Von Frauen gezeichnet

In einem Malkurs nehmen sie Blumen in den Blick

 Die Kirchenglocken im Bergdorf Valchava im Kanton Graubünden schlagen. Das ist im Dachgeschoss vom Hotel Central zu hören. Aus den Fenstern erblickt man steile Nadelwälder und baumlose Bergspitzen. Links der 2968 Meter hohe Piz Daint und dahinter der etwas kleinere Munt Buffalora. Das Licht fällt auf einen Tisch. Auf ihm stehen zehn Pflänzchen: eine Erdbeerpflanze mit leuchtenden Magenta-Blüten, eine lavendelfarbene Montbretie, die ihren Kopf senkt, und ein großer oranger Sonnenhut, der über einer violetten Staudenwicke thront, die sich über den Tisch schlängelt.

 

Im Zimmer stehen Tische, an denen zehn Frauen sitzen und Sonja Beer zuhören. Die 64-Jährige aus dem Kanton Aargau leitet den botanischen Aquarellkurs. Sie trägt eine farbig gemusterte Bluse, eine dunkle Leinenhose und türkise Birkenstocksandalen. Ihr braunes Haar hat sie hochgesteckt. "Als Kind spielte ich gern mit Farben. Es hat mir Spaß gemacht, etwas selbst entstehen zu sehen und Geschichten nicht mit Worten, sondern mit Bildern zu erzählen." Ihr Vater habe auch gut gezeichnet, "vielleicht war es schon immer in meinem Blut. Ich wollte eigentlich an die Kunstschule, aber meine Eltern meinten, damit könne ich kein Geld verdienen." Sie schlugen ihr eine kaufmännische Ausbildung vor. "Da ich ein folgsames Kind war, habe ich das gemacht."

 

In ihrem Kurs zeigt sie die Grundlagen des Zeichnens. Sie selbst hat es autodidaktisch gelernt und später in der Gestaltungsschule in Luzern und in der Society of Botanical Artists in London, wo sie auch ein Diplom bekommen hat. "Wichtig ist die Haltung beim Zeichnen", erklärt Beer den Teilnehmerinnen, die jeweils zu zweit an einem Tisch sitzen. "Man sollte gerade sitzen, und die Bewegung des Stiftes sollte aus der Schulter kommen, nicht aus dem Handgelenk", erklärt sie. "Jedes Gemälde wird nur so gut wie die Zeichnung, auf der das Gemälde basiert. Und um uns einzustimmen, machen wir ein paar Lockerungsübungen auf dem Papier." Beer dreht sich zum Flipchart. "Ihr könnt sie mit einem Bleistift machen, ich zeige es mit einem Filzstift vor. Verbindet die beiden Punkte, ohne auf eure Stiftspitze zu schauen. Schaut nur auf den zweiten Punkt." Dies soll die Auge-Hand-Koordination stärken. Vor jeder Teilnehmerin steht ein Wasserglas mit einer Garten-Zinnie. Nach weiteren Übungen wie dem Nachzeichnen von Quadraten, Kreisen und freien Formen geht es an die Arbeit. Wer neu ist, wird damit beauftragt, einfache geometrische Formen zu schattieren, da Pflanzen aus solchen Formen aufgebaut sind. Zudem erstellt man eine Tabelle mit den verschiedenen Bleistiften, indem man mit jeder Minenhärte ein kleines Quadrat zeichnet und es ausfüllt. Das hilft später beim Auswählen des Bleistifts für unterschiedlich dunkle Schatten. Wer das schon kennt, darf sich direkt seine Blume aussuchen und sie zeichnen. "Ich muss sagen, ich habe eine Schwäche für Osterglocken", sagt Beer und lacht. "Erst als ich mit der botanischen Kunst begonnen habe, habe ich wirklich die Farbe Gelb entdeckt. Die Osterglocke ist für mich eine Blume, die die Herrlichkeit der Schöpfung verkündet." Früher konzentrierte sie sich auf abstrakte Kunst. "Ich mochte Pflanzen und Blumen schon immer. Aber ich dachte immer, dass ich das nicht könnte, dass es zu schwierig sei." Als sie dann im September 1994 nach ihrer Heirat mit ihrem damaligen Mann, einem englischen Fotografen, nach Wales gezogen ist, nahm sie die Herausforderung des realistischen Zeichnens an. Dort bot sich ihr endlich die Gelegenheit, botanische Kunst zu studieren. Heute verdient sie auch ihr Geld damit. Im September 2022 kehrte sie wieder in die Schweiz zurück, da sie zuletzt ihre Heimat immer mehr vermisste und ihre alternden Eltern ihre Unterstützung brauchten. Nun wohnt sie allein.

 

Für die Anfänger geht es an die Schattierung eines Apfels. "Sobald wir einen Schlagschatten zeichnen, ist es technisch gesehen nicht mehr eine botanische Zeichnung, sondern ein Stillleben." Der Apfel ist ein einfaches Sujet. "Beim dritten Mal zeichnen wir dann Apfelmus", scherzt eine, und alle lachen. Die Erfahrenen zeichnen währenddessen an ihren Blumen weiter. Wer seine Blume fertig gezeichnet hat, überträgt sie auf Transparent- und dann auf Aquarellpapier, das mit Klebestreifen auf einem Holzbrett fixiert ist, um Wölbungen zu vermeiden.

 

Dann geht's schon los mit dem Malen, Schicht für Schicht. Für eines ihrer Bilder kann Beer bis zu 60 Schichten brauchen. Für eine A3-Komposition benötigt sie bis zu zwei Monate. Man fängt mit der sogenannten Tea Wash an, indem man die ganze Fläche, außer weiße Glanzflecken, mit der hellsten Farbe, die im Objekt zu sehen ist, wässrig bemalt. Die lässt man trocknen und malt das Nächstdunkle darüber, lässt auch das trocknen und so weiter. Zum Schluss fügt man auch andere Farben hinzu, ohne dass die vorherige Schicht trocken ist, damit man verschiedene Farben hat, die ineinanderfließen. "Das Beste an meinem Beruf ist, dass ich einen Teil der Freude, die ich daran habe, an andere weitergeben kann." Dafür gebe es auch viel Administratives, was ihr weniger gefalle. "Das ist eigentlich genau das, was ich in der kaufmännischen Lehre gelernt habe", sagt sie und lacht.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 03.03.2025, S. 26 - Lara Novotny. Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

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