Der minderjährige Abdi war allein auf der Flucht von Somalia bis in die Schweiz
Ich fühle mich, als wäre Familie hier", sagt der Somalier Abdinasir Faarah. Seit drei Jahren lebt der 19-Jährige in der Schweiz. Seine Wohnung am Wollishoferplatz in Zürich teilt er mit zwei weiteren Flüchtlingen aus Ghana und Afghanistan. Über sein eigenes Zimmer, dekoriert mit auffällig vielen LEDs, ist er froh. Auf seiner Flucht über Afghanistan, die Türkei und Griechenland lebte er in zahlreichen Camps oder versteckt in einer Wohnung. Oft durfte er seinen Aufenthaltsort nicht verlassen. Über einige Jahre hatte er keinen Zugang zu Bildung. Das belastete den sportlichen jungen Mann. Sein Wille, sich weiterzubilden, ist groß. "Ich bin immer unterwegs." Zweimal die Woche spielt Abdi mit anderen Somaliern Fußball. Freitagabends fährt er nach Lausanne oder ins Wallis, um Freunde zu besuchen.
Und an schönen Abenden macht er es sich am See mit einer Wassermelone gemütlich.
Seinen Unterricht an der Fachschule Viventa verpasst er nie. Er dient der sprachlichen Vorbereitung auf seine Lehre als Logistiker, die Abdi im August 2024 im Limmattal begann. Diesen Wunsch hatte er schon, als er vor gut zwei Jahren übergangsweise bei unserer Familie einzog, weil er im Lilienberg in Zürich nicht zurechtkam. Um die 90 Minderjährige mit Fluchthintergrund aus verschiedenen Nationen und Kulturen leben dort auf engstem Raum. Viele hätten sich in ihrer Heimat bekämpft. So kommt es immer wieder dazu, dass Flüchtlinge wie Abdi aus Somalia eine Minderheit darstellen und im Lilienberg Pressionen ausgesetzt sind. Auf die Frage, was im Schweizer Flüchtlingssystem noch verbessert werden sollte, erwidert Abdi: "Sonst alles tipptopp."
Als das Lied "Wavin' Flag" im Fernseher ertönt, ist er sichtlich berührt. Mit dem Interpreten, dem Somalier K'naan, identifiziert er sich . Die Probleme, die in seiner Heimat herrschen, belasten Abdi. Er meint, das größte Problem seien die jungen Männer, die den Anweisungen von Al-Qaida folgen, weil sie denken, so in den Himmel zu kommen. Ihnen werde erzählt, dass sie Waffen oder Bomben einsetzen müssten, sodass sie und alle um sie herum sterben. "Diese Al-Qaida-Personen sind keine Engel. Wie können sie wissen, ob sie in den Himmel gehen oder nicht." Seine Haare zwirbelnd, erzählt er von einem engen Freund, der Al-Qaida gefolgt ist. In den Wald musste er gehen, seitdem sei er nicht mehr gesehen worden, und niemand wisse, was aus ihm geworden ist.
Abdi erzählt, dass er mit seinen Eltern und drei Schwestern auf einem kleinen Bauernhof außerhalb der Stadt lebte. Schon früh muss er auf dem Hof mitarbeiten. Eines Tages wird die Mutter durch die al-Shabaab, eine islamistische Terrororganisation, aufgefordert,
entweder Abdi, ihren einzigen Sohn, mitzugeben oder eine für sie hohe Summe zu bezahlen. Weil sie kein Geld hat, schickt sie Abdi zu einer Tante in die Stadt, nach Mogadischu, damit er von dort aus fliehen kann. Eine Stunde läuft er mitten in der Nacht allein zur nächsten Bushaltestelle. Mit sich trägt er nur Geld für das Ticket, eine Taschenlampe und ein Handy mit SIM-Karte, damit er seine Tante kontaktieren kann. Einen Monat verbringt er nur im Haus, doch auch dort wird er aufgespürt, sodass er seinen Unterschlupf wechseln muss. Über seine Tante kann er Kontakt mit seiner Mutter halten. "Mami, ich habe so Angst", zitiert Abdi sich selbst, seine Haare noch intensiver zwirbelnd.
Über seinen Onkel hat er die Möglichkeit, ein Visum für die Türkei auf dem Schwarzmarkt zu erhalten. Dafür muss seine Mutter bei Freunden und Nachbarn um Geld bitten, da das Visum sie etwa 300 Dollar kostet.
Auf seinem Weg sucht er immer wieder Unterstützung durch unterschiedliche, fast immer fremde Menschen. In Istanbul trifft er sich mit einem jungen Mann, bei dem er für zwei Wochen unterkommen kann. Abdi bittet ihn mehrfach, länger bleiben zu dürfen. Vergeblich. So fasst er den Entschluss, weiter nach Griechenland zu fliehen. Dafür braucht er aber noch mehr Geld. Bis er dieses hat, findet er in einer Moschee Unterschlupf und erhält dort gratis Nahrung. Nach drei Tagen fahren sie zu fünft in einem kleinen Auto zum Strand. Den ganzen Tag verstecken sie sich im Wald, weil das Gebiet durch Polizeischiffe überwacht wird. "When they see you, they catch you", erklärt Abdi. Um zwei Uhr morgens bereiten sie das Boot vor. Niemand weiß, wie man solch ein Boot fährt. Ein junger Sudanese soll die Aufgabe übernehmen. Er hat keine Wahl, denn die Schlepper tragen Waffen. Fünf Minuten darf er üben, dann geben die Schlepper nur noch die Richtung an, und die Flüchtlinge sind auf sich allein gestellt. Eine Stunde später befinden sie sich auf hoher See, zwischen Griechenland und der Türkei, als das Boot kaputt geht. Die türkische Küstenwache hilft nicht, da sie sich schon auf griechischer Seite befinden, doch Griechenland reagiert sofort auf den Anruf über die Notfallnummer. Gleichzeitig werden die Wellen immer höher, sodass die Flüchtlinge schwer zu finden sind. Das Wasser ist eiskalt, und im Dunkeln treiben sie durch die hohen Wellen in die falsche Richtung. "Nicht gedacht ich kann leben." Die Angst sitzt Abdi noch heute im Nacken. Mithilfe eines Helikopters wurde er gefunden. Im Hafen versuchen Polizisten herauszufinden, ob sie alle retten konnten. "Jeder sagt, ob Kollege da ist." Zwei Mädchen fehlen. Sie werden ein zweites Mal gesucht. Erfolglos.
Während er erzählt, macht Abdi immer wieder eine Pause, um Afrobeat laufen zu lassen. In den Musikvideos wird mit schönen Autos geprotzt. Davon hält Abdi nicht viel. Wenn er genug Geld hat, wünscht er sich ein Haus auf dem Land, ohne den Lärm der Straßen, die ihn in Zürich stören. Strahlend erzählt er von Reiseträumen. Das Größte wäre für ihn, einmal Ferien auf den Malediven machen zu können.
Für Abdi ging es weiter in ein Flüchtlingscamp. Der Ausbruch des Coronavirus erschwerte die Situation im Dezember 2020. Er musste mehrfach seine Geschichte erzählen und abwarten, ob Griechenland ihn aufnimmt. Einmal pro Woche durfte er das Camp mit anderen Somaliern verlassen, um einkaufen zu gehen. Früher waren die Flüchtlinge freier,
doch es wurde vermehrt gestohlen, sodass dann pro Tag nur ein bis zwei ausgewählte Länder das Camp verlassen durften, damit die Läden nicht von Flüchtlingen überrannt werden. Viele werden in dieser Zeit drogenabhängig, da sie keine Beschäftigung haben, behauptet Abdi. Fast zehn Monate verbringt er dort, bis er einen Ausweis bekommt. Dann muss er das Camp verlassen. Neun Freunde geben ihm je zehn Euro, sodass er sich ein Ticket nach Athen kaufen kann. Über Athen kommt er durch die Hilfe eines fremden Mannes nach Mailand. Dort nimmt er den Zug in die Schweiz. Während der Fahrt verlässt er die Toilette nicht, um nicht kontrolliert zu werden. Trotzdem wird er von der Polizei erwischt, weil er sich wegen seines Hungers und Durstes nicht länger verstecken konnte. In der Schweiz muss er immer wieder die Unterkunft wechseln, viele Gespräche führen, bis er den F- Ausweis, die vorläufige Aufnahme, im März 2024 erhält. Seit über einem Jahr lebt er dank der Stiftung Futuri in seiner jetzigen Wohnung, in der er voraussichtlich bis zu seinem Lehrabschluss bleiben kann.
Der Fußball hat Abdi viele Freundschaften schließen lassen. Stolz trägt er auch an diesem Tag sein Trikot. Er ist angekommen. Leichtes Zittern in seiner Stimme und die Sehnsucht in seinen Augen ist groß, wenn er von seiner Heimat und der Familie erzählt, dankbar für jeden Telefonkontakt.