, da er eine bessere musikalische Bildung will, um seine Traumkarriere als Fagottist zu verwirklichen.