Und dann war der Zug plötzlich abgefahren

Am 13. August 1961 machte die DDR ihre Grenze in Berlin dicht. Adelheid Klopfer nahm die letzte S-Bahn in den Westen

Es ist der 12. August 1961. Der für die damals einundzwanzigjährige Adelheid Klopfer entscheidende Tag in ihrem Leben. An diesem Tag bedeutet die letzte S-Bahn die letzte Chance auf Freiheit. So beschreibt die schlicht gekleidete Pensionärin es heute. Klopfer hat braune Haare und ist 1,60 Meter groß. In den Westen wollte sie. Dort sollte eine Woche später ihre Hochzeit mit ihrem Verlobten Eckert Klopfer stattfinden. Eine von insgesamt zehn geplanten West-Ost-Trauungen am Zehlendorfer Standesamt. Ihr Verlobter hatte sich schon 1957 aus der DDR gerettet, da die Stasi ihn wegen systemkritischer Aussagen in der Universität verhaften wollte; nun wollte sie ihm folgen. Mit Nervosität und Vorfreude sei sie mit all ihren relevanten Dokumenten in die Bahn gestiegen; von Rudolstadt in Thüringen nach Westberlin sollte ihre Reise verlaufen.


Es war der letzte Tag, an dem die Mauer noch nicht geschlossen war. Noch hatte sie die Möglichkeit, mit der S-Bahn in den Westen zu fahren. "Am nächsten Morgen war die Mauer dicht."


Alles läuft wie geplant, bis ein DDR-Polizist am S-Bahnhof Griebnitzsee auftaucht und in ihrem Koffer ihre persönlichen Papiere und Dokumente entdeckt, woraufhin er sie mit den Worten "Ist doch klar, was Sie wollen. Ist doch eindeutig" rauszieht. Sie muss aus der S-Bahn aussteigen und wird in ein "Grenzkontrollhäuschen" gebracht. Dort wartet sie den ganzen restlichen Abend, ohne zu wissen, was auf sie zukommen würde. Nicht einmal nach Hause, zurück nach Thüringen fahren durfte sie.


Zwischen Ost und West vergehen die Stunden wie zwischen zwei Welten. Adelheid Klopfer sitzt im Büro des Beamten fest. Die Chance auf eine Weiterfahrt scheint immer kleiner zu werden. "Ich hatte Angst, meinen Verlobten nie wiederzusehen, geschweige denn ihn heiraten zu können." Die Gefühle, die sie in diesen Stunden durchleben muss, waren voller Sorge. Es sei nicht nur um ihre Zukunft mit ihrem Verlobten im Westen gegangen, sondern auch um die Angst, die sie spürte, wenn sie im Osten bleiben muss. Denn dieser Ausreiseversuch würde gewiss negative Konsequenzen für ihr Leben in der DDR mit sich bringen.


Dem Uniformierten scheint das egal zu sein. "Ich bekam keine Antwort auf meine Fragen." Das Schweigen habe den gesamten Raum gefüllt. Es wird immer später, Adelheid Klopfers Angst immer größer - bis kurz vor Mitternacht die letzte S-Bahn Richtung Wannsee einfährt. Der Beamte scheint zu wissen, dass dies die letzte S-Bahn ist. Wortlos zieht er Klopfer plötzlich hoch und schubst sie in die S-Bahn, "meinen Koffer und mein Familienstammbuch hinterher". Die Türen schließen sich hinter ihr, und Adelheid Klopfer fährt nach Wannsee, in den Westen.


Freude überkommt sie, für Verwirrung oder Nachfragen sei in dem Moment keine Zeit gewesen. Adelheid Klopfer ist einfach froh, endlich wegfahren zu können. Später habe sie sich oft gefragt, warum der Beamte sich dazu entschied, ihr die Freiheit zu schenken. Eine Antwort auf diese Frage habe sie bis heute nicht gefunden.


Sie und ihr Verlobter sind die Einzigen. Das einzige der zehn Paare, die sieben Tage später im Zehlendorfer Standesamt getraut werden. Alle anderen Ost-West-Paare schaffen es nicht, erfolgreich in den Westen zu gelangen, um zu heiraten. Das habe man ihnen vor Ort erzählt.


Für Familienbesuche reist Adelheid Klopfer heute noch gelegentlich in den Osten, doch seit dem 12. August 1961 habe sie im Westen gewohnt. Ihr Mann starb 2005. Nach ihrer Hochzeit hat sie an verschiedenen Schulen als Religionslehrerin gearbeitet. An ihre Flucht und die Angst während der Stunden denkt sie noch oft. Manchmal fragt sie sich, warum ausgerechnet sie dieses Schicksalsglück erfuhr, besonders wenn sie an die anderen Paare denkt, die damals vermutlich in derselben Situation steckten wie sie. Es dauerte 28 Jahre, bis sich die Mauer wieder öffnete.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 12.01.2026, Nr. 9, S. 26 - Ella Neubacher, Goethe-Gymnasium, Berlin-Lichterfelde

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