Und dann beginnt eine neue Geschichte. Globi ist die erfolgreichste Schweizer Kinderbuchfigur.
Zu unheimlich darf es nicht werden", meint Samuel Glättli. Er sitzt am Tablet und zeichnet die Abenteuer von Globi, der erfolgreichsten Schweizer Kinderbuchfigur. Glättli trägt eine Brille und ein sympathisches Lächeln. Seine dunklen Haare sind nach hinten gekämmt. Das kleine Atelier in seinem Haus im Kanton Aargau ist vollgepackt mit Globi-Büchern. An den Wänden hängen Zeichnungen. Neben der Arbeit für den Globi-Verlag entwickelt der 44 Jahre alte freischaffende Illustrator Figuren und Maskottchen, die überwiegend für Kinder sind. "Globi ist alterslos und kein Mensch, er ist er selbst, und alle können sich mit ihm identifizieren. Globi ist jung und kindlich. Er kann machen, was Erwachsene machen, aber er hat den Geist eines Kindes, spielt Streiche und erlebt Abenteuer." Entstanden ist Globi im Jahr 1933 als Werbemaskottchen für das Schweizer Warenhaus Globus. Er ist eine Art Papagei-Mensch mit blauem Körper und gelbem Schnabel. Schweizweit wird er seit mehr als 80 Jahren als Kinderheld gefeiert. Die Figur wurde so beliebt, dass Kinderbücher lanciert wurden. Eine Doppelseite setzt sich jeweils aus einer Seite mit Bildern und einer weiteren mit Versen zusammen, die die Handlung erzählen. "Wenn Globi manchmal als Kostümfigur an Events dabei ist, dann ist es krass, wie die Kinder Globi umarmen, als wäre es der beste Freund, den sie schon lange nicht mehr gesehen haben."
Aufgewachsen ist Glättli in Zürich, wo er das Gymnasium Liceo Artistico besuchte, eine öffentliche Maturitätsschule mit Schwerpunkt bildnerisches Gestalten. Studieren wollte er in der Luzerner Kunsthochschule. Als er jedoch die Aufnahmeprüfung nicht bestand, entschied er sich für eine Trickfilmausbildung in Vancouver. "Ich glaube, ich habe schon davon geträumt, selbst einen Comic zu machen." Als Kind war er begeistert von den Schlümpfen, Micky Maus oder von Asterix, zeichnete sie ab und las sie natürlich auch. 2009 ergab sich für ihn die Möglichkeit, für den Globi-Verlag zu zeichnen, der seit 1944 Globi herausgibt. Der vorherige Zeichner war bereits weit über der Pensionsgrenze und Glättli mit seinem Online- Portfolio der passende Nachfolger.
"Ich fange meistens um neun Uhr an zu arbeiten, um zwölf mache ich Mittagspause, dann arbeite ich noch mal bis um vier oder fünf." In seiner Freizeit zeichnet Glättli fast nicht. Mit einem Lächeln deutet er aber auf Kritzeleien seiner Einkaufsliste. "Wenn das neue Buch geplant wird, treffe ich die Verlagsleiterin, und wir sitzen etwa zwei Stunden zusammen. Bevor ich mit dem Zeichnen anfangen kann, muss der ungefähre Ablauf geplant werden. Dazu schreibe ich zu allen 47 Seiten einige Sätze, was passiert." Die könnten wie folgt lauten: "Zwischen Blitz und Donner sieht Globi in der Ferne eine riesige schwarze Silhouette sich in der Dunkelheit auftürmen - es ist eine Figur mit Dreizack: Neptun, der Meeresgott persönlich! Da wird dem Globi schwarz vor Augen." "Wenn es um etwas geht, was es wirklich gibt, gehe ich einen Tag dorthin, um zu recherchieren. Die Mitarbeiter an den Orten erzählen dann auch Geschichten als Inspiration. Danach skizziere ich alles." Alle zwei Jahre erscheint ein Buch des Illustrators. Abwechseln und absprechen tut er sich mit Daniel Frick. Der Verlag arbeitet mit drei Zeichnern. Glättli und Frick sind für die klassischen Bücher zuständig, Daniel Müller illustriert die Globi-Kochbücher. "Wenn das ganze Buch skizziert ist, geht es erst zum Verslischmied. Er erfindet einen Vers zu jedem Bild. Hätte ich keine Deadline, würde ich drei Jahre am Buch arbeiten." Er sei wohl ein Perfektionist. "Ich zeichne gerne Tiere, wann immer Tiere vorkommen, das macht mir Spaß." Am liebsten entwickelt er neue Charaktere. Mit Globi habe er fast unbegrenzte Möglichkeiten, da er in einer Phantasiewelt lebt. "Zum Zeichnen ist es interessant, weil man ihn immer nur von der Seite sieht. Man hat nur ein Auge zur Verfügung. Deshalb muss man ziemlich viel mit der Körpersprache machen." Als Glättli die Möglichkeit bekam, Globine, das weibliche Substitut von Globi, zu zeichnen, ergriff er die Gelegenheit. "Es ist eine Chance, noch mal eine Figur zu gestalten, die vielleicht noch ein bisschen andere Aspekte hat und andere Abenteuer erlebt."
Globi habe sich mit der Zeit entwickelt, er reflektiere deren Werte, erklärt Glättli. "Globi und Globine müssen immer mal wieder ein Smartphone dabeihaben. Denn wenn sich Globine etwa verirrt und keine Rede von einem Handy ist, fragen sich die Leser, warum sie nicht einfach das GPS benutzt." Die Abenteuer von Globi sind jedoch meistens analog. "Man zeigt, wie man ganz viel Spaß haben kann, ohne Bildschirm. Das ist pädagogisch wertvoll." Man müsse aufpassen, dass es nicht zu unheimlich werde. "Das unterschätzt man schnell als Erwachsener." Das Durchschnittsalter seiner Leser liegt zwischen vier und zehn Jahren. "Ich versuche, eine Geschichte zu schreiben, die ich früher auch lässig gefunden hätte." Manchmal frage er seine zwei Kinder im Alter von neun und 15 Jahren. In fast jedem seiner Bücher sind die Namen seiner Kinder zu finden, zum Beispiel als Name einer Bäckerei. "Es ist lässig, sich mit so viel Freiheit ausleben zu können. Es ist so eine visuelle Welt, es braucht immer Bilder, und jemand muss sie ja machen."