Mit Flugsimulator und Windkanal begeistert das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt
Konzentrierte Stille. Langsam fährt der mit zahlreichen Kabeln ausgestattete etwa fußballgroße schwarze Roboter über die graue Straße auf dem autoteppichähnlichen Feld. An einer roten Linie bleibt er stehen. Die fünf Schülerinnen des 13. Jahrgangs jubeln. Der Versuch zum Thema "Automatisiertes Fahren", bei dem Schüler kleine Autoroboter programmieren, ist nur eines der vielen Experimente, die sie hier heute ausprobieren dürfen. Der große Raum im Erdgeschoss des roten Gebäudes auf dem Forschungsgelände des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) im Norden Braunschweigs ist gefüllt mit spannenden Objekten: ein Windkanal, zahllose Flugzeugmodelle, eine Bahnstrecke. "Da hat man mir hier quasi den Schlüssel zum Candy Store gegeben", schmunzelt Frank Fischer, Leiter des DLR School Lab.
Die Einführung zu Beginn des Besuchs mit einer digitalen Präsentation, die die Geschichte der Luft- und Raumfahrt sowie das DLR selbst vorstellt, übernimmt Yannick Sobkowiak. Der Informatikstudent hat sein anfängliches Studiennebenfach zu einer Leidenschaft entwickelt. "Die Raumfahrt hat mich eigentlich schon immer fasziniert, doch sie war für mich eher etwas Abstraktes und von Science Fiction geprägt", erklärt er. Seine Erfahrungen im DLR haben ihm eine neue Perspektive eröffnet. Er strebt sogar an, selbst einmal im All zu landen.
Überall ist der interaktive Ansatz des Schülerlabors zu spüren. Das mache das DLR jedoch nicht zu einem Ort des Ersatzunterrichts, betont Fischer. Im Fokus stehe weder das Belehren oder Bewerten noch die Nachwuchsgewinnung für das Zentrum selbst. Natürlich freut man sich über alle, die hier später arbeiten wollen. "Aber allein, wenn es uns gelingt, die Begeisterung, das Interesse für Wissenschaft, Forschung und Technik zu vermehren, dann ist ganz viel erreicht", sagt der Diplom-Wirtschaftsingenieur.
Der 46-Jährige ist seit seiner Kindheit fasziniert von Luft- und Raumfahrttechnik. Junge Menschen für die Naturwissenschaften zu gewinnen sei die Aufgabe der Labs überall in Deutschland, meint Fischer, der praktische Handwerkskleidung trägt. Nach seinem Studium an der TU Braunschweig arbeitete er im Institut für Systemleichtbau des DLR. Als ihm 2013 die Leitung des Labs angeboten wurde, musste er nicht lange nachdenken. Dort verzeichnet man rund 6000 Besucher jährlich.
Insgesamt 16 DLR-School-Labs gibt es hierzulande. Das erste entstand 2000 in Göttingen, als die Weltausstellung Expo unter dem Motto "Mensch, Natur und Technik - Eine neue Welt entsteht" stattfand und im DLR in Göttingen die Idee aufkam, als begleitendes Programm ein Funklabor für Schüler zu öffnen. "Das fanden die Schüler cool. Und die Lehrkräfte auch", sagt Fischer. Von der Idee, sie schon während ihrer Schulzeit für die Naturwissenschaften zu gewinnen, wurden weitere Standorte angesteckt. Diese haben unterschiedliche Schwerpunkte, in Braunschweig ist es die Luft- und Raumfahrt und Verkehrsforschung. Fischers Begeisterung zieht sich ins Privatleben. "Das klingt jetzt wenig inspirierend oder vielleicht abgedroschen, aber meine Hobbys sind Luft- und Raumfahrt." Er bastelt gerne an Flugzeugmodellen. Mit seiner Frau hat er das Space Center und die NASA in Houston besichtigt. Als Leiter des Labors verantwortet er neben organisatorischen Dingen die stetige Entwicklung der Schülerexperimente. Er macht das gemeinsam mit einem Team von Studenten der TU und fünf MINT-Lehrkräften aus Braunschweig.
In den Versuchen werden sowohl die Physikkenntnisse als auch das Allgemeinwissen auf die Probe gestellt. Das Programmieren der Autoroboter erinnert vage an eine unterhaltsame Form von Informatikunterricht. Zwei Schüler legen konzentriert diverse Hebel und Schalter um und schaffen es ganz knapp, ihr imaginäres Flugzeug in einen am Himmel vor ihnen auftauchenden Tunnel zu lenken. Pilot und Copilotin lächeln sich erleichtert an, der Anflug zum Forschungsflughafen Braunschweig-Wolfsburg gestaltet sich schwieriger als erwartet. Der Flugsimulator ist ein Highlight für Besuchergruppen, was auch dem echten Cockpit mit Fluggastreihe dahinter geschuldet ist. Ein Stockwerk weiter oben staunen die Schüler über ein detailgetreues tellergroßes Modell der ISS, bevor sie nacheinander eine VR-Brille aufsetzen und in gefühlter Schwerelosigkeit selbst die Module der internationalen Raumstation erkunden. Einen Spaziergang im Weltall später geht es wieder ins Erdgeschoss, wo etwa die Windschlüpfrigkeit von Autos, der beste Winkel für die Rotorblätter eines Helikopters oder der freie Fall darauf warten ausprobiert zu werden. Es sind die Studenten wie Sobkowiak, die den Jugendlichen die Inhalte locker vermitteln. Heute sind vier Studenten hier. Sie kümmern sich um eine Gruppe von Oberstufenschülern aus Schöningen. "Seit dem ersten Tag fühle ich mich hier wie zuhause", sagt Maschinenbaustudentin Natalia Tatyana Vidire. "Meine Mutter hat mich öfters zur Arbeit in eine andere Stadt mitgenommen, und als es einmal einen Notfall gab, hat der Chef angeboten, mich im Firmenhubschrauber nach Hause fliegen zu lassen." Seitdem war ihre Karriere vorbestimmt.
Auch bei einigen Schülern sieht es aus, als wäre ihre Begeisterung entfacht worden. Ein letzter Ruck, und das imaginäre Flugzeug landet rumpelnd auf der langen Landebahn des Forschungsflughafens. Das war knapp, echten Passagieren hätte es kaum gefallen. "Für den ersten Versuch ist das super", versichert der anleitende Student den lachenden Schülern.